Walter Szepanski

 

Mit dem Fahrrad auf der „Ruta Vía de la Plata“

- ein Tagebuchbericht -

 

 

Nachdem ich im Jahre 2000 mit dem Fahrrad allein vom nördlichen Ruhrgebiet bis nach Santiago de Compostela  unterwegs war (einige EindrĂŒcke von der 2400 km langen Strecke sind in der Kalebasse Nr. 30 nachzulesen), reifte in mir der Wunsch, einen weiteren wichtigen Jakobusweg, den „Camino mozĂĄrabe“ - auch „VĂ­a de la Plata“ genannt - als Pilger unter die Fahrradreifen zu nehmen.

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FĂŒr die ca. 1200 km lange Strecke hatte ich die Zeit vom 2. bis 26. September 2002 vorgesehen. Dieser Zeitrahmen schien mir auszureichen, um ohne große Eile die „VĂ­a de la Plata“ abzufahren. Die klimatischen VerhĂ€ltnisse in Andalusien sind zwar im September aus nordeuropĂ€ischer Sicht noch sommerlich, aber eine Reise im Oktober war wegen der geringeren TageslĂ€nge nicht mehr ratsam. Gerne wĂ€re ich mit einem Mitpilger auf die Reise gegangen, jedoch passten Zeitpunkt, Alter und Vorstellung fĂŒr dieses Unternehmen nicht gut zusammen, so dass ich nach dem Studium von BĂŒchern, BildbĂ€nden, Fernseh-Reiseberichten und Texten aus dem Internet schließlich allein am Morgen des 2. September am Flughafen DĂŒsseldorf stand. Schon vor zwei Jahren hatte ich auf meiner Tour nach Santiago festgestellt, dass ein 7- Gang- Rad plus GepĂ€ck fĂŒr extreme Steigungen wie sie z. B. in den PyrenĂ€en vorkommen, nicht geeignet ist, um ohne lĂ€ngeres Schieben solche Streckenabschnitte zu bewĂ€ltigen. Deshalb kaufte ich mir im Herbst letzten Jahres ein 27-Gang-Rad des hollĂ€ndischen Herstellers Koga-Miyata, das diesen AnsprĂŒchen gerecht werden sollte. Neben ausreichendem Bordwerkzeug hatte ich bei dieser Fahrt auch an einige Speichen fĂŒr etwaige Reparaturen gedacht, da mir bei meiner letzten Tour in Spanien zwei Speichen gebrochen waren.                                                                                    

 

FĂŒr den Gabelflug DĂŒsseldorf-Sevilla und Santiago-DĂŒsseldorf hatte ich 365 Euro bezahlt,                                   außerdem fĂŒr den Radtransport auf dem Hinweg 50 Euro. FĂŒr den RĂŒcktransport des Rades genĂŒgte eine Reservierung, sofern man im Flughafen von Santiago die Pilgerurkunde vorweisen kann. Dann ist der Radtransport kostenlos. Beim Transport des Rades fordern die Fluggesellschaften in der Regel nur das Querstellen des Lenkers und eine Verringerung des Reifendruckes fĂŒr den Druckausgleich im Flugzeug. Im eigenen Interesse sollte man aber die Lampen mit geeignetem Schutzmaterial umwickeln, um mögliche SchĂ€den zu vermeiden.

 

 

Die Reise

 

Oft wird die Bezeichnung „VĂ­a de la Plata“ mit der alten römischen Silberstraße von Andalusien zur NordkĂŒste in Verbindung gebracht, tatsĂ€chlich aber hat der Name der Strecke mit dem Wort „plata“ (= Silber) nichts zu tun, sondern leitet sich wohl vom arabischen Wort „Bal’latta“ (= breite, gepflasterte Straße) her. Auch im Griechischen bedeutet „Plateia“ soviel wie „Breite Straße“. Seit mehr als zwei Jahrtausenden stellt die VĂ­a de la Plata eine der Hauptverbindungen von Nord- nach SĂŒdspanien dar (fast genau auf der Linie der heutigen Nationalstraße N-630). Sie war fĂŒr die Römer Heerstraße und Handelsweg, fĂŒr die maurischen Eroberer der Weg nach Norden. Schließlich war sie in der Gegenrichtung dann die Straße der Reconquista und seit dem frĂŒhen Mittelalter die Pilgerroute sĂŒdspanischer Christen nach Santiago de Compostela.

 

Meine Reise war spirituell und kulturell motiviert - gepaart mit etwas Abenteuerlust. Der sportliche Aspekt war fĂŒr mich eher gering. GegenĂŒber dem stark begangenen und auch befahrenen „Camino francĂ©s“ vor zwei Jahren wollte ich mich der ursprĂŒnglichen Form des Pilgerns wieder mehr nĂ€hern. TatsĂ€chlich bin ich auf diesem fĂŒr Pilger einsamen Weg nach Santiago de Compostela nur drei deutschen Pilgern begegnet, alle anderen Pilger waren Spanier. Ein Blick auf die zurĂŒckgelegte Strecke sagte mir, dass ich von den knapp 1200 Kilometern etwa 600 km die N 630 /N525 gefahren bin, 400 km Nebenstraßen benutzt habe und rund 200 km auf Feldwegen unterwegs war. Als FĂŒhrer diente mir das Buch von Alison Raju und Bernhard MĂŒnzenmayer „Camino MozĂĄrabe“ (U. Nink-Verlag, Solingen 1999). Da es Ă€hnliche BĂŒcher in deutscher Sprache nicht gibt, wĂ€re eine aktualisierte Auflage begrĂŒĂŸenswert. Man sollte dabei auch die WĂŒnsche der Radfahrer berĂŒcksichtigen. Mit diesem Buch habe ich jeweils am Vorabend eines Fahrtages die genaue Route geplant und sie mir dann auf einen Zettel notiert. Außerdem benutzte ich aus dem RV Verlag die beiden Landkarten Nordspanien und SĂŒdspanien im Maßstab 1: 300 000.

 

In der Regel bin ich morgens zwischen 6.30 Uhr und 8 Uhr aufgestanden, so dass ich dann gegen 8 oder 9 Uhr auf dem Rad saß. Am Start fĂŒllte ich morgens immer meine zwei Wasserflaschen fĂŒrs Rad mit je 0, 75 Liter Kranwasser auf. Diese WasservorrĂ€te ergĂ€nzte ich meist mit zwei Liter Mineralwasser. Unterwegs kaufte ich fĂŒr die Mittagsmahlzeit und fĂŒr das FrĂŒhstĂŒck am nĂ€chsten Morgen in einem Supermarkt Brot, Wurst, Schinken, KĂ€se, Obst, Joghurt und Mineralwasser ein. Eine warme Mahlzeit habe ich regelmĂ€ĂŸig abends am Zielort eingenommen. Meistens unterbrach ich meine Fahrt im Laufe des Tages fĂŒr den Einkauf im Supermarkt, fĂŒr die Mittagspause (1 – 2 Stunden), zum Fotografieren oder nachmittags fĂŒr einen „Cafe con leche“ vor einer Bar. Mein Ziel erreichte ich in der Regel zwischen 16 und 18 Uhr. Danach betrug meine reine Fahrzeit zwischen 5 und 7 Stunden. Die tĂ€gliche Fahrleistung lag zwischen 60 und 100 Kilometer. Probleme mit den Übernachtungen gab es nicht. Die spanischen Ferien waren zu Ende, und die meisten Pilger schon wieder heimgekehrt. So ĂŒbernachtete ich auf meiner Reise neun NĂ€chte in einem Hostal (Preise zwischen 10 und 23 Euro), sechsmal in einem Refugio, einmal in einem Kloster und sieben NĂ€chte privat. FĂŒr das rasche Auffinden eines Refugios oder des nĂ€chsten Hostals half mir oft die sehr freundliche Guardia Civil oder die Policia Local. Mit den an der Volkshochschule erworbenen Spanischkenntnissen war ich in der Lage, wichtige Angelegenheiten auf dem Weg zu regeln. DarĂŒber hinaus halfen mir manchmal Englisch- bzw. Französischkenntnisse in den StĂ€dten weiter. Als Wegemarkierung fand ich auf der Via de la Plata in der Regel gelbe Pfeile vor, die – wie mir schien - im SĂŒden hĂ€ufiger vorkamen. Unterwegs habe ich es aber auch erlebt, dass Kiesel in Pfeilform gelegt den Weg anzeigten oder sogar an BĂ€umen befestigte gelbe PlastiktĂŒten die richtige Richtung wiesen.

 

 

Aus meinem Tagebuch

 

Montag, 2. September

 

In der Nacht schlafe ich unruhig. Um 4 Uhr klingelt der Wecker. Als mein Freund zum Transferdienst eintrifft, habe ich bereits mein Fahrrad, vier Satteltaschen, eine Reisetasche mit Schlafsack und Isomatte sowie eine UmhĂ€ngetasche in meinem Auto verstaut. Um 6 Uhr erreichen wir den Flughafen DĂŒsseldorf. Nach dem Entladen fĂ€hrt mein Freund mein Auto wieder in Richtung Heimat. Das Iberia-Flugzeug ist fast bis auf den letzten Platz besetzt, als es pĂŒnktlich um 7. 55 Uhr in den heiteren Morgenhimmel steigt. Nach einer Zwischenlandung in Madrid geht es mit einer anderen Iberia-Maschine weiter in Richtung Sevilla. Bei blauem Himmel erkenne ich unter mir lichte WĂ€lder, Weinberge und abgeerntete Getreidefelder. Um 13.10 Uhr erreiche ich pĂŒnktlich Sevilla. Laut Stadtplan dĂŒrften die zwölf Kilometer bis zur Innenstadt nicht einfach zu fahren sein, denn diese Strecke ist als Stadtautobahn gekennzeichnet. Aber Jakobus hilft mir: Direkt neben der Schnellstraße verlĂ€uft ein kiesbedeckter Wirtschaftsweg stadteinwĂ€rts, vorbei an vertrockneten Maisfeldern und abgeerntetem Getreide, durch typisch großstĂ€dtische Vororte mit Werksvertretungen und AutoreparaturwerkstĂ€tten. Bald geht der Kiesweg in eine asphaltierte Straße ĂŒber, die schließlich zur Hauptstraße wird mit dichtem Autoverkehr. Das Thermometer zeigt 36 Grad Celsius. Im Altstadtviertel von Santa Cruz finde ich im Hostal ArgĂŒelles mein erstes Quartier. Nach einer kurzen Ruhepause mache ich mich zu Fuß auf den Weg, um die Kathedrale aufzusuchen. Im Eingangsbereich der gotischen Kathedrale hole ich mir meinen ersten Stempel fĂŒr mein „Credential del Peregrino“. Danach esse in einem Straßenlokal und kaufe fĂŒr mein FrĂŒhstĂŒck am nĂ€chsten Morgen in einem Supermarkt ein. ZurĂŒck im Hostal telefoniere ich mit der Heimat und schaue mir die Strecke auf der Karte fĂŒr den nĂ€chsten Tag an.

 

 

Dienstag, 3. September

 

Gegen 4 Uhr werde ich von dem LĂ€rm der MĂŒllabfuhr geweckt. Ich liege wach und ĂŒberlege, wie wohl der erste Tag verlaufen wird. Da ich mir am Vorabend nicht im Einzelnen die Straßen notiert hatte, die aus der Stadt heraus nach Norden in das kleine StĂ€dtchen Camas fĂŒhren, muss ich hĂ€ufiger FußgĂ€nger nach der BrĂŒcke ĂŒber den Guadalquivir fragen. Schließlich erreiche ich die stark befahrene N630, die ich aber schon nach sechs Kilometern wieder verlassen kann. In Santiponce besuche ich Italica, die Reste einer römischen Siedlung. Der Feldherr Publius Cornelius Scipio hatte Italica fĂŒr seine Veteranen gegrĂŒndet, die vorher am Zweiten Punischen Krieg teilgenommen hatten. Italica ist auch wegen der beiden römischen Kaiser Trajan und Hadrian bekannt, die dort geboren wurden. Beeindruckend ist noch heute das 30 000 Zuschauer fassende Amphitheater. Auf der Weiterfahrt in Richtung Norden registriere ich die großen bewĂ€sserten AnbauflĂ€chen fĂŒr Baumwolle, die dahintrocknenden Sonnenblumenfelder, die durch Hitze verbrannten Weiden und den vielen Unrat in den StraßengrĂ€ben. Der krĂ€ftige Westwind ist warm, stört mich aber beim Radfahren nur wenig. Gegen 14 Uhr sind meine drei Liter Trinkwasser fast verbraucht. Ich nehme mir wegen der großen Hitze eine Auszeit von fast zwei Stunden, rolle meine Isoliermatte im Schatten einer Steineiche aus und schlafe fast ein. Als ich spĂ€ter das weiß getĂŒnchte Dorf Castilblanco de los Aroyos erreiche, finde ich niemanden, den ich nach dem Weg zum Refugio fragen könnte .Ich spreche einen Mann an, der zufĂ€llig aus einem Haus kommt. Er geht in das Haus zurĂŒck, bringt einen fotokopierten Ortsplan und Kugelschreiber mit und zeichnet mir den Weg zum Refugio ein, das ich dann auch rasch finde. Mit meinen heute gefahrenen 51 Kilometern liege ich im errechneten Soll.

 

Im Refugio treffe ich einen deutschen Pilger aus Goch am Niederrhein, der zu Fuß auf dem Weg von Sevilla nach Salamanca ist und die Strecke in drei Wochen zurĂŒcklegen möchte. Wir sind die einzigen Pilger im Hause, kaufen zusammen ein und speisen anschließend auf der großen Dachterrasse des Refugios mit Blick auf das Dorf, auf dessen Kirche sich mehrere Storchennester befinden. Um 21 Uhr ist Wortgottesdienst in der Dorfkirche. Mehrere Ventilatoren machen die heiße Luft dort etwas ertrĂ€glicher. Anschließend holen Fußpilger Hans und ich unsere Stempel fĂŒr das Credential beim Pfarrer in der Sakristei der Kirche. Den Tag beschließen wir bei Wein und Bier, dem Austausch unserer Adressen und einem GesprĂ€ch ĂŒber die Motive der Pilgerreise.

 

 

Mittwoch 4.September

 

Heute Morgen ist es um 8 Uhr bei wolkenlosem Himmel  noch sehr kĂŒhl. Ich fahre 29 km ĂŒber eine einsame Nebenstrecke nach AlmadĂ©n de la Plata. Dort möchte ich die Dorfkirche besuchen, komme aber in die Kirche nicht hinein, da der KĂŒster nicht zu Hause ist. Es wird bald wieder so heiß wie am Vortag. Ich fahre vorbei an Weiden, auf denen Stiere vor sich hindösen. An der Strecke merke ich, dass die Sierra Morena nicht mehr weit entfernt ist: Kurze steile Anstiege wechseln mit plötzlichem GefĂ€lle. Dazu ist die Strecke sehr kurvenreich. In Real de la Jara ĂŒbernachte ich im Hause von Signora Conchi–Gil, nur wenige Meter von der Policia Local entfernt. Da ich unterwegs schon die fĂŒr diese Region typischen schwarzen Schweine gesehen habe, suche ich kurz entschlossen eine Metzgerei auf, um einen Serrano-Schinken zu kaufen und durch den Metzger nach Hause schicken zu lassen. 

 

 

Donnerstag, 5. September

 

Um 8.15 Uhr starte ich ĂŒber einen Wirtschaftsweg in Richtung Fuente de los Cantos. Die ersten 16 km muss ich sehr konzentriert fahren, da immer wieder Querrillen und lose Steine auf der hĂŒgeligen Strecke hohe Aufmerksamkeit verlangen. Die hinter El Real de la Jara liegende Burgruine beeindruckt mich sehr. Im blauen Morgenhimmel ziehen Greifvögel dort ihre Runden. Ringsum ist es totenstill. In Monesterio besorge ich mir noch einen Stempel fĂŒr den Pilgerausweis, da ich am Vortage keinen erhalten konnte. Unmerklich bin ich in die Region Extremadura hinein gefahren. Gegen 16 Uhr erreiche ich mein Tagesziel Fuente de los Cantos. Ich halte bei der Guardia Civil und bitte um Auskunft ĂŒber die Lage des Refugios. Zwei ihrer Leute fahren langsam mit dem Jeep bis zum Ziel vor mir her. FĂŒnf Minuten spĂ€ter kommt ein Zivildienstleistender mit seinem Mofa angefahren und öffnet mir die TĂŒr. Ich bin allein in dieser Nacht, kann aber wegen der Hitze und des lauten Lastwagenverkehrs auf der N 630 kaum schlafen. 

 

 

Freitag, 6. September

 

Heute beabsichtige ich, bis Almendralejo zu kommen. Dort erfahre ich von der Ortspolizei, dass es bei der Caritas keine Übernachtungsmöglichkeit mehr gibt. Ich entschließe mich deshalb, weiter zu fahren. Es ist nĂ€mlich erst 15 Uhr. Ich bleibe zunĂ€chst auf der N 630, die nur streckenweise stark befahren ist. Sie hat einen etwa 1,50 m breiten Pannenstreifen und ihre gleichmĂ€ĂŸigen Steigungen sind leicht zu bewĂ€ltigen. Gleich neben der N 630 ist die Nord- SĂŒd- Autobahn fast fertig. Calzadillo de los Barros besitzt im Wappen des Ortes eine Muschel und das Schwert von Santiago. In Richtung Norden wird die Farbe der Erde rot. Ich fahre vorbei an Weinbergen, Olivenhainen und abgeernteten Getreidefeldern. Gegen 17 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von Merida. Ich schiebe mein Rad ĂŒber die alte gepflasterte RömerbrĂŒcke und gelange nach Überquerung des Rio Guadiana an die alte Stadtmauer. Ich möchte zum Hostal Nueva Espana und komme mitten in der Stadt am Tempel der Diana vorbei, der aber derzeit mit einem Bauzaun eingerĂŒstet ist. Nach 99 km finde ich heute in der NĂ€he des Bahnhofs mein Quartier.

 

Ich mache noch einen Bummel durch die FußgĂ€ngerzone. Die Straßencafes sind an diesem schönen Abend voller Leben. Auf der Plaza spielt eine Band. Ich besuche um 21 Uhr die hl. Messe. Die Kirche ist voll. Jedoch dringen die Rhythmen der Band so sehr ins Gotteshaus, dass sie den Gesang der GlĂ€ubigen fast ĂŒbertönen. Die Frauen versuchen, mit ihren FĂ€chern die warme Luft etwas zu vertreiben. Mir ist aufgefallen, dass Gottesdienste in Spanien in der Regel ohne Messdiener und Orgelmusik stattfinden.

 

Samstag, 7. September

 

Nach erquickendem Schlaf breche ich um 8.15 Uhr in Merida auf (Übernachtung: 22,24 Euro). Kurz vor dem Stadtausgang fotografiere ich die alte römische Wasserleitung. Eine Frau, die mit ihrem Pudel „Gassi“ geht, befrage ich nach dem Weg zur Embalse de Proserpina (Stausee). Ich muss die Eisenbahnlinie Sevilla–Caceres unterqueren und fahre ĂŒber eine frisch geteerte Nebenstraße, die mit einigen krĂ€ftigen Steigungen gespickt ist, aber auch zum Schluss ein herrliches GefĂ€lle aufweist. Der Stausee besitzt - wie wohl immer im September - einen geringen Wasserstand. Um den weiteren Weg nach AljucĂ©n zu erfahren, muss ich - so frĂŒh am Morgen - einen einsamen Jogger ansprechen. Der Jogger schickt mich schließlich auf eine kaum befahrene schmale Asphaltstraße. Sie windet sich kurvenreich und hĂŒgelig an mehreren aufgegebenen landwirtschaftlichen Gehöften vorbei. Dem Boden sieht man an, dass er nicht viel hergibt: Granitblöcke, Steineichen und verdörrtes Gras. Hier und dort höre ich den Gesang von Singvögeln oder ein paar krĂ€chzende Elstern. Mitten in dieser Landschaft taucht plötzlich ein Moto-Cross-GelĂ€nde auf, wo ich aber keine Menschenseele entdecken kann. In AljucĂ©n treffe ich vor einer Bar einen jungen Deutschen aus Flensburg. Er erzĂ€hlt mir, dass man frĂŒhmorgens an der „Embalse de Proserpina“ Fischadler beim Fischen und Störche in grĂ¶ĂŸerer Zahl beobachten kann. Ab AljucĂ©n bin ich wieder auf der N 630, wo es heute keinen Lastwagenverkehr gibt. Ich komme gut vorwĂ€rts. Bei einer Zufahrt zu einem Landgut mit einer riesigen Feigenplantage mache ich Mittagspause. Zu meiner Mahlzeit gehören Brot, KĂ€se, Joghurt und eine Flasche „Cerveza sin alc“. Als ich Caceres erreiche, wird mir sofort klar: Hier möchte ich einmal Urlaub machen! In der Altstadt  begegnet man dem Atem der Geschichte auf Schritt und Tritt. Die alten GebĂ€ude machen auf den Besucher einen vorzĂŒglich erhaltenen Eindruck. Eine zum Teil römische und arabische Ummauerung ist noch vollstĂ€ndig erhalten. Die Besiedlung des AltstadthĂŒgels soll bis in die Zeit der Keltiberer zurĂŒckreichen. Als ich zur Kirche Santa Marta gelange, komme ich mir wie in einem Film vor: Eine Hochzeitsgesellschaft von etwa 300 Personen hat sich in mehreren Gruppen versammelt, um das Hochzeitspaar zu erwarten. Hier scheint sich spanischer Landadel getroffen zu haben, wie man es heute nur noch selten erlebt: Frauen, geschmackvoll gekleidet in langen, eleganten Kleidern und mit Stolen eingehĂŒllt, die Kinder fein rausgeputzt, die MĂ€nner in Smoking. Aus dem offenen Kirchenportal ertönt HĂ€ndels ,,Halleluja“.  Nach dieser schönen Abwechslung fahre ich weiter ĂŒber eine Nebenstrecke bis Casar de Caceres und erlebe auf diesen 12 Kilometern eigentlich das, was ich mir unter der Region Extremadura immer vorgestellt hatte: eine weite, offene und hĂŒgelige Landschaft, nur dĂŒnn besiedelt mit extensiver Viehhaltung.

 

Am Ortseingang von Casar de Caceres spreche ich einen Polizisten vor dem Schwimmbad wegen des Refugios an, der mich weiter in Richtung Ortsmitte schickt. Dort werde ich an der Plaza schon von einem anderen Polizisten erwartet. Er verlangt meinen Pilgerausweis zu sehen, geht damit in seine Dienststelle und bringt ihn mir gestempelt zurĂŒck. Der Polizist schließt mir die TĂŒr zum Refugio auf und ĂŒberlĂ€sst mir den SchlĂŒssel. Ich trage mein GepĂ€ck und mein Fahrrad in das erste Geschoss des Hauses und kann unter den 14 Betten, Duschen und Waschbecken auswĂ€hlen, denn ich bin heute der einzige Pilger hier. Das Wetter war tagsĂŒber heiter gewesen, bei Tagestemperaturen von ca. 30 Grad, jedoch blies seit Mittag ein heftiger Seitenwind. 91 km habe ich heute zurĂŒckgelegt.

 

 

Sonntag, 8. September

 

Heute bin ich bereits den siebten Tag unterwegs. Um 9 Uhr soll im Ort eine hl. Messe sein. Vor der Kirche kommt ein Ă€lterer Priester auf mich zu, der mich als deutschen Pilger einschĂ€tzt und mich mit einem ,,Guten Morgen“ begrĂŒĂŸt. Er erzĂ€hlt mir, dass er mehrere Jahre in Deutschland gelebt habe und jetzt hier aushelfe. Vor Beginn des Gottesdienstes stellt er mich der versammelten Gemeinde vor, kommt anschließend vom Altar zu mir und erzĂ€hlt mir, was er den GlĂ€ubigen mitgeteilt hat. Pfarrer Severino predigt sehr engagiert und sĂŒdlĂ€ndisch temperamentvoll. Mimik, Gestik und Sprachtempo werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Zu Beginn der Opferung gibt er mir einen Gebetszettel mit einem Anliegen fĂŒr einen Priester, der sich sehr in dieser Gegend fĂŒr die Bildung der Landbevölkerung und der Arbeiterschaft eingesetzt hat. Pfarrer Severino erzĂ€hlt mir von seinen Plan, sich ĂŒber seinen Bischof fĂŒr die Seligsprechung dieses Priesters in Rom einzusetzen. Da in der Extremadura 20- 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind, hĂ€lt Pfarrer Severino am Ende der Messe fĂŒr die Armen der Gemeinde noch eine Kollekte ab. Gegen 10.30 Uhr will ich das Refugio verlassen und den SchlĂŒssel bei der gegenĂŒberliegenden Wache der Polizei abgeben. Offenbar hat die Polizei hier am Sonntagmorgen keinen Dienst., denn die EingangstĂŒr ist verschlossen. Ich spreche deshalb mit einigen MĂ€nnern an der Plaza - nach meiner EinschĂ€tzung MĂ€nner aus einem Altersheim - und frage, wo ich den SchlĂŒssel abgeben kann. Im Laufe des GesprĂ€ches entreißt mir ein offensichtlich verwirrter Mann den SchlĂŒssel. Er lĂ€uft damit, ohne seine Absicht anzukĂŒndigen, zu der Bar, wo ich noch am Vorabend gegessen hatte und wirft den SchlĂŒssel durch das Gitter der noch nicht geöffneten Bar. Die anderen MĂ€nner lĂ€cheln etwas verlegen und mitleidig ĂŒber den Mann. Ich verlasse Casar de Caceres, wĂ€hrend die ersten Regentropfen fallen. Der stĂ€rker werdende Regen und kĂŒhleren Temperaturen veranlassen mich, meinen Regenponcho ĂŒberzuziehen. Mit dem Regenponcho fahre ich nur ungern, weil er dem Wind viel AngriffsflĂ€che bietet; aber von unten sorgt er fĂŒr eine bessere LĂŒftung als eine Regenjacke. Der prasselnde Regen macht die herbe Schönheit der Extremadura erst richtig deutlich. Am Samstag habe ich versĂ€umt, meine LebensmittelvorrĂ€te zu ergĂ€nzen. Also knurrt mir jetzt der Magen. Mit Tempo 50 fahre ich durch die FlusstĂ€ler des Rio Altamonte und des Rio Tajo. Beide FlĂŒsse sind hier zu riesigen Stauseen aufgestaut, man erkennt kein fließendes GewĂ€sser mehr. Nach 34 km Fahrt auf der N 630 erreiche ich Canaveral, wo ich fĂŒr 6,60 Euro ein TagesmenĂŒ bestelle. Es gibt HĂŒhnersuppe mit Nudeln, mehrere große Scheiben Rinderbraten, Pommes frites und Ananas als Nachtisch. Dazu trinke ich ein Bier. Auch nach der einstĂŒndigen Mittagspause regnet es noch. Unterwegs halte ich immer wieder an verschiedenen Bars an, trinke eine Cola oder einen „Cafe con leche“ in der Hoffnung, dass es nach Verlassen des Lokals nicht mehr regnen wird. Da mein Kartenmaterial zu ungenau ist, um bei dem schlechten Wetter mein Tagesziel Galisteo auf kĂŒrzestem Wege zu erreichen, frage ich einen Tankwart. Er spricht von 10 km bis Galisteo, aus denen spĂ€ter aber 22 km werden sollten. Ich schimpfe nach einiger Zeit laut vor mich hin, habe aber keine andere Wahl, als die beschriebene Strecke zu fahren. Auf der steilen Straße muss ich mein Rad eine lĂ€ngere Zeit schieben, dann aber kann ich bei Tempo 60 einige Kilometer rollen. Bei Galisteo werden vor allem Mais, Peperoni und Tabak angebaut. Der Tabak ist zum großen Teil in offenen Scheunen aus gemauerten Gitterziegeln untergebracht. Galisteo, das ich gegen 19 Uhr erreiche, liegt auf einem steilen Bergkegel, besitzt Stadttore und ist mit Mauern umgeben. Bei Pedro Serano an der Plaza hole ich mein „Sello“ .Zwei junge Spanier sind auch in seiner Wohnung und verraten mir, dass wir in dieser Nacht ,, Companeros“ seien. Sie selbst wollen an diesem Sonntagabend noch einkaufen und zeigen mir das GeschĂ€ft, wo sie sich aufhalten wollen, bis ich komme. Sie erzĂ€hlen mir, dass das Refugio nur 4 Betten habe, ein kleines HĂ€uschen sei und am Fuße des Bergkegels außerhalb der Stadt in der NĂ€he des Campingplatzes liege. Den SchlĂŒssel hĂ€tten sie auf einer Mauer unter Dachlatten versteckt. Ich mache mich auf den Weg und suche mit meiner Taschenlampe auf einem SchuttgelĂ€nde zwischen BĂ€umen und Wasser zuerst das kleine HĂ€uschen und dann den besagten SchlĂŒssel zum Refugio. Im GeschĂ€ft oben an der Plaza treffe ich die beiden Spanier wieder. Es ist voll wie an Werktagen. Hier kauft offenbar die Bevölkerung des schmucken LandstĂ€dtchens Dinge des tĂ€glichen Bedarfs ein. Auch wir kaufen Lebensmittel und sitzen im Refugio zum Abendessen zusammen. Ich stelle laut Tacho fest, dass ich – heute sicher mit vielen Umwegen - 84 km gefahren bin.    

 

 

Montag, 9. September

 

Die beiden Spanier sind bereits um 8. 30 Uhr zu Fuß aufgebrochen, ich erst eine Stunde spĂ€ter, weil ich meine getrockneten KleidungsstĂŒcke erst sorgfĂ€ltig geordnet und  in PlastiktĂŒten verstaut habe, bevor sie in meine Satteltaschen kommen. Danach fege ich noch in allen RĂ€umen des Refugios und breche auf. Der örtliche BĂ€cker weist mir den Weg aus dem Ort. Unterwegs ĂŒberhole ich die Spanier, mit denen ich ĂŒbernachtet habe. Beide haben mir am Vorabend angeraten, nicht den von mir notierten Weg zu fahren, da er fĂŒr Radfahrer sehr schwierig sei. Also weiche ich auf eine Hauptstraße aus mit zum Teil heftigen Steigungen in Richtung Plasentia. Dort besuche ich die Kathedrale. In der Anbetungskapelle vor dem Allerheiligsten sitze ich auf einer gepolsterten Bank bei meditativer Orgelmusik vom Band. Beim Gang zum Diözesanmuseum komme ich am Kreuzgang vorbei und mache ein paar Fotos von den Storchennestern der Kathedrale. Im Museum selbst entdecke ich in einer Vitrine einen Jakobus.

 

 

Dienstag,10. September

 

Um 6.30 Uhr wache ich auf. Zu meiner Überraschung ist das Zimmerlicht in meinem Hostal in Aldenueva ĂŒber Nacht ausgefallen. Da ist meine Taschenlampe Gold wert, die ich gewöhnlich vor dem Einschlafen in Reichweite abstelle. Die zum Teil noch feuchten Sachen vom Vortage sind nun alle wieder trocken. Der Wirt nimmt fĂŒr die Übernachtung nur 10 Euro. DafĂŒr ist die Badewanne, in der ich mich geduscht habe, aufgrund ihrer Form fĂŒr KnochenbrĂŒche wie geschaffen. Eigentlich  habe ich vor dem heutigen Streckenabschnitt ein wenig Angst. Schließlich muss ich von Aldenueva, das 529 m hoch liegt, innerhalb weniger Kilometer bis zur Puerto de Bejar auf  1184 Meter Höhe. Ans Fahren ist an diesem Morgen kaum zu denken, da zum einen die N 630 steil ansteigt und kurvenreich ist, zum anderen die Straße schmaler wird und an diesem Morgen ein reger Verkehr herrscht. Mitunter quĂ€le ich mich fahrend mit 6 bis 8 km pro Stunde bergan. In Banos de Montemayor - seit römischer Zeit bekannt fĂŒr seine Heilquellen - gehe ich zum Postamt, um Briefmarken fĂŒr die gestern in Plasentia geschriebenen Karten zu besorgen und auf den Weg zu bringen. Am Dorf Hervas, mit seinem bekannten mittelalterlichen Judenviertel, fahre ich vorbei. Ich verlasse die Extremadura gegen Mittag und radle nun in die Region Kastilien und Leon mit der Provinz Salamanca. Mit diesem Übergang lĂ€sst sich eine verĂ€nderte Vegetation feststellen. Waren bisher Stein- oder Korkeichen dominant, so sehe ich unterwegs nun hĂ€ufiger Linden, Kastanien und WildkirschbĂ€ume. Ich gewinne den Eindruck, dass die Landschaft, in die ich hineinfahre, grĂŒner wird, obwohl das GelĂ€nde zwischen 900 und 1000 m hoch liegt.

 

In Guijuelo biege ich von der N 630 ab. Ich kaufe noch fĂŒr die Mittagspause in einem Supermarkt Brot, KĂ€se, Wurst, GetrĂ€nke, Obst und Joghurt ein und mache es mir eine Stunde lang auf der Plaza gemĂŒtlich. Über eine kaum befahrene Nebenstrecke erreiche ich am Nachmittag Fuenterroble de Salvatierra, das 955 m hoch liegt. Ich frage nach dem Pfarrhaus, das gleichzeitig Refugio sein soll. Ein Bauarbeiter beschreibt mir den Weg dorthin. WĂ€hrend ich mein Rad gerade in den Hof des Refugios schieben will, um es dort abzustellen, kommt Don Blas zu mir, begrĂŒĂŸt mich freundlich und bittet mich, mein GefĂ€hrt in das GebĂ€ude zu bringen. Da ich um 16 Uhr der einzige Gast hier bin, macht er mich mit den RĂ€umlichkeiten des Hauses vertraut. Ich kann nicht einschĂ€tzen, wo sich der GĂ€steteil des Refugios und wo der Privatbereich von Don Blas befindet. Denn als ich gegen 16.30 Uhr mein Credential abstempeln will, finde ich im mutmaßlichen GĂ€steteil Don Blas auf einer Bank liegend bei seiner Siesta. Gegen Abend bietet sich ein Mann an, mit dem Auto ins Nachbardorf Los Santos zur Abendmesse zu fahren. Ich fahre mit. Auf dem RĂŒckweg werde ich mit einem anderen Deutschen zusammen von anderen Leuten zurĂŒckgefahren. Der etwa 25- jĂ€hrige Mann erzĂ€hlt mir, dass er schon vom „Camino francĂ©s“ komme, arbeitslos sei und jetzt noch den Weg nach Sevilla zu Fuß machen wolle. Beide Wege möchte er zusammen in fĂŒnf Monaten schaffen, um dann wieder mit dem Bus nach Hause zu fahren. WĂ€hrend sich am Abend noch einige Ă€ltere GĂ€ste aus Valencia mit dem Auto einfinden, sagt ein Arzt aus Salamanca zu mir, dass ich wie ein typischer Deutscher aussehe.

 

 

Mittwoch, 11. September

 

Vor der Abreise frĂŒhstĂŒcke ich noch zusammen mit dem jungen Deutschenž den ich am Vortage kennen gelernt habe und der sich anschließend rasch auf den Weg macht. Als ich das Haus mit dem Rad verlassen will, bittet mich Don Blas mit seinem Amtsbruder, der am Vorabend in Los Santos die hl. Messe gefeiert hatte, zu sich, um bei einem „Cafe con leche“, Keksen und Weintrauben aus eigener Ernte noch ein wenig zusammenzusitzen. Auf meine Frage, wo ich in Salamanca am besten zwei Tage preiswert wohnen kann, gibt er mir ein KĂ€rtchen des Hostals Bartez, das auf halbem Wege zwischen der berĂŒhmten Plaza und der Kathedrale liegt. Wir verabschieden uns herzlich. Nachdem ich noch Fotos vom Refugio gemacht habe, sitze ich dann bald im Sattel und folge dem landwirtschaftlichen Weg, den der Deutsche am Vortage gekommen ist. Schon bin ich vielleicht 4 Kilometer auf diesem Weg gefahren, als auf dem von ca. 1, 50 m hoch umsĂ€umten Weg mit StacheldrahtzĂ€unen plötzlich ein Stier auftaucht und auf mich zulĂ€uft. Da ich es nicht mit diesem Kraftpaket aufnehmen will, bleibt mir nichts anderes ĂŒbrig, als schleunigst in dieser Einsamkeit das Rad zu drehen und Reißaus zu nehmen. Der weitere Weg in Richtung Salamanca verlĂ€uft ĂŒber eine schlecht asphaltierte hĂŒgelige Nebenstrecke, auf die an dem heißen Tag kein Schatten fĂ€llt. Meine vier Liter Wasservorrat sind gegen Mittag fast schon aufgetrunken. Circa 20 km vor Salamanca geht das Weideland in gepflĂŒgte AckerflĂ€chen ĂŒber, dabei ist der Boden hellbraun, mitunter rötlich getönt. In einem Vorort von Salamanca kaufe ich Lebensmittel ein und lasse mich auf einem HĂŒgel vielleicht 10 km vor Salamanca zur Mittagspause nieder. Der Blick fĂ€llt auf die hochgelegene Stadt, ĂŒberragt von der Kuppel der Kathedrale. Deutlich merke ich, wie die Stadt aus allen NĂ€hten platzt, denn rund um den alten Stadtkern wird krĂ€ftig gebaut. Ich halte auf die Kathedrale zu, nachdem ich den Rio Tormes ĂŒberquert habe und finde auch rasch die Pension Bartez, wo ich ein Doppelzimmer zum Preis von 22 Euro pro Tag fĂŒr zwei Tage beziehe. Nach dem Duschen wechsele ich meine Radlerkleidung gegen ein frisches T-Shirt, Jeans und Straßenschuhe. Ich lege einen neuen Film in meine Kamera ein und besichtige die Stadt. Nach 22 Uhr gibt es ein fetziges Rockkonzert auf der Plaza, aber die Musik ist so laut, dass mir die Ohren Weh tun. Ich beobachte außerdem viele Bettler, die an den Tischen der Straßencafes vorbeikommen und um eine Gabe bitten. Andere wiederum haben sich die EingĂ€nge der Kirchen zum Betteln ausgesucht. Als ich um Mitternacht in meine Pension zurĂŒckkehre, schreibe ich u.a. noch in mein Tagebuch, dass ich heute 63 km gefahren bin.

 

 

Donnerstag, 12. September

 

Morgens um 7.30 Uhr finde ich weder Licht noch warmes Wasser im Etagenbad vor. Ich nehme an, dass der Inhaber der Pension verhindern möchte, dass von den noch Schlafenden jemand gestört wird, denn Salamanca hat seine Fiesta und viele GĂ€ste dĂŒrften wahrscheinlich spĂ€t nach Hause gekommen sein. Dennoch dusche ich im Halbdunkel, da ein Fenster zum Hinterhof etwas Licht in das Bad eindringen lĂ€sst. Heute Morgen besuche ich noch einmal die Kathedrale und auch ihre alte VorgĂ€ngerin. Wie schon im FĂŒhrer von Raju und MĂŒnzenmayer angekĂŒndigt, finde ich die Santiagokirche auch an diesem Morgen verschlossen vor. Ich schaue mir in Ruhe die alte römische BrĂŒcke ĂŒber den Rio Tormes an und besichtige anschließend das Jugendstil-Museum. Heute nehme ich mir auch die Zeit fĂŒr eine Stunde Mittagschlaf, den ich sonst zu Hause gewohnt bin. Einen Großteil meiner Landkarten sowie Wegbeschreibungen bringe ich am Nachmittag zur Post, um sie nach Hause zu schicken. Ein teurer Spaß fĂŒr 15,15 Euro, aber die Berge Galiciens stehen mir noch bevor und da geht es darum, möglichst viel Gewicht einzusparen. An diesem Tag schaue ich mir auch noch St. Esteban an, eine Kirche mit Kreuzgang im plateresken Stil. Ich bin ĂŒberwĂ€ltigt von der Schönheit der Wandmalereien in der Apsis der Kirche. Etwas wehmĂŒtig gehe ich am Abend noch einmal zur Plaza, die jetzt voll von jungen Leuten ist. Ich erlebe dort noch einmal eine peruanische Band.

 

 

Freitag, 13. September

 

Heute morgen fragt mich der Wirt, ob ich duschen möchte. Wahrscheinlich hat er gegenĂŒber dem Vortag ein schlechtes Gewissen, als weder Licht noch warmes Wasser im Bad vorhanden waren. Nach dem FrĂŒhstĂŒck verabschiede ich mich von ihm und schiebe mein Rad durch die FußgĂ€ngerzone. Auf  der Plaza steht gegen 8 Uhr eine große Zahl von Lieferfahrzeugen fĂŒr die vielen Cafes und Restaurants. Große Paletten mit Bier, Cola, Milch, GemĂŒse und Kartoffeln werden entladen. An einem Bankautomaten ziehe 150 Euro und finde rasch die Ausgangsstraße N 630 nach Zamora. Es ist dunstig an diesem Morgen, einige Leute sehe ich sogar mit Schirmen in der Stadt. Außerhalb der Stadt kann ich kaum 200 m weit sehen, erst gegen Mittag reißt die Bewölkung auf, und es wird schnell 26 bis 28 Grad warm. Die N 630 ist anfangs sehr voll, erst nach der Abzweigung in Richtung Valladolid bzw. hinter dem Fußballstadion lĂ€sst der Autoverkehr etwas nach. Dann bin ich bald auf dem Pilgerweg von Castellanos de Villiquierda nach Calzada deValdunciel und fahre ĂŒber einen Kiesweg. Die Fahrt geht im wesentlichen ĂŒber eine HochflĂ€che, auf der Sonnenblumen, ZuckerrĂŒben und Mais wachsen. Dazwischen liegen immer wieder abgeerntete Getreidefelder und lichte EichenwĂ€lder. In El Cubo de Tierra del Vino (846m) lege ich vor der Kirche meine Mittagspause ein. Auf einer Bank genieße ich die angenehme Sonne. Dann fahre ich ohne grĂ¶ĂŸere Aufenthalte weiter bis Zamora (658 m). Etwa 20 km vor der Stadt wird die Strecke wieder hĂŒgeliger. In Zamora frage ich in der NĂ€he der Plaza nach einem Hostal und habe gleich GlĂŒck bei meiner Suche. Anschließend sehe ich mir die Stadt an. Laut FĂŒhrer ist Zamora wĂ€hrend der Völkerwanderung und der maurischen Invasion immer wieder heftig umkĂ€mpft gewesen. Genau so wie Salamanca und Compostela hielt die Stadt dem Ansturm de Mauren nicht stand. Im Mittelalter erlebte Zamora seine BlĂŒtezeit. Aus der regen BautĂ€tigkeit stammen 23 romanische Kirchen und machen den Ruf der Stadt als ,,Museum der Romanik“ aus. WĂ€hrend des Stadtbummels mache ich Fotos vom Duero und der Kathedrale. Sie ist nach 17 Uhr geöffnet. Hohe Eisengitter trennen das ChorgestĂŒhl und den Altarraum fĂŒr den Gottesdienst vom gemeinen Volk ab. Den Stempel fĂŒr meinen Pilgerausweis hole ich mir im Kathedralmuseum. Hier gibt es herrliche Gobelins mit Motiven der griechischen Mythologie, aber auch mit Hannibals Zug ĂŒber die Alpen zu sehen. Der heutige Streckenabschnitt mit 69  Kilometern war angenehm zu fahren.

 

 

Samstag, 14. September

 

Die Nacht im Hostal an der Plaza in Zamora ist sehr unruhig. Noch gegen  3.30 Uhr dröhnt

Musik aus einer Disco. Als ich am Morgen aus der Stadt herausfahre, kommen  aus einer anderen Disco noch um 9. 30 Uhr die letzten GĂ€ste herausgekrochen.  Die Ausfallstraße von Zamora zieht sich kilometerweit mit verschiedenen AutoreparaturwerkstĂ€tten dahin. Das Land in Richtung Norden ist relativ flach, der Wind kommt heute ĂŒberwiegend aus östlicher Richtung. Schon gegen 14 Uhr erreiche ich Tabara, ein verlassenes Nest, eigentlich mein Tagesziel. Aber was soll ich so frĂŒh in einem solch kleinen Dorf? Also fahre ich weiter in Richtung Santa Marta de Tera, wo es ein Refugio geben soll. Unterwegs sehe ich abgeerntete Getreidefelder, auf denen hĂ€ufig Schafherden weiden. Aber auch an Maisfeldern und WeinanbauflĂ€chen fahre ich vorbei. Zwischen Tabara und Santa Marta de Tera durchquere ich ein großes einsames Naturschutzgebiet, wo Eichen, Kiefern und Heidekraut gedeihen.

Gegen 18 Uhr ist Santa Marta de Tera erreicht. Als ich mich in einer Bar nach der Lage des Refugios erkundige, werde ich von der Tochter des Barbesitzers gleich dorthin gefĂŒhrt. Das Refugio befindet sich an der Plaza in der NĂ€he der Kirche. Ich falle fast aus allen Wolken, als ich hier kein einziges Bett vorfinde - wohl einige frisch gestrichene RĂ€ume, saubere Duschen und Toiletten. Der Eingangsraum des Refugios ist groß, hoch und nach meinem Empfinden ĂŒberdimensioniert. FĂŒr die Nacht richte ich mich in einem der SchlafrĂ€ume so ein, dass ich auf dem Marmorboden zunĂ€chst einen Pappkarton ausbreite, darĂŒber meine Isoliermatte ausrolle und schließlich meinen Schlafsack darauf lege. Als Kopfkissen dient eine volle Satteltasche meines ReisegepĂ€cks. Auf dem Weg zur Vorabendmesse entdecke ich vor der romanischen Kirche eine schöne Statue des Santiago Peregrino. Gegen Abend kommt noch ein spanisches PĂ€rchen ins Refugio und leistet mir Gesellschaft. Wir essen zusammen, nachdem wir vorher in einem Dorfladen eingekauft haben, und tauschen unsere  Reiseerfahrungen aus. Sie beraten mich fĂŒr die Fahrstrecke des morgigen Sonntags. Beide sind keine Pilger. Sie geben an, aus der NĂ€he zu sein, und wollen mit ihren RĂ€dern zu einer Party fahren. Ich selbst fĂŒhle mich trotz der heute gefahrenen 92 km recht frisch.

 

 

Sonntag, 15. September

 

Gegen 7 Uhr stehe ich auf, packe meine Sachen und frĂŒhstĂŒcke bei Taschenlampenlicht. Nach Verabschiedung von dem spanischen PĂ€rchen, das es an diesem Morgen etwas langsamer als ich angehen lĂ€sst, sitze ich um 8.45 Uhr im Sattel. Der Himmel ist bedeckt bei angenehmen Temperaturen und Windstille. Gestern bin ich wegen des Refugios in Santa Marta de Tera 9 km Umweg gefahren, die ich nun wieder zurĂŒckradeln muss. Die N 525 ist frei von Autos an diesem Morgen. In Mombuey kaufe in einem LebensmittelgeschĂ€ft ein. Die Strecke ist hĂŒgelig, aber insgesamt ohne große Anstrengungen zu befahren. Ich radele heute durch fruchtbares Land, wo Getreide, Wein und KĂŒrbisse angebaut werden. Dazwischen gibt es aber immer wieder Abschnitte mit EichenbestĂ€nden, Ginster und Ödland. In Puebla de Sanabria finde ich in einem Hostal in der NĂ€he des Rio Tera ein Zimmer mit Dusche fĂŒr 18 Euro. Hier erhalte ich auch den Stempel fĂŒr meinen Pilgerausweis. Nachdem ich einige Teile meiner WĂ€sche durchgewaschen und zum Trocknen aufgehĂ€ngt habe, mache ich mich ĂŒber die BrĂŒcke des Rio Tera auf den Weg zur Altstadt. Sie liegt malerisch auf einem Bergkegel und ist auch ĂŒber einen Treppensteig zu erreichen. Die Altstadt ĂŒberrascht den Besucher durch ihre liebevolle Restaurierung und macht einen gediegenen Eindruck. Das Abendessen nehme ich in meinem Hostal ein. Nebenan in der Bar sitzen die MĂ€nner beim Kartenspiel an den Tischen, andere trinken Bier oder Wein am Tresen; dazwischen beobachte ich Frauen, die sich angeregt unterhalten. Ein lauter Fernseher und ein aufblinkender GlĂŒcksspielautomat finden keinerlei Beachtung. Mein KilometerzĂ€hler zeigt mir an, dass ich heute 64 km gefahren bin und hinsichtlich der vorgesehenen Zeit gut im Soll liege.

 

 

Montag, 16. September

 

Drei Faktoren sollten heute meinen Tag bestimmen: Wetter, Geld und Berge. Gegen 8.45 Uhr sitze ich auf meinem Rad und nehme mir vor, meine KrĂ€fte gut einzuteilen, um heil ĂŒber die PĂ€sse nach Galicien zu kommen. Nach der Fahrt ĂŒber den Rio Tera habe ich die breite N 525 fast fĂŒr mich alleine. Offenbar hat es in der letzten Nacht etwas geregnet, denn die Straße ist nass und das Wetter kĂŒhl. Die Straße verlĂ€uft hinter Puebla de Sanabria zunĂ€chst einige Kilometer eben, steigt dann allerdings zum Padornelo-Pass auf 1368 m gleichmĂ€ĂŸig steil an, so dass ich den kleinsten Gang fahren muss und ĂŒber 7 bis 8 km pro Stunde nicht hinauskomme. Dabei gönne ich mir immer wieder kurze Pausen oder schiebe meinen Drahtesel einige hundert Meter. Ich höre den LĂ€rm fahrender Autos auf der parallel zur N 525 verlaufenden Autobahn nach Galicien. Je höher ich in Richtung Padornelo komme, desto schlechter wird die Sicht. Schließlich wird es so neblig, dass ich keine 50 Meter mehr weit sehen kann. Außerdem beschlĂ€gt meine Brille in kĂŒrzester Zeit, und ich schwitze stark. Gut, dass ich vier Liter Wasser am Morgen mitgenommen habe. Vor dem Padornelo geht es zunĂ€chst ĂŒber einen 330 m langen Viadukt, wenig spĂ€ter fĂŒhrt die Straße durch einen etwa 400 m langen unbeleuchteten Tunnel. Als ich die gespenstische Tunnelfahrt hinter mir habe, traue ich meinen Augen nicht: Der dichte Nebel ist wie weggeblasen, dafĂŒr schĂŒttet es jetzt aber wie aus Gießkannen. Ich ziehe schnell meine Regenjacke an und werfe meinen Poncho ĂŒber, lasse mich aber von der Weiterfahrt nicht abhalten. Nach herrlicher Talfahrt komme ich nach Lubian (980 m). Hier versuche ich Geld mit meiner EC- Karte zu ziehen, was aber nicht möglich ist, da der Automat meine Karte nicht annimmt. Die Straße steigt nochmals bis zur Portela da Canda auf 1268 m an. Hier muss ich parallel zur Autobahn durch einen weiteren Tunnel fahren. Bei Tempo 50 bis 60 habe ich eine tolle Abfahrt, jedoch muss ich wegen des starken Regens höllisch aufpassen, dass mir mein Rad nicht in einer Kurve wegrutscht. In einer Fernfahrerkneipe esse ich zu Mittag. Das Lokal ist voll von Brummi-Fahrern. Ich selbst esse Fischsuppe, Stockfisch mit Kartoffeln und Joghurt. Dazu gibt es 1,5 Liter Mineralwasser und Brot. Der Preis ist gĂŒnstig: 7,20 Euro. Da ich nur noch Geld fĂŒr ein weiteres Essen in der Tasche habe, versuche ich auf den Dörfern bei den Kassen an Geld zu kommen. Aber es gibt hier natĂŒrlich keine Bankautomaten. Man rĂ€t mir in den Kassen weiterzufahren und es im nĂ€chsten Dorf noch einmal zu versuchen. Das passiert mir mehrmals. An der Nationalstraße gibt es keine Refugien, wo ich notfalls kostenlos ĂŒbernachten könnte, obwohl ich bereits in Galicien bin und an der N 525 ĂŒberall das Sternenzeichen fĂŒr den Camino in Richtung Santiago de Compostela sehe. In einer Kasse sagt man mir, dass es in Verin, der nĂ€chst grĂ¶ĂŸeren Stadt, mehrere Banken mit Geldautomaten und Hostals gĂ€be. So rolle ich mit Tempo 50 bis 60 vierzehn Kilometer zu Tal und erreiche in der DĂ€mmerung die Stadt. An einem Bankautomaten kann ich schließlich 100 Euro ziehen. Ich warte unter der Überdachung der Bank einen heftigen Schauer ab. Nach etwa 10 Minuten kommt eine Ă€ltere Frau mit zwei Schirmen aus einem Haus. Einen spannt sie fĂŒr sich selbst auf, den anderen drĂŒckt sie mir in die Hand. Ich laufe etwa 200 m mit meinem Rad und dem aufgespanntem Schirm hinter ihr her. Als sie abbiegen will, klopfe ich ihr von hinten behutsam auf die Schulter. Sie sagt mir etwas Galicisches, was ich nicht verstehe, deutet dann aber durch eine Geste an, dass ich den Schirm behalten darf und fĂŒr sie beten soll. Sie dĂŒrfte mich wohl als Pilger mit meiner Muschel an der Reisetasche auf dem Weg nach Compostela erkannt haben. Den Schirm kann ich gleich am Abend wĂ€hrend des heftigen Regens auf dem Weg vom Hostal zum Supermarkt gut gebrauchen. Ich denke mir im Stillen: Wie wunderbar, Jakobus ist mit mir unterwegs! In mein Abendgebet schließe ich natĂŒrlich die gute Frau von Verin mit ein. Heute Abend bin ich sehr mĂŒde. Nebel, Regen, erhebliche Steigungen, an denen ich zum Teil schieben musste, sind daran schuld. Abfahrten, die mir volle Konzentration und fahrerisches Können abverlangen, haben dazu gefĂŒhrt, dass ich mein Zimmer an diesem Abend nicht mehr verlasse. 96 zurĂŒckgelegte Kilometer sind fĂŒr heute mehr als genug.

 

 

Dienstag, 17. September

 

Bei bedecktem Himmel und mĂ€ĂŸigen Temperaturen starte ich gegen 9.45 Uhr. Wie am Vortag gibt es auch heute Morgen immer wieder gewittrige Schauer. Die ersten 6 km fahre ich auf ebener Strecke aus Verin heraus, dann kommen 7 bis 8 Prozent Steigung auf 8 km, die ich teilweise schieben muss. Auffallend sind die kleinen Landparzellen in Galicien, die wohl aufgrund des hiesigen Erbrechtes entstanden sind, im Vergleich zu den großen LandgĂŒtern in Andalusien, der Extremadura oder in Kastilien-Leon. Die Kleinbauern bauen das an, was man fĂŒr die Eigenversorgung an GemĂŒse braucht: Bohnen, Melonen, Tomaten, Wein, Kartoffeln und Mais. Offenbar sind die klimatischen VerhĂ€ltnisse hier Ă€hnlich wie bei uns zu Hause. Die Galicier bauen ihre HĂ€user meistens sehr stabil. Das obligatorische Baumaterial ist der hier vorkommende Granit. In der freien Landschaft wachsen Eichen, Ginster und in verlassenen Gebieten auch große Esskastanien. In den höheren Lagen kommen auch Kiefern und EukalyptusbĂ€ume vor. An der N 525 fallen mir viele verlassene und verfallene Gehöfte auf. HĂ€ufig stehen in den anliegenden GĂ€rten ObstbĂ€ume, die brechend voll hĂ€ngen mit Birnen oder Äpfeln. Hier decke ich meinen Tagesbedarf an Obst. Immer wieder gehen im Tagesverlauf Schauern nieder. Manchmal stelle ich mich irgendwo unter oder trinke mir in einer Bar einen „Cafe con leche“. Die letzten 10 km nach Ourense rase ich mit Tempo 60 bis 70 zu Tal. Die weite gebirgige Landschaft hat es mir angetan. Einmal fotografiere ich ein Steinkreuz, auf dessen Vorderseite Jesus am Kreuze hĂ€ngt und auf dessen RĂŒckseite Maria zu sehen ist. In Ourense finde ich im Hostal ,,Candida“ in der NĂ€he der Plaza major fĂŒr zwei NĂ€chte ein schönes Doppelzimmer, das pro Tag 17,50 Euro kostet. Das Personal ist hier sehr freundlich. Um 20 Uhr gehe ich in der Kathedrale zur Messe. Den Stempel fĂŒr mein Credential hole ich mir in der Sakristei der Kathedrale. Mit meinen heute gefahrenen 73 Kilometern bin ich wegen der gebirgigen Strecke recht zufrieden, zumal mein Rad mich bisher nicht im Stich gelassen hat und keine Reparaturen nötig waren. 

 

 

Mittwoch, 18. September

 

Gut, dass ich heute einen Ruhetag in der Großstadt Ourense eingeplant habe. Als ich wach werde, prasselt der Regen auf die PlastikdĂ€cher des Innenhofes vor meinem Fenster. Der Schirm der freundlichen Frau aus Verin leistet mir heute gute Dienste. Bei einem Stadtrundgang komme ich in eine Kirche und feiere die heilige Messe mit. In der NĂ€he des Franziskanerklosters gehe ich auf einen alten Friedhof mit interessanten GrĂ€bern und Mausoleen. Hier zeigt sich, wie die Lebenden anhand der Verstorbenen ihren Reichtum zur Schau stellen. Ich selbst glaube, dass sie Gott damit keinen Gefallen erweisen. Immer wieder regnet es. Bei der Tourist- Information lasse ich eine Übernachtung fĂŒr mich im Zisterzienserkloster von Oseira vereinbaren. Bis Oseira sind es von hier aus nur 30 km, bis nach Santiago de Compostela noch 110 km. Ich will nicht zu schnell in Compostela sein, da ich erst am 26. September zurĂŒckfliegen werde und mich noch bei meiner Reise vor zwei Jahren dort 10 Tage aufgehalten habe. Außerdem liegen die Preise fĂŒr Übernachtungen in Compostela in der Regel höher als hier. Bei der Tourist-Information bedient mich eine junge Frau, die akzentfrei deutsch spricht und bis zum 10. Lebensjahr in der NĂ€he von Stuttgart gelebt hat. Nicht weit von der Information befinden sich die heißen römischen Quellen (Wassertemperatur 67 Grad), die Hautleiden heilen sollen. Ein einheimischer Ă€lterer Herr kommt mit einer Henkeltasse daher und deutet an, dass das Wasser auch gut fĂŒr den Bauch sei. Der Kreuzgang des Franziskanerklosters ist nach 17 Uhr geöffnet. Ich sehe ihn mir an und finde den palmenbestandenen Innenhof sehr beeindruckend. Die Klosteranlage selbst scheint zu verfallen und ist fĂŒr eine Klostergemeinschaft in heutiger Zeit einfach zu groß. Ourense selbst ist eine Großstadt mit einer schönen FußgĂ€ngerzone, aber leider - wie viele Orte in Galicien - mit viel Regen gesegnet. Obwohl sie sehr niedrig liegt (150 - 180 m ĂŒber NN), ist die Stadt doch stark hĂŒgelig.   

 

 

Donnerstag, 19. September

 

Endlich habe ich wieder einmal  trockenes Wetter! Gegen 8.30 Uhr gehe ich nach einem „Cafe con leche“ noch einmal zum Markt, um ein kleines OlivenbĂ€umchen als Mitbringsel fĂŒr meine Frau zu Hause einzukaufen. Aber es gibt dort nur mannshohe Pflanzen. Textilien und Lederwaren werden von Farbigen gehandelt, die meistens, wie ich mir sagen lasse, aus Nigeria oder Marokko stammen. Die Fahrt am Vormittag bei dichtem Autoverkehr aus der Großstadt Ourense heraus ist ziemlich hektisch. Zuerst fahre ich am Rio Mino entlang und hĂ€tte gerne die alte RömerbrĂŒcke fotografiert, aber etwas ist mit meinem Fotoapparat nicht in Ordnung, der Film wird nicht transportiert .Das Wetter ist kĂŒhl und der Himmel - wie so oft in Galicien - bedeckt. Eichen, Kastanien, EukalyptusbĂ€ume und Ginster wachsen am Wege. An der auffallend zersiedelten Strecke der N 525 bauen die Menschen Mais, KĂŒrbisse, Kartoffeln und Wein an. Bei San Cristobal verlasse ich die N 525 und biege in Richtung Zisterzienserkloster Oseira ab, wo ich ĂŒber eine Nebenstraße am Nachmittag das Kloster erreiche. Ich werde von den Mönchen sehr freundlich aufgenommen, habe ein Doppelzimmer und einen weiteren Raum mit Schreibtisch. Ein Mönch nimmt sich die Zeit und fĂŒhrt mich durch die riesige Klosteranlage mit drei Innenhöfen. Anschließend zeigt mir ein anderer Herr sachkundig das Kloster. Er trĂ€gt keine Kutte und so nehme ich an, dass es sich um einen FremdenfĂŒhrer fĂŒr die Klosteranlage oder um einen Klosterbruder handelt. Als ich den ,,Bruder“, der auch recht gut Deutsch spricht, nach seiner Funktion hier befrage, erzĂ€hlt er mir, dass er Generaldirektor fĂŒr alle Aida-Kreuzfahrt-Schiffe in Europa sei, aus den USA stamme, aber einen spanischen Pass besitze. Wenn er nach schwierigen Verhandlungstagen ein paar Tage in dieses Kloster gehe, fĂŒhle er sich wieder wie neu geboren. Er sei Junggeselle, weil sein Job - verbunden mit den hĂ€ufigen Reisen - ein geordnetes Familienleben nicht zuließ. Zwar sei das GeschĂ€ft nach den Ereignissen vom 11. September 2001 etwas zurĂŒckgegangen, erhole sich aber langsam wieder. Wir beide speisen am Abend zusammen in einem eigenen Raum fĂŒr uns und beten mit den Mönchen zusammen die Komplet. Das Kloster selbst befindet sich in einer einsamen Gebirgsgegend. Es ist im Stil der SpĂ€tgotik erbaut, mit einer Mischung aus Renaissance-Ornamentik.

 

 

Freitag, 20. September

 

,,Bruder“ Luis will mich um 7 Uhr wecken, da ich keinen Wecker bei mir habe. Wir wollen gemeinsam zu den Laudes gehen und mit den Mönchen die Messe feiern. Der Chorgesang der Mönche ist phantastisch! Nach der feierlichen Messe in Konzelebration mit mehreren Mönchen frĂŒhstĂŒcken wir beide. Es gibt wahlweise Kaffee mit Milch oder Kakao, dazu Brot, etwas Margarine und Marmelade. Bei der anschließenden Verabschiedung erhalten die Mönche den freiwilligen Obolus von mir fĂŒr die Beherbergung. Gegen 10.15 Uhr beginnt die letzte Etappe meiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Die Fahrt geht von Oseira etwa 10 km zurĂŒck talwĂ€rts bis zur Hauptstraße und dann noch einmal auf 810 bzw. 660 m hoch. In der Nacht muss es wohl stark geregnet haben, man empfindet den Duft der EukalyptusbĂ€ume besonders intensiv. Die Bewölkung reißt im Laufe des Vormittags auf, Erinnerungen an Holland und an die NĂ€he des Meeres kommen auf, wenn man die Seewolken landeinwĂ€rts ziehen sieht. In Lalin kaufe ich im Konsum ein und halte meine Mittagspause im gegenĂŒberliegenden Stadtpark. Gegen 17 Uhr kommen erneut Gewitterschauer auf. Ich unterbreche meine Tour wiederholt bei einer Cola, Bier oder einem „Cafe con leche“ in einer Bar. Zwischen 18 und 19 Uhr, wĂ€hrend es zu dĂ€mmern beginnt, habe ich im dichten Feierabendverkehr die Stadtgrenze von Santiago de Compostela erreicht. Ich bin enttĂ€uscht, dass ich von der Kathedrale die TĂŒrme noch nicht sehen kann. Die hohen GebĂ€ude der Wohnviertel versperren mir total die Sicht. Ich habe Angst, in diesem Feierabendverkehr auf der Straße zu fahren und benutze deshalb den Fußweg. Als die Zahl der FußgĂ€nger in Richtung Stadtmitte zunimmt, steige ich ab. Eine Ă€ltere Frau spricht mich an und fragt mich, ob ich ein Peregrino sei und noch kein Zimmer habe. Sie erzĂ€hlt mir, dass sie Zimmer fĂŒr 10 Euro pro Tag vermiete. Als sie von mir erfĂ€hrt, dass ich sechs NĂ€chte in Santiago bleiben möchte, bietet sie mir die Übernachtung fĂŒr 8 Euro an. Wir einigen uns auf diesen Preis. Ich folge ihr bis in die Calle Alfredo Banos, fĂŒnf Minuten von der Plaza Galizia entfernt und bringe mein GepĂ€ck in die erste Etage ihres Hauses. Hier habe ich gleich in Anwesenheit einer Mitbewohnerin meine Schuldigkeit fĂŒr sechs NĂ€chte zu begleichen. Ich erhalte den WohnungsschlĂŒssel und darf mein Rad in der WohnkĂŒche abstellen. Dort treffe ich einen MĂŒnchener an, der mir erzĂ€hlt, dass er den „Camino francĂ©s“ von Leon bis Compostela gegangen sei. Er wolle mit seiner Freundin, die ebenfalls mitgepilgert ist, morgen noch bis Kap Finisterre weiterwandern und mit dem Bus in einer Woche zurĂŒckkommen. Von ihm erfahre ich weiter, dass er Ă€hnlich wie ich von derselben Frau zwecks Zimmervermietung am Bahnhof angesprochen worden sei. Er vermutet, dass die Frau sich einen Nebenverdienst durch die Vermietung von Studentenzimmern verschafft.

 

 

Samstag, 21. September

 

Die Nacht ist unruhig. Von draußen dringt bis gegen 4 Uhr LĂ€rm in mein Zimmer an der Straßenseite. Um 8 Uhr wache ich auf. Nach dem FrĂŒhstĂŒck gehe ich in Richtung Altstadt und mache im Hostal ,,Suso“ Halt, wo ich schon vor 2 Jahren mit meinem portugiesischen WeggefĂ€hrten Carlos und spĂ€ter mit meinem Sohn Martin insgesamt 10 Tage gewohnt habe. Anschließend hole ich mir die Pilgerurkunde unter Vorlage meines Credentials. Als ich ins PilgerbĂŒro komme, reicht die Schlange der Wartenden fast bis zur Straße, obwohl im BĂŒro vier Leute die Richtigkeit der Stempel prĂŒfen. Vorab muss jeder Pilger sich in eine Liste eintragen und dabei Name, Vorname, Alter, NationalitĂ€t, Ausgangspunkt und Grund der Pilgerreise, ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad angeben. Unter den Wartenden herrscht eine lockere Stimmung. Es wird viel fotografiert und erzĂ€hlt. Man hört verschiedene Sprachen. Auffallend viele junge Leute sind darunter. Um 12 Uhr findet die traditionelle Pilgermesse statt. Die Kathedrale ist voll von Menschen. Mit viel GlĂŒck kann ich stehend an einem Pfeiler vorbei einen Blick zum Altar werfen. Die Messe wird in Konzelebration von mehreren europĂ€ischen Priestern gefeiert. Zu Beginn aber werden erst einzelne Pilgergruppen und Einzelpilger erwĂ€hnt und von wo sie aufgebrochen sind. Nach der Kommunion tragen MĂ€nner an einem Stab das große Weihrauchfass herbei, das an einem dicken Tau ĂŒber den Köpfen der GlĂ€ubigen im Querschiff zum Schwingen gebracht wird, ein Ritual, das den Schweißgeruch der großen Menschenmassen frĂŒherer Zeiten absorbieren sollte.

 

 

Sonntag, 22. September, bis Donnerstag, 26. September

 

Die nĂ€chsten Tage vergehen wie im Flug. Ich schaue mir die Stadt, die Kirchen und mehrere Museen an. Jeden Tag besuche ich die Pilgermesse und bete fĂŒr meine Familie, Freunde und Verwandte. An Werktagen interessiert mich, was der Markt von Compostela alles zu bieten hat. Am Sonntag fahre ich mit dem Zug nach La Coruna, um mir den Fischereihafen anzusehen. Leider ist das Wetter nicht gut an diesem Tag. Am Mittwoch fahre ich ohne GepĂ€ck zu einer Erkundungsfahrt zum Flughafen von Compostela, um fĂŒr den Tag der Abreise noch einige Dinge zu klĂ€ren. Der Donnerstag ist Abreisetag. Ich radle noch einmal ĂŒber den Platz vor der Kathedrale und lasse mich fotografieren. Einige Flaschen Wein, KĂ€se, ein FĂ€cher und ein Seidentuch gehören zu meinen Mitbringseln fĂŒr zu Hause. Mein Flugzeug nach Barcelona hat zwei Stunden VerspĂ€tung. Da ich aber dort laut Flugplan nur 50 Minuten Aufenthalt bis zum Weiterflug nach DĂŒsseldorf haben soll, ist mein Anschluss bei der Landung in Barcelona nicht mehr erreichbar. Ich gehe zum Iberia-Schalter und erhalte einen neuen Flugschein fĂŒr den Weiterflug mit Spanair nach Palma de Mallorca. Man versĂ€umt aber, mir fĂŒr den Flug von Palma nach DĂŒsseldorf eine Bordkarte mitzugeben. Es ist bereits 22 Uhr, als die letzte Maschine, ein LTU- Ferienflieger, nach DĂŒsseldorf starten will. Als ich zusteigen will, nimmt man mich zur Seite und erklĂ€rt mir, dass ich nicht mitfliegen könne. Da ich nur im T-Shirt bekleidet bin, friere ich schon eine ganze Zeit lang. Eigentlich hĂ€tte ich DĂŒsseldorf schon um 18.20 Uhr erreicht haben mĂŒssen. Ich protestiere also heftig. Man telefoniert mit Barcelona und lĂ€sst mich endlich zusteigen. Um 24 Uhr erreiche ich DĂŒsseldorf. Mein GepĂ€ck und das Fahrrad sind aber nicht angekommen. Wieder muss ich zur Information gehen und mein GepĂ€ck bzw. mein Fahrrad beschreiben, wĂ€hrend meine Tochter mich bereits am Ausgang erwartet. Einen Tag spĂ€ter erhalte ich die fehlenden Sachen durch einen Spediteur. Leider fehlt der Schirm der freundlichen Frau aus Verin, den ich in Compostela mit einem Teppichklebeband an meiner Reisetasche befestigt hatte.

 

 

RĂŒckblick

 

In diesem Jahr bin ich bereits zum dritten Mal in Santiago de Compostela gewesen. Die erste Reise im Jahre 1998 mit meinem Sohn erfolgte mit einem Leihwagen vom Madrider Flughafen aus. Wir fuhren im Auto an die in ReisefĂŒhrern genannten wichtigen Orte des „Camino francĂ©s“ mit seinen Kirchen, Klöstern und anderen BaudenkmĂ€lern heran. Wir kamen so mĂŒhelos in einsame PyrenĂ€en-TĂ€ler, um die Natur zu erleben. Kontakte zu anderen Pilgern konnten dabei nicht entstehen. Auch die Beschwernisse des Wanderns oder Radfahrens waren auf dem rund 800 km langen Weg von den PyrenĂ€en bis Santiago auf diese Weise nicht erfahrbar. Bescheidene UnterkĂŒnfte wie Refugien ließen wir damals aus. Es war fĂŒr mich so etwas wie eine Informationsreise.

 

Anders verlief dagegen meine Pilgerreise im Jahr 2000 allein mit dem Fahrrad durch Frankreich, ĂŒber die PyrenĂ€en und weiter ĂŒber den „Camino francĂ©s“ nach Santiago de Compostela. Zu viel GepĂ€ck, ein zu einfaches 7- Gang- Rad, aber eine hohe Motivation fĂŒr die Erreichung des Zieles nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben machten diese Reise fĂŒr mich zu einem unvergesslichen Erlebnis. Egal, ob ich in Deutschlands oder Frankreichs Jugendherbergen ĂŒbernachtete, ob auf Bauernhöfen oder in Klöstern, ĂŒberall wurden mir Freundlichkeit, Wohlwollen und manchmal sogar Herzlichkeit nach langen Fahrzeiten am Tag entgegengebracht. Der kĂŒrzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein LĂ€cheln - sagt ein Sprichwort. So lernte ich jenseits der PyrenĂ€en den Portugiesen Carlos kennen, mit dem ich heute noch in brieflichem Kontakt stehe. Sicherlich ist der „Camino francĂ©s“ ein Pilgerweg von hohem europĂ€ischen Rang und ein wichtiges Kulturerbe. TĂ€glich kommt man an mehreren Kirchen auf dem Weg vorbei. Die Infrastruktur mit Übernachtungsmöglichkeiten, Gastronomie und GeschĂ€ften ist gut ausgebaut.

 

Eine ganz andere Strecke ist dagegen der Jakobsweg des SĂŒdens, die „VĂ­a de la Plata“ mit ĂŒber 1200 km LĂ€nge von Sevilla nach Santiago de Compostela. In den Regionen Andalusien, Extremadura, Kastilien-Leon und Galicien liegen Dörfer und StĂ€dte mit ihren alten Kirchen, Hostals, Refugios oder Brunnen rĂ€umlich wesentlich weiter auseinander als auf dem „Camino frances“. Oft hatte ich den Eindruck, gar nicht auf einem Pilgerweg zu sein. Ich fĂŒhlte mich unterwegs allein, immer auf der Suche nach dem Ziel: dem Grab des heiligen Apostels Jakobus. Wer auf diesem Weg ist, kann in schwierigen Situationen nicht mit der SolidaritĂ€t oder LoyalitĂ€t der Mitpilger rechnen, denn es gibt kaum Pilger auf diesem Weg. Ich hatte auf dieser einsamen Pilgerreise viel Zeit zur Meditation. WĂ€hrend der Fahrt betete ich manchmal den Rosenkranz, fand dabei aber auch ein Auge fĂŒr die Schönheiten der herrlichen Landschaften. Wie im Tagebuch erwĂ€hnt, begegnete ich nur wenigen Menschen, aber dafĂŒr mit einer Herzlichkeit, die bei uns zu Hause eher zu den Ausnahmen zĂ€hlt.

 

In Compostela habe ich natĂŒrlich das Grab des Apostels Jakobus öfter besucht, habe die JakobusbĂŒste am Hochaltar umarmt und mir einige Male den Portico de la Gloria angeschaut, was ich in meinem Tagebuch nicht besonders erwĂ€hnt habe, weil es fĂŒr jeden Santiagopilger eine SelbstverstĂ€ndlichkeit darstellt. Auf mein Fahrrad konnte ich mich verlassen. Es gab keine einzige Panne, nicht einmal Luft musste ich wĂ€hrend der Fahrt nachpumpen. WĂ€hrend der ganzen Pilgerfahrt bin ich weder bestohlen worden, noch wurde ich krank oder stĂŒrzte mit dem Rad. Besonderen Dank fĂŒr meine Pilgerfahrt nach Compostela muss ich meiner Frau Dorothea sagen, die mich zum zweiten Mal schweren Herzens allein ziehen ließ, mich aber mit Gottvertrauen in Gedanken begleitete.

 

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