Gertz-CF-Tageb.-1983

Kurt-Peter Gertz

 

Tagebuch vom „Camino francĂ©s“ (27.8.-3.10.1983); ergĂ€nzt durch „Impressionen und Expressionen“ von 1988

 

VORHER

 

Jacobus, treuer Freund der Menschen

Mach du unsere FĂŒĂŸe leicht

Halte du deine Hand unter unser GepÀck

StĂ€rke du unsere mĂŒden Knochen

Halte du deinen Pilgerhut vor die Sonne

Schöpfe du uns mit deiner Muschel frisches

     Wasser

Halte du mit deinem Pilgerstab alle Gefahren

     von uns fern

FĂŒlle du uns die Kalebasse stets mit Bier

     und Wein

KĂ€mpfe du mit uns gegen unseren inneren

     Schweinehund

Geleite du uns heil zu deinem Grab

Und fĂŒhre uns glĂŒcklich an den Ort unseres

     eigenen Grabes zurĂŒck

 

30/8/83  ZUBIRI abends

 

Endlich komme ich dazu, auch mal zu versuchen, eine Seite vollzumachen: In einem Bett einer Feudal-Suite liegend, kann ich endlich mal anfangen: Bis jetzt ist alles toll gelaufen: Zuerst (am Samstag) die Autos: Morgens um 4.30 Uhr ging es los: nach 1285 km kamen wir in Puyoo an: nettes Hotel, die ersten Biere getrunken, ansonsten noch die Marschverpflegung aufgegessen, wenig geschlafen: laut und warm; aber was soll’s: Pilgerleben – Opferleben!

Am nĂ€chsten Morgen ging es weiter (gezahlt hatten wir noch am Abend): mit dem Auto bis St. Palais; dort gerade noch nach der predigt in die Messe gestĂŒrmt: alles auf baskisch, aber gĂŒltig; der Pfarrer Tanbide war sehr freundlich: will sich um unsere Autos kĂŒmmern: Garage und so: mal abwarten, wenn wir wiederkommen vom hl. Jakobus! Dann die RucksĂ€cke geschnallt und auf geht’s: Am Sonntag dachten wir noch etwas ĂŒber 700 km; inzwischen wissen wir, daß es ĂŒber 800 km sind! Nur nicht den Mut verlieren; schon haben wir uns zum ersten Mal verlaufen: Die Französischkenntnisse sind auch nicht mehr die besten: statt tout droit sind wir direkt droite gelaufen: falsch! Na ja: dann der erste offizielle Hinweis auf den Stein von Gibraltar; nach wenigen Kilometern dort angekommen: sehr schön! Pause! Fotos! Dann ĂŒber den Berg nach Harambels: schöne alte Pilgerkirche; immer weiter: nicht der Straße, sondern dem ausgezeichneten Weg nach: deshalb hatten wir am Ende des Tages statt der geplanten 30 km sicher 36/38 km: totmĂŒde kamen wir in St. Jean-Pied-de-Port an: nettes Hotel, freundliche Leute: es gab sogar noch etwas zu essen (Forelle!); an diesem Tag: Schimpfen auf die deutschen Schuster: ein Trageriemen ging los und bei einer BachĂŒberquerung ging auch das schöne FototĂ€schchen schon ein wenig kaputt: Mist; nicht so gut geschlafen.

Am Montag ging es dann weiter: nach kurzem Stadtbummel und einem netten Schuster, der meinen Trageriemen reparierte: hin ĂŒber die PyrenĂ€en zur grĂŒnen Hölle von Roncesvalles: alles ganz schön, wenn das Wetter mitgespielt hĂ€tte: aber es regnete in Strömen: erst um 10 Uhr los: immer bergan, immer bergan: ganz schön steil und anstrengend – und immer naß; aber gegen Mittag hörte es auf: Wolkenfetzen; Umziehen mitten in den PyrenĂ€en: trockene Sachen: PyrenĂ€en-Strip; immer höher – immer anstrengender; immer neue Rufe: Nee, wat sind wir bekloppt! Aber immer weiter! Immer höher: Tolle Gegend: Nebel, Schafe, Pferde, Brombeeren, Ausblicke, TĂ€ler (ein wenig wie im AllgĂ€u) – Am höchsten Punkt (nicht, wie erwartet, bei 1050 m, sondern bei 1485 m): Aufatmen: Es geht bergab – aber dann war der Weg weg: keine Markierungen mehr: quer durch den Wald – aber es klappte: endlich angekommen: Roncesvalles: Pilgerherberge und Kirche und Kloster fĂŒr Tausende von Pilgern! Wir hatten es geschafft: Erst Eintragungen ins GĂ€stebuch; dann Zuweisung der Zimmer: toll, rustikal, wie alte Pilger – das erste richtige Pilgererlebnis; dann Duschen: danach stand Javier Navarro in voller Montur („in schickem Zwirn“ wie Gerhard sagte) vor mir: ich nur in der Unterhose: ein wenig peinlich, aber nett; Abendessen: Ei und Schinken – Schinken und Ei: mal so, mal so: aber billig!

 

STEIN VON GIBRALTAR

 

Hier war es nicht, sagt der benachbarte

     Bauer

Hier könnte es gewesen sein, flĂŒstert die

     Landschaft

Und entlĂ€ĂŸt hinter ihren sanften grĂŒnen

     HĂŒgeln unzĂ€hlige Pilger aus aller Herren

     LĂ€nder

Ganz verschiedene Nationen, Charaktere und

     Motivationen tauchen auf

Hier am alten runden baskischen Grabmal

     vereinen sie sich

Die Muschel, der Pilgerstab und die Kalebasse

     am Sockel weisen den Franken-Weg zum Haus

     des Apostels in weiter Ferne

Grenzen werden ĂŒberschritten, LĂ€nder finden

     zueinander, Feinde werden Freunde

Das Gottesreich beginnt

Hier war es nicht, wiederholt Àrgerlich

     der benachbarte Bauer

 

31/8/83  Immer noch ZUBIRI  (diesmal morgens um 7 Uhr im Bett)

 

Nach der letzten Eintragung gingen wir erst mal gut essen – davon spĂ€ter!

Also zurĂŒck nach Roncesvalles! Ein wichtiges SchlĂŒsselerlebnis vergaß ich noch aus den PyrenĂ€en: Da ich an den FĂŒĂŸen kleine Pilzerrötungen bekam, reichte man (bzw. Frau) mir Vaginalcreme zur Behandlung: Hoffentlich gibt das keine lustbetonten FĂŒĂŸe! Na ja, man muß alles mal mitgemacht haben.

Jedenfalls haben wir in Roncesvalles gut geschlafen; Javier Navarro wollte uns (wie er am nĂ€chsten Tag erzĂ€hlte)  noch das „dernier sacrament“ reichen (einen guten alkoholischen Nachttrunk), aber wir waren zu spĂ€t nach Hause gekommen – wir hatten aber auch so genug. Morgens um 8.30 Uhr aus den SchlafsĂ€cken; um 9 Uhr an der Laudes teilgenommen; um 9.30 Uhr eigene Messe (Thema „Dank“) am Hochaltar der Kirche unter dem Baldachin und unter den Augen der Muttergottes von Roncesvalles; Javier Navarro teilte uns mit, daß er uns bis Zubiri begleiten wolle; erst aber gingen wir frĂŒhstĂŒcken (ans spanische „FrĂŒhstĂŒck“ muß selbst ich, der FrĂŒhstĂŒcksmuffel, mich erst wieder dran gewöhnen); danach Besuch des Museums (schön gemacht, aber wenig Bedeutendes: eine Bibel mit Kupferstichen von Virgil Solis fiel mir sofort in die Augen!); danach Aufbruch – ohne GepĂ€ck! Wohl ein einmaliges Erlebnis auf unserer Pilgerreise (und das verstĂ¶ĂŸt nicht gegen die Spielregeln): Javier Navarro hatte uns angeboten, das GepĂ€ck bis Epinal im Auto mitzunehmen, dort wollten wir uns treffen und zusammen weiterlaufen: also die ersten 7 km frei und unbelastet: Welch eine Wohltat! Dann mit GepĂ€ck weiter: Die Landschaft von Navarra ist herrlich: Bergig, bewaldet (Eichen und Buchen); das Wetter angenehm (leicht sonnig; nur die Wege von den Unwettern des August alle sehr matschig); fĂŒr Javier Navarro waren wir zu spĂ€t losgelaufen und liefen zu langsam: Sonst war er aber sehr nett; viel geredet (alles auf Französisch); aber: Wenn wir so langsam weiterliefen, kĂ€men wir nie in Santiago an (wir werden ja sehen!).

Unterwegs einige Reste des Weges: ein Wappen mit Jakobsmuscheln – der „Schritt des Roland“ – ein alter zugeschĂŒtteter Brunnen: Dort (eine Stunde vor Zubiri) verließ uns Javier, um trampenderweise nach Roncesvalles zurĂŒckzufahren, denn pĂŒnktlich zur Vesper um 18.30 Uhr wollte er wieder da sein: Vorher gab er uns noch einen Schluck vom „dernier sacrament“, einem alten Pilgerlikör (aus Pflaumen gemacht) und ein kleines FlĂ€schchen mit.

Wir also allein weiter – quer durch die Landschaft nach Zubiri; dort eine alte schöne PilgerbrĂŒcke, dann zur Bar Valentino; dann erst mal ein paar Bierchen; die „Frauen“ blieben dort; wir wurden in einer Luxus-Suite (in gold-weiß) untergebracht; fein machen; Abendessen: gemischter Salat, Lamm, Whisky-Torte; dazu mehrere cervezas: alles prima; glĂŒcklich fielen wir in die Luxus-Suite-betten; heute soll’s weiter nach Pamplona gehen; draußen ist es kĂŒhl-regnerisch: mal sehen!

 

PYRENÄEN

 

Unter der drohenden BußgebĂ€rde des TĂ€ufers

     beginnt der mĂŒhsame Aufstieg zum Rand

     des Himmels

Die Sonne taucht die sanften HĂŒgel in sattes

     GrĂŒn

Unvermutet bedeckt Nebel die Wege nach oben

Schwarze Pferde tauchen gespenstergleich aus

     dem milchigen Weiß auf

Wallfahrer kennen nur ihren Weg – Grenzen

     mĂŒssen ihnen weichen

Der chĂ©min wird zum camino – die rot-weißen

     Markierungen werden zu gelben Pfeilen

Sie weisen den Pilgern den Weg der Sternen-

     Straße in den fernen Westen

Noch immer gehen sie bergauf

Dort, wo die Irdischen an den Himmel packen

     können, weitet sich tief unten die Ebene

Die Glocke am Paß ruft zum abendlichen

     Angelus

 

31/8/83  ZABALDICA gegen Mittag

 

Rast an der Landstraße: Das Wetter ist gut geworden: sonnig; zuerst dem ausgezeichneten Wanderweg nach: sehr umstĂ€ndlich: 3 Kilometer in anderthalb Stunden; dann Landstraße: fuß- und nervtötend, aber man kommt voran: nun sind wir schon auf der HĂ€lfte nach Pamplona!

Einige NachtrĂ€ge (aus den GesprĂ€chen mit Javier Navarro): Im Kloster  von Roncesvalles leben z.Z. drei Kanoniker (in den schicken roten KostĂŒmen) und zwei Mönche; einige Motivationen fĂŒr die Wanderung nach Compostela: eine Gruppe von Protestanten aus der Schweiz: um Gott zu suchen und zu finden (wo schon viele andere ihn gesucht und gefunden haben); fĂŒr Katechumenen: um sich in Santiago taufen zu lassen; eine Gruppe aus Amerika (mit einem jĂŒdischen Professor, ansonsten „Atheisten“): um Land, Leute, Geschichte kennenzulernen; da dazu auch der Pilgerweg und zum Pilgerweg die Kirche und zur Kirche eine Messe gehören, verpflichtete der Professor seine Leute, jeden Tag an einer Messe teilzunehmen; andere Motivation: fĂŒr die Einheit Europas. Javier Navarro will MĂ€rz ‚84 nach DĂŒsseldorf kommen, um einen Vortrag ĂŒber Roncesvalles zu halten: Mal sehen!

 

    

RONCESVALLES

 

Die Geschichte des grĂŒnen Tales beginnt mit

     Blut

Der „Große“ war ĂŒber die Berge und in

     Sicherheit

Die MĂ€chtigen sterben nur selten fĂŒr sich

     selbst – das erwarten sie von ihren

     Getreuen

Hier war es Roland – sein Name erfĂŒllt das

     Tal

SpĂ€ter kamen die Jacobspilger in großer Zahl

Im Schutz der Madonna fanden sie ihre erste

     Ruhe auf spanischem Boden

Nach langen KĂ€mpfen gegen Regen und KĂ€lte,

     Nebel und Wind, Sonne und Schweiß in den

     PyrenĂ€en

Vor ihrem beschwerlichen Weg durch den

     Norden des Landes zum Grabdes Apostels

Ob sie in ihren TrÀumen wohl manchmal noch

     die KlĂ€nge des Hornes Olifant hören?

Ob sie wohl manchmal noch den Handschuh zur

     Geliebten in die Heimat schweben sehen

 

1/9/83  PAMPLONA 18 Uhr

 

Große Probleme haben sich inzwischen eingestellt: Zu dritt liegen wir im Bett mit einer Darm-Magen-Geschichte in der Pension in der Calle S. Nicolas 13 in Pamplona; obwohl wir ja eigentlich heute schon in Puente la Reina sein wollten; manchmal kommt es eben anders – hoffentlich geht alles gut; z.Z. sieht es jedenfalls sehr miese aus. Dabei endete der gestrige Tag so toll: gegen 17 Uhr Ankunft in Pamplona; Stempel beim Erzbischof geholt; Pension bezogen, gut zu Abend gegessen und getrunken – aber vor Pamplona war es wohl passiert: Da haben wir in einer Bar einige Tapas gegessen, vielleicht nicht mehr gut; jedenfalls heute morgen große Kotzerei und anderes; habe den ganzen Tag im Bett gelegen. Beschissene Situation – hoffentlich geht es noch weiter!

 

2/9/83  PAMPLONA 9 Uhr

 

Noch immer in derselben Herberge: eine moderne Pilgerherberge des 20. Jahrhunderts: unordentlich, dreckig, unaufgerĂ€umt, mit kranken Pilgern im Bett und auf dem Boden, ĂŒberall Krankheitssymptome: Coca-Cola, Anti-Kotz-Mittel, Kohletabletten
ein Bild des Jammers. Aber bei allem Jammer (und auch wenn Helge jetzt auch alles hat) – es gibt Hoffnungsschimmer: die Kondition und die Stimmung steigen wieder: vielleicht geht es morgen weiter; es wĂ€re schön; heute aber bleiben wir erst noch in Pamplona – dieses Nest wird uns in bleibender Erinnerung bleiben.

 

3/9/83  PAMPLONA 8.30 Uhr

 

Noch immer dieselbe herberge: aber heute morgen mit mehr Hoffnungsschimmer: Wir brechen auf und versuchen, mal ein StĂŒck weiterzugehen; unsere Devise: Wir gehen auf der Strecke so weit wir kommen und fahren dann den Rest bis Santiago; vielleicht können wir dann im nĂ€chsten Jahr den Rest des Weges laufen.

Gestern machte die Kondition Fortschritte: Bummel durch die Stadt, durch die Kathedrale, durch den Kreuzgang (fenstergroßes gotisches Maßwerk: riesige Proportionen), durch das Diözesanmuseum: eine romanische Madonna neben der anderen aufgestellt: fast wie im Panoptikum: das Ganze ist im Refektorium fĂŒr die Pilger untergebracht, daneben die KĂŒche fĂŒr die Pilger mit fĂŒnffachem Kaminabzug – dann mal wieder schlafen, wieder Bummel; Abendessen: Spargel als Vorspeise, Forelle als Hauptspeise; noch erwĂ€hnenswert: zwischendurch haben wir Skat gespielt: mit des Teufels Gebetbuch auf göttlicher Pilgerreise.

 

 

3/9/83  MURUZABAL 16.30 Uhr

 

Im Vorraum der Kirche; nachdem wir lange (ca. 15 km) auf der Landstraße Kilometer geschrubbt haben, sind wir nun auf einem Seitenweg und haben wieder das echte Pilgererlebnis: kleine Straßen, wenig Autos, Brombeeren, tolle Landschaft, ein wenig auf und ab, BĂ€che, BrĂŒcken
Ein kleines Nest hier, in dessen Kirche nach Angabe des FĂŒhrers eine Darstellung des hl. Jakobus als Pilger sein soll; mit viel Phantasie kann man ihn auf einem Altarbild in der (abgeschlossenen) Nordkapelle der Kirche entdecken; ein kurzes Gebet, daß es heute doch einigermaßen weitergeht; hier in der Kirche (vor Puente la Reina) kam mir der Gedanke des „ZusammenfĂŒhrens der GegensĂ€tze“: wie in Puente la Reina alle Wege aus Ost und West und SĂŒd und Nord und mit Menschen unterschiedlicher Charaktere und Überzeugungen zusammenkommen, so kommt es öfters im Leben: so wie wir sechs jetzt zusammenlaufen: unterschiedliche Alter, unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Bildung, unterschiedliche Motivationen
; ebenso im Glaubensleben, in der Kirche: viele unterschiedliche Menschen werden zusammengefĂŒhrt (oder kommen zusammen), um gemeinsam etwas zu machen; oder in einer Ehe oder Partnerschaft: ZusammenfĂŒhren von GegensĂ€tzen; Puente la Reina als ein Lebens-Gleichnis


 

3/9/83  PUENTE LA REINA  18.30 Uhr

 

Angekommen! Am Ort der Vereinigung der Wege: „Von hier aus bilden alle Wege nach Santiago einen einzigen“ steht auf dem modernen Denkmal am Ortseingang.

Nach leichten Schwierigkeiten, die richtigen Leute zu finden, sind wir jetzt im Kloster untergebracht: schmuddelig und dreckig, aber einzeln; jetzt frisch machen, dann bummeln, dann essen – um 22 Uhr wird die Klosterpforte geschlossen; mit einigen Schwierigkeiten ging es aber heute: Gott und Santiago seien Dank!

 

PUENTE LA REINA

 

Mit dem Charme einer Königin spannt sie

     sich von Ufer zu Ufer

Der blaue Arga verdoppelt ihren Bogen zum

     gedrehten heiligen Zeichen

Ihre liegende Mandorla wies den Pilgern die

     Richtung

Ihren RĂŒcken beugte sie unter Tausenden von

     Wallfahrern

Sie ließ sich treten von ungezĂ€hlten

     geschundenen FĂŒĂŸen

Wahre GrĂ¶ĂŸe liegt im Dienen

Vielleicht ist es das, was der Apostel mit

     leicht geöffnetem Mund den Vorbeiziehenden

     zuflĂŒstert?

 

4/9/83  LORCA 15.15 Uhr

 

Sitzen im Schatten einer geschlossenen Bar – etwas frustrierend, aber kĂŒhlend; heute in glĂŒhender Mittagshitze losgelaufen: das soll es nicht wieder geben!

Gestern abend lecker essen gewesen und trinken; gerade noch vor Verschließen der Klosterpforte eingetrudelt, gut geschlafen, wenn auch aus der Ferne bis 4 Uhr morgens Disko-Musik; mit der gold-glĂŒhenden Morgensonne, die den Kloster-Innenhof vergoldete, um 7 Uhr wachgeworden; um 8.15 Uhr Messe in der Santiago-Kirche; Stempel bekommen; auf das Öffnen einer Bar gewartet: vergebens; ohne FrĂŒhstĂŒck los; bis Maneru, aber: „in Maneru, in Maneru, da waren alle Kneipen zu!“ – wieder weiter bis zur Bar von Cirauqui; auf den höchsten Punkt der Stadt gestiegen: zur Romanus-Kirche: herrliches Portal mit Lappen, die drei-fĂ€chrig ausliefen, richtig arabisch verspielt; auf den LappenfĂ€chern: Ranken, Kordeln, SchnĂŒre – in sich verschlungen; ein netter Mann machte uns Licht an in der Kirche; etwas bĂ€uerisch gestalteter, schöner Schnitzaltar im Nordschiff mit Kreuzigung (oben) – VerkĂŒndigung (links; der Engel mit Schlitz im Kleid) – Heimsuchung (rechts); im ganzen Dorf starrten und staunten die Leute uns nur so an: wie Weltwunder, mit einem leichten LĂ€cheln auf den Lippen: Wie kann man nur so blöd sein?

Weiter auf der Straße bis Lorca: s.o.; hier knacken jetzt die meisten auf den Liegematten, die Ameisen mögen mich auch und Durst ist schlimmer als Heimweh – Hl. Santiago, warum mußtest Du ausgerechnet Patron von Spanien werden? – Schlafen geht nicht: Helge klopft die Schuhe weich: mit zwei Steinen und Nivea (Prinzip Kotelett).

 

5/9/83  IRACHE (Kloster)  10 Uhr

 

Vor dem Kloster gut gefrĂŒhstĂŒckt: Brot, Schinken, Melone, Joghurt, Coca.

Gestern gut in Estella angekommen (gegen 18 Uhr); Hotel gefunden: geduscht, gewaschen, gebummelt: nach S. Miguel hochgestiegen: sehr schönes Portal, vor allem die Darstellung der Frauen am leeren Grab: Menschen auf dem Weg, auf der Suche nach Jesus – wie die Jakobspilger – wie wir; Wegedarstellungen finden sich oft am Weg: Hl. Drei Könige – Emmaus – Frauen am Grab: stĂ€ndig neu aufbrechen, die Erfahrung wird bei der Wanderung immer wieder deutlich; auch wenn man irgendwo bleiben möchte, auch wenn man noch mĂŒde ist, auch wenn die FĂŒĂŸe noch weh tun – es muß weitergehen, möglichst frĂŒh, um der glĂŒhenden Mittagshitze zu entgehen.

Danach essen gegangen: GemĂŒse, Schweinskotelett, Flan, Bier, Wein, Cognac; vorher noch auf dem Marktplatz drei Musikanten mit einheimischer Musik gehört; heute morgen frĂŒh aufgestanden (6.45 Uhr); um 7.30 Uhr Abmarsch: Kaffee in einer Bar, dann Richtung Los Arcos; jetzt in Irache: BelĂ€stigt durch den Staub der örtlichen MĂŒllabfuhr, durch Hunde, durch Kinder


Nachtrag von den GesprĂ€chen mit Javier Navarro (einem Mönch aus Roncesvalles, der eine Tagesetappe mit uns pilgerte): Voriges Jahr (1982: „Heiliges Jahr“ in Compostela) sind ĂŒber 500 Pilger zu Fuß von Roncesvalles losgezogen, wir waren dieses Jahr die Nummern 225-230.

 

5/9/83  5 km vor LOS ARCOS  15.15 Uhr

 

Im Schatten eines Nadelwaldes, in der NĂ€he der Straße, auf einem abgemĂ€hten Feld, inmitten von Kaninchenkötteln, auf der Liegematte machen wir seit zwei Stunden Siesta: immer und immer und  immer wieder belĂ€stigt von Fliegen; angeregt durch diese Biester fallen mir bisherige „Gefahren“ eines Pilgerlebens ein:

Regen: bisher nur in den PyrenĂ€en, aber wie wir hörten, in den ganzen Wochen vor uns: alles sieht sehr ĂŒberschwemmt aus: Felder, Weinberge, BachlĂ€ufe
 - Autos: immer wieder rasen sie entgegen und vorbei; da aber die Landstraße immer die kĂŒrzeste Verbindung ist, können wir dabei viele Kilometer schrubben; schrecklich dieser LĂ€rm, Gestank, Staub, Abgase
 - Sonne: seit gestern scheint sie ĂŒber Mittag brĂŒllend heiß, so daß eine Siesta unerlĂ€ĂŸlich ist; da wir immer nur nach Westen wandern, werden wir nur links braun, rechts nicht so (deshalb mußten die Pilger im Mittelalter auch zurĂŒckwandern, damit sie auch auf der anderen Seite braun wurden)
 - Durst: immer wieder und immer wieder: habe inzwischen Coca-Cola zu meinem Leib- und Magen-GetrĂ€nk erkoren; außerdem Suche nach Brunnen, Wasserstellen, Brombeeren; es wird aber sicherlich noch schlimmer kommen; eben die Vorstellung gehabt, der Erzengel Michael könne mit einem Kasten „AGUILA“ (trinkbares Bier hier) vom Himmel herabkommen (natĂŒrlich gekĂŒhlt); Gerhard: „Es kann aber auch ein anderer Erzengel sein!“; ich: „Es kann auch ein anderes Bier sein, z.B. Köpi“
 - Schlangen: gestern mittag im Schatten einer BrĂŒcke eine gesehen: zusammengerollt, schlafend: nur schlafen lassen und weiter
 - Hunde: immer und ĂŒberall in jedem Dorf, an jedem Haus, in jedem Kaff, an jeder Ecke bellt und klĂ€fft und knurrt und jault und wimmert und heult es in allen Tönen; Helge wies schon auf die ursprĂŒngliche Bedeutung des Satzes „Den letzten beißen die Hunde“ hin
 - Fliegen, MĂŒcken, sonstiges Untier: es juckt und sticht und beißt und zwackt und kribbelt ĂŒberall; verstĂ€ndlich, warum die Pilger in Santiago neue Kleider bekamen; wir mĂŒssen leider noch selbst waschen, was aber auch ganz gut klappt
 - Magen- und Darm-Beschwerden: bisher nur (Gott sei Dank!) einmal gehabt (in Pamplona); reicht aber auch, hoffentlich nie wieder: laufen sollen nur noch die Beine, keine anderen Körperteile mehr
 - Polizei: guardia civil, bisher nur fĂŒr Helge gefĂ€hrlich, der seinen Fotoapparat hinter Pamplona in Richtung auf die Stadt hielt, was die Polizei aber aus einem anderen Winkel sah und sich fotografiert fĂŒhlte; Helge mußte antanzen wie ein Hund „Hierher!“, dann ÜberprĂŒfen der Papiere, wichtige Mienen, etwas Gerede, dann durfte er wieder gehen
andere Gefahren spĂ€ter!

Nachtrag von heute morgen: Besichtigung in Estella von San Pedro: Ă€hnliches Portal wie in Cirauqui: Ă€hnlich gelappt mit den drei-fĂ€chrigen AbschlĂŒssen; nur geometrischer, gestrickter, ornamentaler als in Cirauqui – jedenfalls sehr schön und orientalisch anmutend
Jetzt gleich Aufbruch, nachdem wir auch eine Stunde lang einen schönen Skat gespielt haben


 

6/9/83  LOS ARCOS 8.30 Uhr

 

Sitzen in einer Bar von Los Arcos: Der Abend und die Nacht waren schlimm: ZunĂ€chst war es sehr schön: im Schwimmbad von Los Arcos gewesen, sehr erfrischend, aber die spanischen Frauen ĂŒber 25 kann man vergessen
; die Hotels (2) in Los Arcos zu teuer, deshalb zum Pfarrer: saß auf dem MĂ€uerchen vor der Kirche: vergammelt und versifft; nach langem Reden bestellte er uns fĂŒr 20 Uhr vor das Portal der Kirche (ĂŒbrigens sehr schön); dann wurden wir in den Pfarrsaal einquartiert, einfach, aber „schön“, auf der Schlafmatte; essen gegangen; mit Gerhard noch „Pinkeln“ gegangen, dabei den ganzen Cognac im Dorf aufgesoffen: jetzt dicken Kopp und dabei fĂŒr heute 28 Kilometer: Wie heißt der Heilige gegen Kopfschmerzen? Er möge sich meiner erbarmen! (Aber schön war’s doch!)

 

6/9/83  In einem WĂ€ldchen 15 km vor LOGRONO  14.45 Uhr

 

Bisher noch nicht viel gelaufen, dafĂŒr aber schöne Sachen gesehen in Torres del Rio: eine tolle EingangstĂŒr mit Muschelmotiven beschlagen (eigentlich noch schöner und uriger als in St. Jean-Pied-de-Port); und: das heilige Grab dort; einfache, schlichte, gekuppelte Kirche mit flachen Gurtbögen und ganz fein ziselierten DurchbrĂŒchen: wuchtig und verspielt zugleich: das waren noch Architekten! Eine alte Frau schloß uns die Kirche auf, nachdem zwei nette Teenies sie geholt hatten; ein strenges polychromes Kreuz auf dem Altar (12. Jahrhundert) – Dann weiter durch glĂŒhende Sonne, aber heute mit einem angenehmen Wind vermischt: die Landschaft wird immer karger; bald verlassen wir Navarra und kommen nach Rioja – aber vorher mĂŒssen wir noch laufen!

 

6/9/83  LOGRONO 20.15 Uhr

 

Immer weiter die Landstraße; interessant und ekelhaft, was da alles so rumliegt: tote Hunde, Vögel, Igel, Schlangen, Schmetterlinge, Ratten, Hasen, MĂ€use, Kröten
Dann wieder ein schöner Ort am Bergeshang: Viana mit einer herrlichen Marienkirche und einem idyllischen Vorplatz mit Brunnen: Treffpunkt fĂŒr alt und jung; in der Kirche gold-glĂ€nzende-bunte Altarretabel: ĂŒberall: wie so oft in spanischen Kirchen spĂŒrt man auch hier den „horror vacui“, alles muß ausgefĂŒllt sein, ĂŒberall eine Figur, eine Darstellung, ein Ornament; am Hauptaltar: Marienszenen; an der Ostseite des linken Seitenschiffs zum ersten Mal ein Maurentöter (ĂŒber einer Kreuzigung): der heilige Jakobus auf seinem legendĂ€ren weißen Roß, das Schwert schwingend, ein Maure tot zu seinen FĂŒĂŸen – Wir machten eine lĂ€ngere Rast: Wasser aus dem Brunnen (prima!), ein Kaffee, eine Cola – dann weiter, Richtung Logrono: eine richtige Pferdestrecke: endlos lang zog sich die Straße dahin, durch die VorstĂ€dte, durch Chemieanlagen mit allen möglichen Geruchsnuancen, ĂŒber „FlĂŒĂŸchen“ in allen möglichen Farben: Dreck und Gestank bis runter zum Ebro: dort spiegelte sich die Silhouette des alten Logrono malerisch in der Abendsonne; bis zur Marienkirche; dort Unterkunft gesucht – nun kann der Abend wieder beginnen!

 

7/9/83  NAVARRETE 13.10 Uhr

 

Im Schatten des Brunnenplatzes von Navarrete, wie ĂŒberall Zentrum des Lebens: Platanen, Kinder, FahrrĂ€der, Kinderwagen – und alle staunen; einen guten Schluck vom kalten Wasser genommen: wie immer neues Leben: biblische Begriffe bekommen wieder neue Inhalte: Wasser, Schatten, Ruhe. – Gestern abend lecker essen gegangen, mal was anderes: GemĂŒsesuppe, Lammkoteletts, ganz alter SchafskĂ€se, danach woanders eine flambierte CrĂȘpe gegessen: richtig lecker und preiswert; dann gut geknackt; um 7.30 Uhr aufgestanden; Geld gewechselt; Besichtigungsprogramm: S. Bartolome mit herrlichem Portal, stark verwittert; zu erkennen ist in der Mitte noch eine Auferstehungsszene mit zwei Frauen und Engeln, die die Leidenswerkzeuge zeigen; danach zur Jakobskirche; ĂŒber dem Portal ein riesiger Matamoros ĂŒber riesigen Mohrenköpfen; die Potenz des Heiligen ist symbolisiert im Glied des Pferdes: machtvoll, kĂ€mpferisch, aggressiv; im Inneren wie immer: riesiges Altarretabel: auch dort vielleicht noch Jakobsdarstellungen; vor der Kirche gefrĂŒhstĂŒckt und auf das Siegel des Pfarrers gewartet; dabei auch den alten Jakobs-Pilger-Brunnen vor der Kirche bewundert; wenig erinnert an lĂ€ngst vergangene Tage, lediglich die AtmosphĂ€re und das Bewußtsein, daß hier Tausende sich erfrischt und erquickt haben; nach dem Siegel ging es durch das alte Jakobstor weiter: Landstraße ca. 10 Kilometer bis Navarrete, eine Stadt, die auf einem Berge liegt und schon von weitem zu erkennen ist; bis zum Brunnenplatz hochgestiegen: nun kann die Siesta beginnen! Kurz noch in der Kirche gewesen: wie immer! Nur noch mehr Panoptikum: Heilige hinter Glas in SchaukĂ€sten.

 

7/9/83  NAJERA 20.15 Uhr

 

Liegen im Saal des Klosters, hören Klaviermusik (mit Marianne und Gerhard: spielt unsere Wanderlieder); die Liegematten und SchlafsĂ€cke dienen uns wieder als Dormitorium; toll hier (bis auf die Blase unterm rechten Fuß, die Gerhard mir aufsticht); der Weg von Navarrete ging noch ein StĂŒck ĂŒber Landstraße, dann alter Pilgerweg: sehr schön, aber heiß, Luft stand; die Vorstadt von Najera sehr frustrierend: viele Kiesgruben und Fabriken; in der ersten Bar Erfrischungen: Ein Bier und eine Cola: das zischt!! Dann weiter durch die Stadt zum Kloster Santa Maria la Real; dort direkt einen sehr netten Bruder getroffen: Wir durften unterkommen und dann ging sofort die FĂŒhrung los (alles im Wanderdreß und mit dicken Schuhen): Treppenhaus mit Kuppel (Scheinarchitektur); dann der Höhepunkt des Klosters: Kreuzgang: Mischung von drei verschiedenen Stilen: Gotik und platereske FĂŒllungen und SĂ€ulen der Renaissance: sehr harmonisch, sehr elegant, sehr höfisch-königlich: das Ganze ist auch eine Stiftung der Könige von Najera: Hier kann man nicht gehen, sondern nur wandeln oder schreiten; dann hinein in die Kirche: zwischen der einfachen Gotik schimmerndes Gold der AltĂ€re und die Jungfrau von Najera, assistiert vom hl. Benedikt und der hl. Scholastika; Königs-Kinder-GrĂ€ber in der Kirche mit Darstellungen des jĂŒngsten Gerichts und des Gleichnisses von den klugen und törichten Jungfrauen: sehr beeindruckend; dazu die klaren, aber oft ironischen Bemerkungen des schauspielbegabten Klosterbruders; noch auf den Coro hochgestiegen: ChorgestĂŒhl, kurz nach der Entdeckung Amerikas entstanden: als Miserikordien gab es Indianer, Neger, Mauren, Syphiliskranke
Nun auf zum Abendessen! Es eilt!

 

8/9/83  AZOFRA 12.10 Uhr

 

Sitzen in einer Bar und machen die erste Pause; gestern abend gut gegessen: Zweimal Suppe: Einmal Schlapp-Schlapp; Einmal dicke, weiße Bohnensuppe: sehr lecker (mit Nachwirkungen), dann drei Fische (gebraten) und Milch-Dickspeise; das Schlaflager war etwas hart auf dem Steinboden; heute morgen um 8.30 Uhr Messe unter der Jungfrau von Najera am Festtag der Geburt Mariens; dann FrĂŒhstĂŒck, gegen 10.30 Uhr los: wie immer zu spĂ€t, aber (trotz guter VorsĂ€tze) wir schaffen es nicht frĂŒher!

Von den „Freuden“ eines Pilgerlebens:

Ankommen: Jeden Abend immer wieder neu ein Erlebnis: die letzten Kilometer, die letzten Schritte und dann da sein! Die Schuhe aus, die Socken aus: endlich Luft (wenn auch etwas schlechtere)
 - Wasser: zum Trinken, zum AbkĂŒhlen, zum Duschen (in allen Varianten: kalt und warm, einstrahlig oder mehrstrahlig, sauber oder dreckig
); vor allem aber immer wieder die Dorf-Brunnen: Quellorte des Lebens, der Kommunikation, des Klatsches, der Erfrischung
 - Bars: wenn es welche gibt am Weg, in einem Dorf; wenn sie geöffnet sind: trotz Qualm und Mief und Fernsehen und Musik und Spielautomat: immer wieder nett und erholsam: Kaffee oder Cola oder Mineralwasser oder (aber erst in der letzten Bar vor dem Ziel!) Bier; dann etwas schreiben oder dösen oder entspannen oder knabbern und dann weiter (wobei dieses „weiter“ oft schwer fĂ€llt)
 - BriefkĂ€sten: jeden Abend oder Morgen neue suchen, um die Schreibmanie jeden Tag einhalten zu können
Vielleicht spĂ€ter noch andere „Freuden“ – Gestern abend hat Gerhard mir eine Blase unter dem rechten Fuß aufgestochen; seitdem kann ich wieder prima laufen: eine kleine, ein wenig schmerzhafte Freude!

 

8/9/83  5 km vor SANTO DOMINGO DE LA CALZADA  14.15 Uhr

 

Die HĂŒhner kommen immer nĂ€her! Seit Azofra fast nur Landstraße: warm, dreckig, laut – aber wir kommen voran.

Noch zwei „Freuden“ eines Pilgerlebens:

Die erste fiel mir bei leichten Beschwerden durch die gestrige Bohnensuppe (nochmals: sehr lecker) ein (es durfte keiner hinter mir hergehen); also: gut Essen und Trinken: abends nach dem Frischmachen und Umziehen (jeden Abend dieselbe Abendgarderobe: ganz in Blau): Suchen eines guten, aber preiswerten Restaurants; bisher haben wir fast immer GlĂŒck gehabt; dann erst ordentlich was trinken und dann die einzelnen GĂ€nge: das spanische Essen ist zwar nicht sehr einfallsreich (die Speisekarte haben wir fast durch: Tortilla, Paella, Suppe, gemischter Salat, StĂŒck vom Schwein oder HĂ€hnchen
), aber fĂŒr unser Pilgerleben reicht es: jedenfalls sind wir bisher immer gut satt geworden
 - und eine zweite Freude (so wie jetzt gerade): ein schattiges PlĂ€tzchen zur Mittagszeit: ein kleines WĂ€ldchen, ein paar einzelne BĂ€ume, ein Haus
: jedenfalls: so ein Schatten-Dasein rekreiert und regeneriert und refrechiert und revanchiert fĂŒr vieles! Vamos!

 

8/9/83 SANTO DOMINGO DE LA CALZADA  18 Uhr

 

Im Augenblick ist es wie im Schlaraffenland: Wir haben ein ganzes Haus fĂŒr uns, das Haus der Stadt fĂŒr die Pilger: tolle Fassade, toller Eingang, tolle Treppe, tolles Bad (wenn auch bisher nur kaltes Wasser), tolle KĂŒche (wenn auch bisher noch kein Gas), tolle Schlafzimmer mit altem GebĂ€lk: So macht das Pilgerleben wieder Spaß!

Die letzten Kilometer bis hier waren anstrengend, heiß und ermĂŒdend: eine endlos lange, gerade Straße; und schon von weitem der riesige Turm der Kirche von Sto. Domingo: wie ein Zeigefinger ragt er in den Himmel; und je nĂ€her wir kamen, desto verspielter wurde er, eine kleinere Ausgabe von den TĂŒrmen von Compostela; sehr schön auch, hier mal die Idee des freistehenden Campanile zu finden; da dir Kirche noch zu war, zunĂ€chst in einer Bar einiges getrunken, wiederum untermalt vom schrecklichen Fernsehen – Gerade kommt der Ruf: Alles klar! Der Herd funktioniert und das Wasser in der Dusche ist auch warm – In der Bar viele Karten geschrieben mit dem Grundtenor: Hier ist die einzige Kirche in der Welt, die nicht nur ein HĂŒhnerstall ist, sondern wo auch ein HĂŒhnerstall drin ist; dann in die Kirche zu den HĂŒhnern; das Paar gackert immer noch vor sich hin: eine Feder als Souvenir und Pilger-Dokument mitgenommen: Herrlich, diese Konkretisierung des Glaubens und diese Show-Effekte am Weg, die den mittelalterlichen Pilger und uns hochhielten und hochhalten; Rundgang durch die Kirche: eine herrliche Veronika, einen Matamoros und ein Relief des Dominikus (als BrĂŒckenbauer) fotografiert; dann kam die Nachricht (durch den Schuster ĂŒbermittelt, dem Gerhard seine Schuhe zum Neu-Sohlen gebracht hatte): Es gibt ein Haus fĂŒr Pilger der Stadt: beim Pfarrer oder bei der Polizei melden; Gerhard und ich gingen zur Polizei und nachdem wir unseren Pilgerausweis vorgezeigt (war von den vielen Siegeln beeindruckt) und ich meinen Ausweis dagelassen hatte, fĂŒhrte er uns zu dem Haus: wie schon erwĂ€hnt: tolle Fassade
(s.o.); nun habe ich schon geduscht (doch kalt! Aber sehr erfrischend!); Marianne und Gerhard sind einkaufen; zwei neue Pilger (wohl aus England) sind auch eingetrudelt; ich habe eine neue Abendgarderobe an: da es heute sportlich sein soll: Sporthose
Mal sehen, was es zu Essen gibt


 

SANTO DOMINGO DE LA CALZADA

 

Des Wirtes Töchterlein las gerade im

     Alten Testament die Josefsgeschichte

Als der schöne PilgerjĂŒngling Jacob die

     Gaststube betrat

Wie Potifars Weib stĂŒrzte sie sich auf ihn

Er aber hatte nur seinen Namenspatron im

     Sinn

Der Trick mit dem Silberbecher klappte

     erneut

Und so kam fĂŒr Jacob schnell sein scheinbares

     Ende am Galgen

Die fĂŒrsorgende Liebe der Eltern und die

     unglĂ€ubige Ironie des Richters verliehen

     dem Federvieh am Bratspieß erneut FlĂŒgel

Der Hahn krÀht diese uralten Geschichten

     pausenlos in die Kirche

Die Pilger-Touristen schĂŒtteln verstĂ€ndnislos

     ihre Köpfe

Und versuchen, mit Stöcken und Schirmen eine

     weiße HĂŒhnerfeder zu ergattern

Alle ziehen reichbeschenkt in ihre Heimat

     zurĂŒck

Der Apostel hĂ€lt unter jeden schĂŒtzend

     seine Hand

 

9/9/83  BELORADO 14.15 Uhr

 

Sitzen auf dem Platanenplatz und halten Siesta: KĂ€se, Weintrauben, Brot, Wein – schon wieder am Essen; dabei gab es gestern abend noch Hervorragendes: Eintopf von Fleisch, Schinken, Tomaten, Zuccini, Möhren und vor allem Kartoffeln: Sto. Domingo ist wohl das Kartoffel-Zentrum Spaniens: Überall Kartoffelernte, Kartoffelautos, KartoffelkĂ€fer
; jedenfalls das Essen war gut und preiswert: mit Wein und Bier und Joghurt
wie im Schlaraffenland; nach dem Essen: SpĂŒlen und dann Kniffel-Spielen; nicht mehr lange, da doch mĂŒde und fĂŒr heute morgen um 6.30 Uhr Aufstehen angeordnet war, wieder gut essen zum FrĂŒhstĂŒck: Schinken und Ei und Joghurt und Cola und Kaffee: eine gute Grundlage fĂŒr die heutigen 31 Kilometer; dann den Ausweis bei der Polizei abgeholt und um ca. 8 Uhr ging’s los: Landstraße: Noch viele Kilometer war der Turm der Kirche in der aufgehenden Morgensonne sichtbar: ein Mahnmal in der Ebene; immer leicht bergauf; durch fruchtbares Land und Kartoffelfelder; nach ca. zwei Stunden Rast in Redecilla del Camino: das letzte Nest, aber in der Kirche ein Kleinod: direkt links in der Kapelle ein alter (ziemlich großer) romanischer Taufstein mit einer Architekturdarstellung: das irdische oder himmlische Jerusalem: jedenfalls acht Tore und acht TĂŒrme, darĂŒber ornamentale BĂ€nder; das ganze sehr schön und gekonnt; in dieser Taufkapelle ein (modernes) Fenster mit einem Tauf-Symbol: aus einer Muschel floß Wasser; in Redecilla gegenĂŒber der Kirche: ein kleines HĂ€uschen, verlassen, mit einem riesigen Wappen, dessen Schwere fast die Wand herausbrach: Wappen schienen und scheinen hier wohl Prestige-Objekte an der Fassade zu sein; dann weiter: wieder eine neue Provinzgrenze ĂŒberschritten: von Rioja nach Burgos; aber auch hier sind die Meilensteine genauso einfallslos; schön waren sie in Navarra: sehr liebevoll  bemalt, mit ganz detaillierten Kilometer-Angaben; jetzt finden sich nur noch einfache Zahlen auf den Steinen – Nun ja, es ging weiter (bis auf wenige Ausnahmen ĂŒber Landstraßen) bis zu diesem Nest, wo wir nun sitzen: 2/3 der heutigen Etappe ist geschafft!

 

10/9/83  ATAPUERCA 12.36 Uhr (nach Gerhard)

 

(ca. 20 km vor Burgos) Bisher ohne anstĂ€ndiges FrĂŒhstĂŒck (nur mit zwei Colas und zwei Cognacs) mit mehr oder weniger strömendem Regen hier gelandet: in einer netten Bar, wo es auch etwas zu essen geben wird; herrliche Landschaft hier: Hochebene mit Heidekraut und gelben und violetten BlĂŒmchen; schweren Regenwolken, ab und zu durchbrochen vom blauem Himmel: bis auf die Witterungs- und MagenverhĂ€ltnisse sehr schön: aber beides scheint sich zu bessern.

Nun aber zu gestern: Von Belorado ging es immer bestĂ€ndig und stetig bergan (heute bis auf 1150 m), meist ĂŒber den alten Pilgerweg, durch Kornfelder und Kartoffelfelder: sehr malerische Ausblicke; dann endlich (gegen 20 Uhr) in Villafranca Montes de Oca angekommen (950 m hoch): zum Pfarrer, aber der war nicht da (kam auch den ganzen Abend nicht wieder!); erst mal einkaufen gegangen, dann wurde es immer dunkler; essen in der Vorhalle der runtergekommenen Kirche; gegen 22 Uhr dort auch das Nachlager ausgebreitet: zum ersten Mal draußen; Schlafmatten, SchlafsĂ€cke ausgebreitet, einige Tischplatten zum Windschutz und dann mit allen Klamotten knacken: Schlimm war die Glocke, die ĂŒber uns alle halbe Stunde dröhnte, die dazu ĂŒberflĂŒssigerweise die vollen Stunden auch immer doppelt schlug; ĂŒber uns ein herrlich klarer Sternenhimmel, etliche FledermĂ€use, Eulen und Steine, die ab und zu aus dem Gesimse fielen; im Hintergrund: Stimmen, Hundegebell und Lastwagen: trotzdem ab und zu geschlafen: unterbrochen von Leuten, die vorbeikamen, vom LĂ€rm der umstĂŒrzenden Tischplatten, vom heftigen Wind; bis kurz vor 7 Uhr geknackt; weiterlaufen: immer bergan: bald fing es an zu regnen, ziemlich stark, alles ohne FrĂŒhstĂŒck und ca. 35 Kilometer vor Augen; in San Juan de Ortega in eine tolle, gammelige Bar: Zwei Colas, zwei Cognacs zur Auffrischung und zum Warmwerden; dann in die Kirche: beeindruckend die drei Apsisfenster mit den jeweils zehn hintereinander-gestaffelten Bögen; schönes Grabmal mit Pilgerdarstellungen; Franzosen getroffen, die uns zu unserem Unternehmen gratulierten; dann weiter durch die Hochebene: Klasse! Jetzt hier gelandet: Kaffee und Schinken und Ei! Guten Appetit!

Fertig! Noch zwei „Gefahren“ des Pilgerlebens sind mir gestern begegnet: von Autos abstehende Zierleisten, die gefĂ€hrlich werden können und MĂ€hdrescher, die auf dem Seitenstreifen der Landstraße oder auf Feldwegen in voller Breite und GrĂ¶ĂŸe entgegenkommen und wo es kein Ausweichen mehr gibt – außer ins GebĂŒsch springen.

Übrigens muß ich bisher feststellen, daß mein AusrĂŒstung fabelhaft ist: Schuhe, StrĂŒmpfe, Socken, Kniebundhose, Unterhosen, Hemden, FrĂ€ckchen, Halstuch, Hut, Rucksack, Schlafmatte, Schlafsack, Regencape
alles bestens – vielleicht sollte ich der Schuh-Firma Mephisto nach der RĂŒckkehr ein Dankesschreiben schicken
!?

Nach den „Gefahren“ und „Freuden“ des Pilgerlebens nun einige „Versuchungen“ (neben den ĂŒblichen Wein, Weib und Gesang): Morgenversuchung: nicht pĂŒnktlich aufstehen, im warmen Bett oder Schlafsack liegen bleiben wollen; und die Zeit rinnt dahin; oft erst um 10.30 Uhr losgekommen; dabei festgestellt, daß es viel besser ist, wenn wir möglichst frĂŒh loslaufen (gegen 7 Uhr oder 7.30 Uhr)
 - Wegeversuchung: nicht den alten Weg laufen, sondern die Landstraße: weil es einfacher geht, schneller, leichter zu finden und weil es Kilometer runterzieht; dabei sind die alten Wege oder die Weg abseits der Straße meist viel schöner
 - Mittagsversuchung: zum leichten Mittagessen ein wenig Alkohol trinken, aber dann kommen die schweren Beine und der dicke Kopp, besonders in der Hitze
 - Pausenversuchung: wenn irgendwo gerastet wird, nicht die vorgesehene Zeit einzuhalten, sondern lĂ€nger zu bleiben und zu meinen: es wird schon: aber die Kilometer bleiben die gleichen und die Zeit rinnt davon; trotzdem ist es immer wieder ein Angang, den schweren Rucksack zu schultern; also noch ein wenig sitzenbleiben und dösen oder trinken oder klönen oder essen oder schlafen oder spielen
 - Abendversuchung: zum leckeren Abendessen einen zu heben; es bleibt ja nicht bei „einem“, es werden mehrere (Bier oder Wein) und manchmal auch noch schĂ€rfere Sachen (vgl. Los Arcos); am nĂ€chsten Tag dann die Beschwerden: mĂŒde, lahm, dicker Kopp
Vielleicht kommen noch mehr „Versuchungen“ dazu.

Eine zusĂ€tzliche Pilgerfreude stellte sich gestern ein (auf der Hochebene): ein herrlich erfrischender Wind, der die Sonne oft vergessen ließ (leider kam er von vorne, statt von hinten) – bei Sonne ist solch ein Wind wirklich eine Freude, bei Regen schlĂ€gt er dann ins Gegenteil um – jedenfalls lernt man auf solch einer Tour die Urgewalten und Urelemente wieder besser kennen, schĂ€tzen oder fĂŒrchten


Warum machen wir eigentlich diese Tour zum Grab des Apostels Jakobus? Einige persönliche GrĂŒnde:

Eintreten in die Geschichte: Vor uns sind schon viele diesen Weg gegangen, haben die Freuden und MĂŒhen erlebt, haben Glaubenserfahrungen gemacht, gebetet – und wir haben diese Möglichkeit auch
 - Kennenlernen von Kunst: lĂ€ngs des Weges gibt es viele kleine und große Zeugnisse des menschlichen Geistes: Wege, BrĂŒcken, Kapellen, Kirchen, Herbergen, HĂ€user, Klöster – ein paar davon kennenzulernen oder wieder neu kennenzulernen
 - Erfahrung von Gemeinschaft: mit fĂŒnf anderen fĂŒnf Wochen lang rund um die Uhr gemeinsam zu leben: oder besser: zu leben versuchen: es gibt schon Schwierigkeiten, MißverstĂ€ndnisse, falsche Reaktionen, zu viel oder zu wenig Gesagtes, GefĂŒhlsschwankungen, Launen, Auf-den-Wecker-fallen – aber insgesamt geht es bisher
 - Training oder vielleicht besser: körperliche Grenzerfahrungen: Testen, wie weit man physisch und psychisch gehen kann: den eigenen Körper wieder erleben: von Kopf bis Fuß; oder besser und öfter: von Fuß bis Fuß und dazu den RĂŒcken; durchhalten; weitermachen; auch manchmal gegen den inneren Schweinehund angehen; sich der Natur und den Temperaturen aussetzen; ĂŒberhaupt mal viel nĂ€her und intensiver mit der Natur leben und von der Natur abhĂ€ngig sein
 - auch ein religiöses Moment (wenn auch nicht so bestimmend, wie ursprĂŒnglich gedacht): schließlich ist der Weg ja aufgrund religiöser Überzeugungen entstanden: Verehrung eines Heiligen, Gottessuche, persönliche Glaubenserfahrungen; ab und zu ist auch davon etwas zu spĂŒren: in den Kirchen (wenn sie mal nicht nur Besichtigungsobjekte sind, sondern zu einem kurzen stillen Gebet einladen), bei unseren Gottesdiensten (die allerdings etwas unter dem Zeitpunkt am frĂŒhen Morgen leiden), bei eigenen Gedanken „auf dem Weg“
 - sicherlich auch: mal etwas ganz anderes machen; Urlaub im Hotel gab und wird es noch genug geben: alles haben können, sich alles leisten können; hier aber auf Notwendiges angewiesen sein, auf das, was „am Wege“ liegt: eine Bar, einen Brunnen, eine BĂ€ckerei
; die tĂ€glich neu gestellte Frage: wo und wie geht es heute abend in die Horizontale? Wirklich ein StĂŒck „alternatives Leben“ – auf Zeit allerdings! – Schluß! Gleich geht es weiter zur ersten richtig großen Stadt auf unserem Weg: nach Burgos! Dann werden wir gut ein Drittel geschafft haben! Ob wir die beiden nĂ€chsten Drittel (Leon – Santiago de Compostela) auch schaffen werden? Ultreia!

 

10/9/83  BURGOS 19.30 Uhr

 

Endlich angekommen! Nach Atapuerca ging der alte Weg immer mehr bergan! Langsam, aber stetig: tolle Gegend, Hochebene mit herrlichen Ausblicken; inzwischen war auch die Sonne wieder gekommen und ein malerischer Himmel mit Blau und weißen Wolken; bunte Blumen (vor allem ein Teppich von rosa-violetten KelchblĂŒten) und Heidekraut begleiteten uns; oben angekommen: ein weites Tal breitet sich aus und ganz Burgos liegt uns zu FĂŒĂŸen; selbst die Kathedrale mit ihren beiden TĂŒrmen und den beiden verspielt gezackten Vierungsturm und Condestable-Kapellen-Turm waren als Silhouette zu erkennen; herrlich – bald mußten wir da sein, es war erst gegen 15 Uhr – aber denkste: der endlose Marsch auf der N 1 begann: mehr als 10 km, bei starkem Verkehr, Sonnenhitze, Gestank, LĂ€rm, Dreck: erst einige Fabriken und Hotels (darunter auch das, wo wir voriges Jahr wohnten) und Tankstellen, dann die Vorstadt mit ihren schrecklichen HochhĂ€usern, die alte, kleine HĂ€uschen aus dem vorigen Jahrhundert fast erdrĂŒcken; dazwischen eine Kirche mit herrlichem Pilgerkreuz, auf dem der Heilige mit der Muschel versteinert die Pilger anblickt; dann in die eigentliche Altstadt hinein, vorbei an der alten Pilgerherberge; dann Hotel suchen (direkt neben der Polizei, wo wir voriges Jahr den Diebstahl angezeigt haben), dann erstes Auspacken, WĂ€scheleinespannen, Socken lĂŒften
; jetzt: Duschen, Klamotten-Waschen, Stadt-Bummel, Essen, wohlverdienter Schlaf! Bis morgen!

 

11/9/83  BURGOS (in der Kathedrale)  12.15 Uhr

 

Gestern abend noch gut gegessen: verschiedene GemĂŒsesorten als Vorspeise, Forelle, KĂ€se, Cuajado (Dickmilch in den netten Tontöpfchen); dann prima geschlafen: in einem Riesenbett: quer und diagonal und alle Viere ausgestreckt. Himmlisch! Welch eine Wohltat, mal wieder richtig ausgeschlafen zu sein; dann zwei Blasen unter den FĂŒĂŸen von Gerhard aufstechen lassen; dann gut gefrĂŒhstĂŒckt; um 10.30 Uhr in der Kathedrale: Hochamt: die Andacht wurde durch die Hektik ein wenig gestört. – Nun aber genug der profanen Dinge hier im Gotteshaus; einige „sakralere“ Gedanken: zunĂ€chst der achtzackige Stern der Mittel-„Kuppel“: verspielt, in sich gebrochen, das Licht brechend und wieder spiegelnd: geheimnisvoll, faszinierend, transparent, transzendent: so wie der Stern der Weisen: bestimmen und verschwinden, fĂŒhren und verbergen, begleiten und in Frage stellen: Stern als Sinnbild des Weges und des Glaubensweges: frĂŒhere Pilger werden das so empfunden haben (mit der Bitte: Stern, bleibe bei mir!); auch jetzt bleibt die Faszination und Bitte: Stern, Morgenstern, Jesus Christus, bleibe bei mir! Nett, der alte Kanoniker, der uns der Jungfrau Maria, der Patronin von Burgos, anempfahl: daß ich Priester sei, begriff er nicht; er hörte etwas von Studenten und ordnete mich als Seminarist ein: Werden Sie ein guter Priester! – Beeindruckend das Portal im Inneren der Kirche, im sĂŒdlichen Querschiff: die alte HolztĂŒre mit den beiden Hauptdarstellungen des „Einzugs Christi in Jerusalem“ und der „Höllenfahrt“: Was mögen beide Darstellungen wohl miteinander zu tun haben, welchen Bezug gibt es? Und vor allem am Eingang einer Kirche? Vielleicht: Jesus geht hinein „in die Hölle“ (indem er sich nach Jerusalem begibt, ins jubelnde und verdammende Volk) und: Jesus fĂŒhrt „heraus aus der Hölle“: die Erlösung ist total, zeitlich und rĂ€umlich, allesumfassend: auch bei denen, die in die Kirche kommen: so teuflisch, satanisch und höllisch Menschen auch sein können – Jesus nimmt sie an die Hand und fĂŒhrt sie heraus. – Und dann der kleine, bezaubernde Jakobus auf einer Relieftafel in der Condestable-Kapelle: verschlafen und vertrĂ€umt sitzt er da, stĂŒtzt sich auf die Muschel und lĂ€chelt sinnig: ein Sinnbild der GĂŒte, der Zufriedenheit, der Gelassenheit, des Mit-sich und der Welt-Zufriedenseins: So werden wie dieser Jakobus!

 

BURGOS

 

Grazil durchbrochener, leuchtend weißer

     Stein

Rheinischer Frohsinn im Herzen Kastiliens

Hannes us Kölle, dat hĂ€ĂŸ do joot jemaat!

Vor dem Portal liegen einige heruntergefallene

     BruchstĂŒcke der Fassade

In der Condestable-Kapelle trÀumt der kleine

     Jacobus von lĂ€ngst vergangenen, besseren

     Zeiten

Trotzdem: pulcra es et decora – es, non fuisti!

 

11/9/83  BURGOS (in einer Bar vor der Kathedrale)  19.15 Uhr

 

Nach der Kathedrale kurz in der Kirche S. Nicolas gewesen; dann Bummeln; dann unter der Platanenallee Karten geschrieben, eine Cola mit Cognac getrunken und die Leute besehen; heute ist der Tag jedes einzelnen; dann gut essen gegangen: Kastilianische Suppe, Filet, Cuajado, Wein, Kaffee
Lecker! Mittagsschlaf, ManikĂŒre, Schuheputzen, Frisch-machen, Bummeln


 

12/9/83  HORNILLOS DEL CAMINO  16 Uhr

 

Gestern abend um 20.45 Uhr vor dem SĂŒdportal der Kathedrale mit allen wiedergetroffen; vorher war ich noch auf der Burg: schöne Aussicht auf die Stadt und Kathedrale in der gold-gelb untergehenden Sonne; dann essen gegangen: Suppe mit Cherry, HĂ€hnchen, Kaffee, Bier aus einem großen Krug: sehr lecker und billig; nochmals gut geschlafen; um 7.15 Uhr heute aufgestanden: alles gepackt, gefrĂŒhstĂŒckt, Geld gewechselt, Karten und Filme weggeschickt; um 10.30 Uhr Aufbruch: durch das alte Pilgerportal zum Hospital del Rey: viele Jakobsdarstellungen dort: ĂŒber dem Hauptportal des Innenhofes: sitzend mit dem Buch in der Hand; an der Kirche als Matamoros: lux et honor Hispaniae; auf der berĂŒhmten HolztĂŒre, angebetet von Pilgern; vor dem ganzen GelĂ€nde ĂŒber dem Eingang zu einem Friedhof; dort waren Ornamente und Totenköpfe kaum voneinander zu unterscheiden; weiter auf der Landstraße: lange noch war Burgos hinter uns zu sehen: die charakteristischen KathedraltĂŒrme mit der gezackten Krone der Vierungs-„Kuppel“; von der Landstraße weg: kleine Wege; in Tardajos eine halbe Stunde Pause; vor dem Nest ein schönes Pilgerkreuz; im Nest ein Brunnen mit vielen Kindern, zigeunerhaft, neugierig, ungewaschen, mit dunkelbraunen Augen; eine konnte ein paar Brocken Französisch, eine andere ein paar Wortfetzen Englisch; die Distanz zwischen den Kindern und uns wurde immer kĂŒrzer; nach einem Kaffee und einer Cola weiter: hinein in die berĂŒchtigte Meseta; aber so schlimm war es gar nicht: die Glut der Sonne hielt sich in Grenzen, umspielt von einem leichten, frischen Wind; karge Felder; grau-weiß; nur ein einziger SchĂ€fer; der alte originale Weg gut ausgeschildert; dann auf einem Buckel angekommen: unten liegt Hornillos; jetzt Pause im Schatten der Kirchenvorhalle.

 

SANTO DOMINGO DE SILOS

 

Etwas abseits vom camino zeigt sich der

     entscheidende Hinweis fĂŒr die Pilger

Der Herr geht als Pilger den Pilgern voran

Sein Hut, sein Stab und seine muschelbesetzte

     Tasche machen sichtbar:

Der Meister nimmt die Gestalt seines Knechtes an

Ebenbild, Abbild, Urbild

VorwĂ€rts und zurĂŒck tĂ€nzeln seine unberĂŒhrten

     FĂŒĂŸe

In die Herrlichkeit seines Vaters und in die

     Gemeinschaft mit den Menschen

Pilgerschaft ist imitatio Christi

Wege zum Himmel – Wege zur Erde

Als Wegzehrung wird uns Pilgern geschenkt:

Der andere neben, vor und besonders hinter

     mir

Das göttliche Wort in meiner Hand

Und das vertrauende Gebet:

Herr, bleibe bei uns, besonders wenn es

     Abend wird

 

12/9/83  auf dem Weg nach HONTANAS  18 Uhr

 

Sonne, Stroh, weiße Steine, Disteln, verbrannte BĂ€ume, kein Schatten, Sonne, verbrannte GrasbĂŒschel, wolkenloser blauer Himmel, ein paar gelbe und blaue Blumen, Steinhaufen, aufgeborstene graue Erde, letzte Wasserreste in Furchen, Stoppelfelder, die Sichel des zunehmenden Mondes, Hagebutten, Sonne, Baumwurzeln, kein Haus, ein paar Ruinen, abgeflachte HĂŒgel
und jetzt ein schattiges PlĂ€tzchen an einem Rest-Bach.

 

12/9/83  HONTANAS 20 Uhr

 

Das gottverlassene Nest endlich erreicht; der Weg durch die Sonne, Stroh
(s.o.) wollte und wollte kein Ende nehmen; dann plötzlich: geschĂŒtzt und geborgen in einer Senke dieses Kaff; zum Pfarrer, aber die HaushĂ€lterin wies uns weiter an die „Bar“; dort wurden wir zu einer alten Schule-Bar-Gemeindehaus geleitet: Wasser, aber keine Toilette; viele volle Flaschen, aber kein Licht; ob es etwas zu essen gibt, wird sich noch rausstellen
sonst malen wir uns ein Kotelett oder Pollo oder Lomo oder Eier oder Tortilla oder Paella oder was die „reichhaltige“ spanische KĂŒche sonst noch bietet


 

13/9/83  HONTANAS 8 Uhr

 

Licht gab es dann gestern abend doch noch; und etwas zu essen: die Mutti des Dorfes brachte uns zwei Tortillas (mit Kartoffeln und Zwiebeln), dazu Salat und 2 l Landwein; danach ein wenig Karten gespielt (Skat) und dann ab auf die Liegematten; nun warten wir auf das FrĂŒhstĂŒck, das uns die Mutti wieder bringen will, und dann beginnt die Tagestour nach Fromista.

 

13/9/83 ITERO DE LA VEGA  15.30 Uhr

 

Sitzen in einer Bar bei Kaffee und Cola nach langem, sonnigen, schattenlosen Marsch durch die Lande: heute ziemlich anstrengend und die Kilometer nehmen kein Ende; die Mutti hat uns heute morgen Kaffee mit Milch gebracht; das war ein sehr billiger Aufenthalt in Hontanas: 1000 Peseten (ca. 18 DM) fĂŒr das Abendessen, die Übernachtung und das FrĂŒhstĂŒck fĂŒr alle sechs; gegen 9 Uhr Aufbruch; nach ca. 5 km die Ruinen des Klosters vom hl. Antonius: ehemals fĂŒr die Kranken mit Antoniusfeuer; wurden hier geheilt mit dem Skapulier in Tau-Form unter FlötenklĂ€ngen und Gebet: es soll geholfen haben! Nun nur noch Reste, GebĂ€udestĂŒcke, ein zerschlagener Kircheneingang; Fetzen einer alten Rosette, in der die Tau-Formen noch zu erkennen sind: Erinnerungen an alte, uns fernliegende und manchmal merkwĂŒrdig anmutende Zeiten; auch in einer Religion muß manchmal etwas ein Ende haben und vergehen!

Weiter nach Castrojeriz (2 km): ein Pilgerkreuz am Ortseingang; leider keine Bar gefunden, etwas zum Essen gekauft und gegessen; leider war die Kirche und der Kreuzgang des S. Juan verschlossen: die merkwĂŒrdigen, arabisch-exotisch anmutenden Zapfen der vier pyramidenförmigen Turm-Eck-Bekrönungen ließen einiges Interessante vermuten; so ging es weiter: einen Eselsweg hinauf auf einen Berg; von dort herrlicher Blick zurĂŒck in die Landschaft und auf die Kirche und auf die Burg von Castrojeriz; dann weiter (Ă€hnlich wie gestern) durch Stoppelfelder und StrĂ€ucher und Disteln und Steine (manchmal merkwĂŒrdig glĂ€nzend) und
; ab und zu eine Schafherde, die wirklich (Ă€hnlich wie Domke es beschreibt) in einem Karree zusammenstehen und sich gegenseitig mit ihren Leibern Schatten spenden; immer weiter unter wolkenlosem, blau-silbernem Himmel und sengender Sonne; ein Brunnen spendete Schatten; dann die Reste einer alten Kirche: ohne Dach, aber Eingang und Chor noch andeutungsweise erhalten; vor und in dieser Kirche eine halbe Stunde Rast; dann ĂŒber eine (alte?) BrĂŒcke den Fluß Pisuerga ĂŒberquert: die Grenze zwischen den Provinzen Burgos und Palencia: ein Markierungsstein erinnert an den Jakobsweg, der durch Palencia fĂŒhrt; dann bald das Nest Itero de la Vega erreicht


Entgegen den Andeutungen, Empfehlungen, Prophezeiungen und Meinungen vor der Tour kann ich fĂŒr mich sagen, daß sich meine FĂŒĂŸe nach gut 14 Tagen (noch?) nicht an die tĂ€glichen Kilometer gewöhnt haben; im Gegenteil: die erste gute Woche ging sehr gut, aber dann fing es an: Blasen (linker kleiner Zeh und rechts unterm Fuß zwischen dickem Zeh und dem daneben), Druckstellen, ErmĂŒdungen – und vor allem eine Art Reißen und Ziehen im rechten Oberschenkel (so als ob er stĂ€ndig halb eingeschlafen wĂ€re); trotz einer Salbe bessert sich das nicht – mal sehen: Aber eine Pilgertour kann ja auch keine HĂŒpftour durch die Lande sein!

Noch eine Beobachtung; die Reaktionen der Menschen in den Dörfern auf uns sind sehr unterschiedlich; eines ist gleich: großes Erstaunen, weite Augen, KopfschĂŒtteln, UnverstĂ€ndnis; aber dann gibt es Dörfer mit sehr freundlichen Reaktionen (GrĂŒĂŸen, Erkundigen: woher? wohin? Heiß heute?! Das ist ja ein „calvario“
) und es gibt Dörfer mit sehr abweisenden Reaktionen – wenn der Eindruck richtig ist, werden die Reaktionen aber immer freundlicher, je nĂ€her Santiago kommt: Mal sehen, vielleicht werden wir am Schluß alle mit offenen Armen begrĂŒĂŸt?!

 

13/9/83  FROMISTA 20 Uhr

 

Sitzen vor der alten Pilgerherberge „Los Palmeros“ und warten auf den Pfarrer, der Schlaf-Gelegenheiten haben soll, der aber gerade erst mit der Messe in der Kirche gegenĂŒber begonnen hat. Mal abwarten!

Der Weg hierher zog sich lang und sandig: ein richtiger Schafsweg, deren Spuren auch oft im hellbraun-roten Sand zu sehen waren; Stille; Sonne; nur ab und zu ein aufflatternder Vogelschwarm, ein gelber oder weißer Schmetterling, eine Libelle, eine Schafsherde
Staub, Steine, Disteln; dann das Dorf Boadilla del Camino, eine Ansammlung von HĂ€usern und in die HĂŒgel gegrabener Kammern (fĂŒr Korn? FĂŒr Wein? WofĂŒr?); interessant vor dem Chor der Kirche eine alte (spĂ€tgotische) GerichtssĂ€ule aus dem 15. Jahrhundert: Muschelornamente – gegeneinander versetzt; Engel und Teufel – ein Mahnmal des Pilgerweges; leider war der SchlĂŒssel zur Kirche nicht aufzutreiben; deshalb weiter; denselben Weg, jetzt kamen nur noch MĂŒcken dazu
ansonsten Staub und Sonne und
ein Weg, der stĂ€ndig denken lĂ€ĂŸt „Hoffentlich sind wir bald da!“ – Nun sind wir da – und warten!

 

14/9/83  FROMISTA 8.55 Uhr

 

(Im Hotel „Residencia San Telmo“): Mit dem Pfarrer gestern hat wenig geklappt: zwar einen Stempel, aber keine Unterkunft; verwies uns weiter an eine „Pilgerherberge”: ein Schuppen mit drei Betten, von denen eins durch eine Ă€ltere Französin belegt war, die seit ĂŒber einem Monat vom Zentralmassiv aus auf dem Weg nach Santiago ist (mit 2000 FF wegen DevisenausfuhrbeschrĂ€nkung): Sie macht tĂ€glich ca. 15 km und war hier nun schon seit drei Tagen, weil sie krank geworden war; jedenfalls diese „Pilgerherberge“ sah wenig einladend aus (Wie hĂ€tten auch 6 in 2 Betten schlafen sollen? Beim besten Willen!), so daß wir uns im Hotel der alten Pilgerherberge „Los Palmeros“ einquartierten: sehr schön, sehr gut geschlafen; die mĂŒden FĂŒĂŸe ein wenig erholt, nachdem Helge mir wieder eine Blase aufgestochen hat (hoffentlich bekomme ich mit den FĂŒĂŸen und Beinen nicht noch mehr Ärger!); dann lecker in „Los Palmeros“ essen gegangen: gepflegte, gastliche AtmosphĂ€re: eine tolle, vorzĂŒgliche, so nie gegessene kastilianische Suppe, danach Spanferkel (sehr gut!), zum Abschluß Cuajada mit Honig, das ganze abgerundet mit einigen Bierchen: So lĂ€ĂŸt sich pilgern; gestĂ€rkt und ausgeruht haben wir heute fast einen „Pausentag“: „nur“ 19 Kilometer bis Carrion de los Condes!

 

14/9/83  REVENGA DE CAMPOS  13 Uhr

 

(in einer Bar) Heute morgen zunĂ€chst in einer Bar Kaffee getrunken (gute, große Tasse); um 10 Uhr war S. Martin auf, dieses SchatzkĂ€stchen mit den herrlichen Dachsparren mit Fabelwesen, DĂ€monen, verrenkten Gestalten, sich selbst verschlingenden Wesen, harfe-spielenden Esel, Schulterköpflern, Grimassen – eine Welt des Skurrilen, DĂ€monischen, Fabelhaften – die hatten noch Sinn fĂŒr „Kunst am Bau“; im Gegensatz zu den heutigen PlĂ€tzchenbĂ€ckern und Teak-Holz-KĂŒnstlern
; drinnen dann zwei herrliche Figuren: der langgezogene, hagere, kernige Jakobus (als Wandertyp) mit Pelerine (auf der eine Jakobs-Muschel und die gekreuzten StĂ€be), den gekrĂŒmmten Wanderstab in der Hand, in der anderen Bibel und Rosenkranz; besonders auffallend: das wissend-weise LĂ€cheln, eine verhaltene Fröhlichkeit; gegenĂŒber ein Nikolaus, ein wenig gedrungen, der Kopf und die HĂ€nde im Vergleich zum ĂŒbrigen Körper ĂŒberdimensioniert; besonders auffallend: die netten, abstehenden Ohren
 - Dann weiter auf langweiliger Landstraße (nach einem ausgiebigen FrĂŒhstĂŒck „im Glanz der Kirche“, wĂ€hrend wir sonst nur „im Schatten der Kirche“ lagern!)

 

FROMISTA

 

Heiliger Martin, es hat dir nicht gut

     getan, daß man dir den Schein ewiger

     Jugend wiedergab

Steril und gefriergetrocknet stehst du

     nun da im Glanz romanischer Schönheit

Du bist nur noch ein distanziertes, lebloses

     MuseumsstĂŒck

HĂ€tte man dir doch wenigstens ein paar der

     erotischen Dachsparren gelassen

Sie hÀtten dich und uns mit etwas Leben

     erfĂŒllt

Wie schön, daß von deinem weit-ausschreitenden

     Jacobus ab und zu ein StĂŒckchen Farbe

     abblĂ€ttert

Nur dadurch wirkt sein LĂ€cheln ĂŒberzeugend

     und ansteckend

 

14/9/83  VILLALCAZAR DE SIRGA  15 Uhr

 

Sitzen vor der Kirche und warten auf Einlaß (16 Uhr): Schon von weitem war die mĂ€chtige und wuchtige Kirche zu sehen: fĂŒr die heutigen VerhĂ€ltnisse des Dorfes riesige Ausmaße; aber vielleicht war das Übermaß ĂŒberhaupt hier am Werk: Warum sonst die riesige Vorhalle des SĂŒdportals mit einem zusĂ€tzliche Eingang ins sĂŒdliche Querschiff; auch nach Westen sieht man noch die Absicht, weiter, breiter und höher zu bauen, bis irgendwann mal eine schmucklose Abschlußwand dem Riesen-Unternehmen ein Ende setzte; noch ein paar Abschlußfiguren obendrauf, mickrig und ohne rechte Zuordnung, und dann blieb das Ganze ĂŒber Jahrhunderte so – Aber eindrucksvoll immer noch das reich skulptierte SĂŒdportal: FĂŒnf Archivolten ĂŒber dem eigentlichen Portal: Heilige, Älteste, Könige und vor allem: musizierende Engel mit Blas- und anderen Instrumenten; darĂŒber in einer ersten Zone in der Mitte die thronende Madonna mit Kind; von links nahen die drei Könige (Wege-Motiv), ganz links noch ein Engel; ganz rechts eine VerkĂŒndigungsszene; zwischen thronender Madonna und VerkĂŒndigungsszene (als LĂŒckenbĂŒĂŸer? um die Drei-Zahl auf jeder Seite wenigstens einigermaßen voll zu machen?): Josef; jede Figur in einem eigenen Feld, von SĂ€ulen getrennt; darĂŒber in einer zweiten Zone in der Mitte Christus als Weltenrichter, umgeben vom Vier-Getier; rechts und links Apostel, der zweite von links Jakobus mit der Muschel-Tasche – er wird uns auch in der Kirche erwarten
 Übrigens: das merkwĂŒrdige Haus am Dorfplatz (vor zwei Jahren fotografiert) ist weg: so verschwindet OriginalitĂ€t!

 

14/9/83  CARRION DE LOS CONDES  18.30 Uhr

 

Am Ort des „Bergfestes“ angekommen: ca. 370 Kilometer liegen hinter uns; ca. 370 km liegen vor uns! Ein herrliches GefĂŒhl, die HĂ€lfte geschafft zu haben! – Darauf wollen wir heute abend einen trinken. –

Kaum hatte ich eben etwas ĂŒber „OriginalitĂ€t“ geschrieben, da kam der Ruf (von Helge), daß wir als Fuß-Pilger im Restaurant vor der Kirche etwas zu essen und zu trinken bekĂ€men! Kostenlos! Nichts wie hin! Ein feines Restaurant! Und Senor Pablo Payo kĂŒmmerte sich reizend um uns (und die „alte“ Französin – sie ist 59 Âœ Jahre alt -, die hier wieder zu uns gestoßen war): ein Krug mit Wein, der nicht zum SchĂŒtten, sondern zum direkt-in-den-Mund-Strahlen gedacht war: sehr kompliziert, sehr mit Beschlabbern verbunden, sehr durst-bekommend beim Trinken (weil der Strahl so dĂŒnn!), aber sehr originell! Dazu ein TĂ€ĂŸchen SĂŒppchen! Nett das Ganze! Auch einen Stempel gab es; wieder ein neues Pilgererlebnis –

Danach Besichtigung der Kirche: Leider den kurz-geschĂŒrzten Jakobus nur um die Ecke gesehen; dafĂŒr aber eine Jakobus-Darstellung an der Kanzel; und das herrliche Relief (direkt an der TĂŒr) von dem Ritter und der Dame. Von innen macht die Kirche einen sehr geschlossenen und harmonischen Eindruck, wenn auch einige Kapellen mehr Rumpelkammern als Kapellen gleichen. – Dann weiter ĂŒber die Landstraße (immer zwischen riesigen, endlosen, abgemĂ€hten Kornfeldern) nach Carrion; hier von freundlichen Teenies zur Kirche Sta. Maria geleitet (wie im Konvoi); dort direkt den Pfarrer getroffen: sehr freundlich, sehr gesprĂ€chig, sehr hilfsbereit, sehr umgĂ€nglich: wurden im Pfarrsaal untergebracht: einfach, aber nett (mit Klo und Wasser), unter frommen Bildern und SprĂŒchen, direkt neben der Kirche


 

15/9/83  CALZADILLA DE LA CUEZA  12.40 Uhr

 

Nach einem 10-Kilometer-Weg hier angekommen: schnurgerade, keine HĂ€user, kaum ein Baum, kaum ein Strauch, sehr steinig (bei jedem Schritt ein Aufschrei der FĂŒĂŸe), nur manchmal durch ein paar Grasnarben eine Wohltat fĂŒr die FĂŒĂŸe, eine einzige Schafsherde, ein paar Schmetterlinge, Gott sei Dank ein betrĂ€chtlicher Wind – in der Mittagsglut wĂ€re dieser Weg die halbe Hölle; so war er nur ein Viertel! Hier in dem Nest gibt es zwar keine Bar, dafĂŒr aber eine Quelle; ab hier geht es jetzt auf Landstraße noch 19 Kilometer weiter bis Sahagun. –

Noch zu gestern: Nach dem Richten der Schlafgelegenheit: Waschen, Postkarten einkaufen, Kaffee und Cola trinken; leider lag die Jakobs-Kirche schon im Abendschatten: so war der herrliche, grazil-lineare, ornamentale Weltenrichter mit dem Vier-Getier und den Aposteln nur Grau in Grau zu bewundern; ebenso die herrliche Archivolte mit den Berufs-Darstellungen: Ritter, Buchleser, Schmied, Koch und vor allem ein harfeschlagender Musiker geben sich hier ein Sitz-dich-ein: herrlich wie hier das Leben in den Kirchenraum ĂŒbergeht: hier wird das „ora et labora“ zur Plastik, zur intensiven Mahnung, beides miteinander im rechten Maß zu verbinden


Da uns der Pfarrer höflich, aber dringlich darauf hingewiesen hatte, daß um 20 Uhr Gottesdienst sei, gingen wir dorthin: im Raum herrliche Mischungen von hoher Kunst und edlem Kitsch: eine majestĂ€tische, sitzende Madonna mit Kind ebenso wie eine Lourdes-Fatima Gips-Figur mit GlĂŒhlĂ€mpchen; Neonröhren an romanischen SĂ€ulen; ein Herz-Jesu vor einem barocken Altarretabel – der Gottesdienst ebenso: munter hĂŒpfende und von einem Bein auf das andere wippende Meßdiener neben dem hoheitsvoll zelebrierenden Pfarrer; besonders das Bimmeln zur Wandlung machte ihnen großen Spaß; dennoch: die Kirche war gut besucht (vom Witwen-Clan des Ortes) und der Friedensgruß nach allen Seiten gehört hier zur SelbstverstĂ€ndlichkeit. –

In der Herberge des Pfarrers haben sich auch zwei schottische Dominikaner-Mönche, unsere „alte“ drahtige Französin und ein junger Franzose eingefunden: ein richtiges Pilgermeeting; nach dem Gottesdienst in einer „Bier-Kneipe“ ein paar Bierchen getrunken, dazu Postkarten geschrieben (bald ist das Pflicht-Schreib-Programm abgehakt; dann beginnt der Urlaub!); danach Juan Antonio angerufen, daß wir statt Freitag erst Samstag in La Virgen del Camino ankommen: Alles o.k.!; anschließend essen gegangen: zur Feier des Tages („Bergfest“!) eine Sangria getrunken: sĂŒĂŸ, aber erfrischend! Dann: ConsomĂ© mit Cherry, Fisch (Art gebackener Schellfisch); Nachtisch gab es nichts – also nach Hause und gut geschlafen: zur Isolierung unter die Schlafmatte noch Zeitungen gelegt: wie die Clochards von Paris; allmĂ€hlich nimmt das Pilgerleben immer urigere Formen an! Angeblich wieder viel geschnarscht, aber gut geknackt; um 7 Uhr durch den Pfarrer geweckt; um 8 Uhr Aufbruch; in der Bar zwei Kaffee mit Teilchen; und dann ĂŒber den Rio Carrion hinaus aus dem Ort, bis der schnurgerade Weg (von dem gestern schon Pablo Payo gewarnt hatte: Wasser mitnehmen!) uns in den leicht bewölkten Horizont fĂŒhrte


 

MESETA

 

Endlose Grenzlinie zwischen Erde und

     Himmel

Alle Worte verstummen auf dem Weg

Nur die inneren Bildworte des Psalmisten

     steigen auf aus dem Inneren

„Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe
“

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem

     Wasser
“

Die Sonne scheint unbarmherzig auf ihr

     ureigenes Land

Zerborstene Erde

Und dennoch: Überall gelbe und blaue, rote

     und grĂŒne, orange und violette Farbtupfer

GrĂ€ser und Blumen und Ähren

Wann werden die ersten Farben verblassen?

 

15/9/83  SAHAGUN 20.30 Uhr

 

Angekommen: ganz schön hart heute: 36 Kilometer; davon kaum Landstraße; die FĂŒĂŸe und der Oberschenkel melden sich; aber keine neuen Blasen! Jetzt im Hostal untergekommen, geduscht, frisch gemacht und schon kann das AprĂšs-Pilgern wieder beginnen.

Unterwegs immer die gleiche Landschaft: riesige, abgeerntete Weizenfelder; heute aber nur stellenweise blauer Himmel, ansonsten interessante Wolkenkombinationen; immer wieder sah es nach Regen aus, aber es hielt sich; zwischendurch immer mal wieder kleine, gottverlassene Nester; in einem Nest (in Ledigos) waren zwei schöne Jakobsdarstellungen (nachdem wir den SchlĂŒssel fĂŒr die Kirche besorgt hatten): eine am Hochaltar, eine Plastik: mit aufgeschlagener Bibel und etwas grimmigem Gesicht, so nach dem Motto: Wollt ihr jetzt wohl mal endlich die Botschaft annehmen!? Und eine Wandmalerei, spĂ€tes Bauernbarock: ein Matamoros; sonst wenig am Weg; dann endlich Sahagun in der Ferne, die Silhouette nicht gekennzeichnet durch Kirchen, sondern durch ein riesiges Getreidesilo, fast wie eine Kathedrale – Nun kann der Abend beginnen!

 

16/9/83  kurz vor BERCIANOS DEL REAL CAMINO (ca. 10 km hinter Sahagun)  12.15 Uhr

 

Gestern abend noch ein „Bummel“ durch Sahagun: humpelnd, stöhnend, aufjuchzend (ein Gang wie Charly Chaplin); dann ein Restaurant gesucht; gegessen: Artischocken mit Schinken, Steak, Kaffee, dazu die obligatorischen Biere – dann nichts wie in die Falle (der Franzose schlief mit mir auf dem Zimmer) – Heute um 7 Uhr aufgestanden; 8 Uhr Kaffee in der Bar; ab 8.30 Uhr: Einkaufen, Stempel holen (im Altersheim bei einer Nonne: Wir sollen beim Apostel fĂŒr sie beten); Besichtigungen: S. Lorenzo mit dem herrlich gestalteten Turm im Mudejar-Stil (hufeisenförmige Gestaltungen am Backsteinbau); S. Tirzo (in der Renovierung): sehr schön die hufeisenförmigen Bögen in der Kirche, durch ein Fenster der Nordapsis schien malerisch ein Lichtstrahl; Santuario de la Peregrina: verfallen, aber mit zwei schönen Fenstern ĂŒber dem Portal: hufeisenförmig mit Lappenmuster: Die Kirchen der Stadt also eine gute Mischung aus Arabischem und Christlichem: Erstaunlich, solche Toleranz; solch ein gegenseitiges sich-ernst-nehmen; vielleicht könnten so durch die Kunst einseitig-dogmatische AbsolutheitsansprĂŒche ĂŒberwunden werden. – Dann ĂŒber die alte PilgerbrĂŒcke weiter Richtung Leon; ĂŒber den alten camino real frances; ein Ă€hnlich steiniger Weg wie gestern; rechts und links Stoppelfelder; ein Ochsengespann, das Stroh abtransportierte (leider war der Film voll); aber heute ein mĂ€chtiger Gegenwind: hoffentlich wird das nicht bis zum Atlantik von Tag zu Tag schlimmer!; richtig kĂŒhl heute; dann dieses sonnige, windgeschĂŒtzte PlĂ€tzchen in einer Baumgruppe: Zweites FrĂŒhstĂŒck, kurze Erholung, Ausruhen der FĂŒĂŸe (heute geht es; aber die Schuhsohle wird immer dĂŒnner, so daß ich alle Unebenheiten stĂ€rker spĂŒre!) – Gestern haben wir ĂŒbrigens wieder eine neue Provinz erreicht: Leon


 

SAHAGUN

 

Braun-rote Backsteine formen zugleich

     Kreuze und Hufeisenbögen

Hier stoßen zwei Welten aufeinander und

     verbinden sich

Sonst gab es ĂŒberall viel Blut und Morden

Selbst der heilige Apostel mußte dafĂŒr

     seinen Pilgerstab zum Schwert

     zurĂŒckschmieden

San Lorenzo, La Peregrina, San Tirzo,

     ihr mahnt alle suchenden Menschen:

GegensÀtze lassen sich vereinen auf dem

     Weg zur Wahrheit

An ihrem Ziel fallen sie ineinander

 

16/9/83  MANSILLA DE LAS MULAS  21 Uhr

 

Aber bevor die Stadt Leon zu erreichen ist, muß dieses Nest erobert werden: Ganz schöne Arbeit heute; erst mit der DĂ€mmerung kamen wir hier an; erstbestes Hotel gesucht, ganz nett, wenn auch ein wenig teuer; aber nach 35 Kilometer (und das zwei Mal hintereinander) ist man nicht mehr so wĂ€hlerisch; heute quĂ€lte und quĂ€lte sich das Gehen so vor sich hin: da waren die kaputten und zerschundenen FĂŒĂŸe; da war der lange, steinige Weg zwischen den Stoppelfeldern; da war aber vor allem der stĂ€ndige, starke, ziemlich kalte Wind von vorne: fast den ganzen Tag blies er uns ins Gesicht und machte das Gehen und die Kommunikation zur Qual: in SchrĂ€glage mußte dagegen angegangen werden; deshalb kamen wir viel langsamer voran; deshalb mußten wir öfters eine Pause machen: in Bercianos del Real Camino das erste mal: Kaffee-Cola; dann erst mal verlaufen (kamen 2 km vom Weg ab: in Graneras); dann wieder Pause in El Burgo Ranero: in einer urigen Kneipe-Bar-Schenke: wie bei Alibaba und die vierzig RĂ€uber oder in einer anderen Spelunke: kartenspielende, saufende, grölende MĂ€nner: Bucklige, Bekloppte, Beknackte, (halb) Besoffene
Wenn man einen Film ĂŒber das Pilgerwesen im Mittelalter drehen sollte: hier könnte man die Hauptdarsteller finden: urige, kernige, zerfurchte, gezeichnete, kantige Gesichter – die Bar hieß „Zur Lagune“, weil sich davor ein TĂŒmpel (mit Pferd) erstreckte; dann weiter auf dem steinigen Weg gegen den Wind: nĂ€chste Pause in der NĂ€he der Eisenbahnstation von Villamarco: im Windschatten der aufgestapelten RucksĂ€cke; dabei einen ganz frischen Maulwurf gesehen, der gerade aus der Erde krabbelte; niedlich, aber kaum lebensfĂ€hig; weiter auf dem Weg, immer gegen den Wind, immer den spitzen Steinen ausweichend, immer grĂŒne Trampelpfade am Rand suchend; vor uns der Himmel ziemlich dĂŒster und bedrohlich: hoffentlich hĂ€lt sich das Wetter; dann wieder Pause in Reliegos: hier war die ganze Bar voller Menschen: ein dreitĂ€giges Fest, kurze GesprĂ€che mit einigen Alten: woher? Wohin? Wie lange?; dann nochmals fĂŒnf Kilometer, immer dieses Kaff vor Augen; immer dunkler und schließlich da: am Ortseingang wieder eine „Freude“ des Pilgerlebens entdeckt: BĂŒrgersteige; nach Kilometern auf spitzen Steinen und unebenen Wegen ist das wirklich eine Wohltat: glatter, ebener Grund unter den FĂŒĂŸen. –

Die Freuden und Leiden der Pilger sind ĂŒbrigens manchmal ambivalent: so z.B. der Wind: vorige Woche habe ich ihn noch zu den Freuden gezĂ€hlt, nach den gestrigen und heutigen Erfahrungen gehört er auch zu den Unannehmlichkeiten und Gefahren: der Wind als janusköpfiges Element! Jetzt Ruhe. Erholung, Essen, Schlafen
(vorher hat mir Gerhard noch eine Blase am kleinen Zeh aufgemacht).

 

17/9/83  Kilometerstein 320 (ca. 10 km) vor LEON  14 Uhr

 

Gestern: Essen: Artischocken mit Schinken, Lammfleisch, Bier; dann: wohlverdiente Ruhe; heute um 8 Uhr aufgestanden; um 9 Uhr eine Bar gesucht; aber Samstagmorgens scheint das wohl etwas schwierig zu sein; einkaufen gegangen; Siegel beim Pfarrer geholt; schließlich im Hotel Kaffee getrunken; gegen 10.30 Uhr Aufbruch – ĂŒber die alte BrĂŒcke, immer Landstraße; Pause in Puente de Villarente: Bar mit Wirt, der 10 Jahre in Stuttgart war, wollte uns an allen Ecken und Enden ĂŒbers Ohr hauen; Schinkenportion fĂŒr 250 Peseten ausgezeichnet (auf Tafel), Preis wurde wĂ€hrend des Bezahlens in 300 verĂ€ndert; nach krĂ€ftigem Protestieren nur 250 bezahlt: Schlitzohr! Weiter auf Landstraße; jetzt wieder Pause in Bar: Cola, Cola, Cola
 -

Heute sind wir schon drei Wochen unterwegs – es kommt mir vor wie drei Monate: jeden Tag etwas anderes sehen, erleben, er-gehen: die Landschaften, die SehenswĂŒrdigkeiten, die Leute, die Gruppe, die Kilometer
Zeit und Raum erweitern sich; Pilgern ist inzwischen schon zum Da-Sein geworden; eine generelle Erfahrung: das Schleppen des Rucksacks ist nicht solch großes Problem wie gedacht; die FĂŒĂŸe und Beine sind ein grĂ¶ĂŸeres Problem als gedacht; manchmal kommt es anders als gedacht


 

17/9/83  LA VIRGEN DEL CAMINO  (im Dominikaner-Konvent)  19 Uhr

 

Ha, endlich mal wieder frisch: warm geduscht, Ausgehanzug, viel gewaschen, Einzelzimmer fĂŒr Exerzitanden, Blick auf die Kathedrale von Leon (ganz in der Ferne im Abendlicht), ein Joghurt gegessen, Haare gewaschen
fĂŒhle mich rundherum wohl; um 18 Uhr sind wir hier gelandet; scheußliche Kirche, aber herzlicher Empfang durch Juan, den wir gleich wieder treffen werden: Klönen, (hoffentlich!) etwas zu trinken, um 21 Uhr haben uns die Nonnen zum Abendessen eingeladen: das Pilgerleben macht wieder Spaß; dabei vergißt man auch die schmerzenden, blasenden, zerrenden, verkrampften
FĂŒĂŸe und Beine – Santiago, wir kommen dir nĂ€her! –

Von der letzten Bar ging es ĂŒber eine langweilige Umgehungsstraße um Leon herum nach Virgen; der einzige Trost: ab und zu ein schöner Blick in den Talkessel von Leon, aus dem die Kathedrale mĂ€chtig emporragt; selbst gegen die vielen, geschmacklosen, monotonen HochhĂ€user weiß sie sich noch durchzusetzen; morgen werden wir uns das Ganze aus der NĂ€he betrachten! –

 

18/9/83  LEON 14.30 Uhr

 

(in einem Restaurant) – gerade gut zu Mittag gegessen: Spezialsalat, Tortilla mit Spargel, Bier, Kaffee – Gestern abend sind wir mit Juan etwas durchs Dorf bummeln gegangen; Besichtigung der Kirche: nicht schöne, aber geschmacklose Kombination von alt und neu – ĂŒberhaupt: die Versuche, Neues zu gestalten, sind eher amĂŒsant als ansteckend: die Fassade der Kirche soll das Pfingstfest darstellen: die abgehobene Maria und die Apostel; der Jakobus besteht nur aus Muscheln: Muschelhaare, Muschelbart, Muschelkleid
; das ganze neo-expressiv, auf Teufel-komm-raus modern; ein Bierchen in einer Bar lĂ€ĂŸt das Schlimmste vergessen; um 21 Uhr bescheidenes, aber nettes Abendessen bei den Nonnen: Suppe, Eier, Kroketten, Wein; dann gut geschlafen, wenn auch manchmal durch den LĂ€rm des Volksfestes wachgeworden; aber fĂŒr die FĂŒĂŸe und Beine war dies eine erholsame Nacht; um 8.15 Uhr aufgestanden: nochmals Klamotten gewaschen, gefrĂŒhstĂŒckt, mit dem Bus (endlich mal wieder ein anderes Fortbewegungsmittel als die Beine!) nach Leon gefahren; in der Kathedrale: kurze Besichtigung; Siegel von einem unfreundlichen Menschen bekommen (kein Gruß, kein Satz, lediglich Datum und Stempel: Ist das der herbe Charakter der Leonenser?); um 11 Uhr Messe (dabei dauerte die Predigt mit stĂ€ndig erhobenem Zeigefinger am lĂ€ngsten!) in der Jakobskapelle; der Jakobus dort ĂŒber dem Hochaltar reprĂ€sentiert einen etwas ĂŒberheblichen Typ; den linken Fuß (völlig unmotiviert) auf ein Podest gestellt (als ob er etwas zu besiegen hĂ€tte), den Blick zum Himmel erhoben, den Pilgerstab zur Seite gehalten, als ob er ihm lĂ€stig wĂ€re; in der Kathedrale auch die „alte“ Französin (Luze) und den Franzosen wiedergetroffen: Pilger-meeting; dann Besichtigung des Kreuzgangs und des Museums; davor das schöne, polychrome Nordportal mit einem herrlichen Jakobus (mit tollem Hut und Muschelkette!); auf der Renaissance-TĂŒr zum Kreuzgang ein Matamoros; viele schöne Darstellungen im Kreuzgang an den GrabmĂ€lern: ĂŒberall tauchen Pilger auf: unter dem Kreuz, beim Weltenrichter: das Ziel und der Grund der Pilgerei werden anschaulich sichtbar gemacht, sehr schöne Gewölbegestaltungen mit herabhĂ€ngenden Schlußsteinen; dann eine langweilige Besichtigung des Museums; zwei schöne Sachen: ein romanischer Comics mit Darstellungen aus dem Leben des Jakobus und eine Darstellung eines anbetenden Königs vor Maria mit Kind (Wegemotiv; auch wenn nur einer von den dreien ĂŒbrig geblieben ist); ansonsten eine Ansammlung romanischer Madonnen wie im Panoptikum; dann nach S. Isidoro (nur von außen; das Pantheon war geschlossen); Bummel durch die Stadt (Tanzgruppe); italienisches Restaurant gesucht und gefunden, aber leider geschlossen – und jetzt hier! –

Nach einer Mittagspause werden wir um 16 Uhr Juan vor dem Hauptportal der Kathedrale treffen
; die Portal-GewĂ€ndefiguren stehen wieder am alten Platz (frisch aufgemöbelt; voriges Jahr waren sie verschwunden) – eintrĂ€chtig nebeneinander: Johannes (mit Ölfaß) und Petrus (mit SchlĂŒssel) rahmen Jakobus (in Pilgergewandung, mit Muschel am Hut) ein; das SĂŒdportal zeigt ein Ă€hnliches Motiv wie das SĂŒdportal in Burgos: die „himmlische Schreibstube“: aber hier noch gestelzter, noch staksiger, noch gewollter: die Symbole der Evangelisten umgeben den Christus und je zwei Evangelisten an Schreibpulten sind hintereinander gestaffelt, wie in einer Evangelistenschule, aber nett


 

LEON

 

MajestÀtisch und machtvoll verbindet die

     Kathedrale französische Harmonie mit

     leonesischem Stolz

Alles hat sein Maß und seine Mitte

Jacobus steht in der Mitte von Petrus und

     Johannes

La Virgen Blanca sitzt in der Mitte des

     Kapellenkranzes

Christus thront in der Mitte der Seligen

     und Verdammten

Im Maß und in der Mitte bleibt genĂŒgend

     Platz fĂŒr Notwendiges und Sonderbares

     des Alltags

Das getaufte Licht der Fenster umspielt

     leise das Kapitell am Zugang zur

     Santiago-Kapelle, das seine eigene

     SĂ€ule verschlingt – den Engel am

     Eingang zum Coro, der sich einen

     Dorn aus seinem Fuß zieht – und die

     Pilger-KrĂŒppel am Sarkophag des

     Rodriguez, die ihr tĂ€gliches Brot

     zum Überleben erhalten

Auch sie werden alle ihre Mitte erreichen

 

18/9/83  LA VIRGEN DEL CAMINO  18.30 Uhr

 

Sitzen in einer Bar gegenĂŒber vom Kloster, wo wir schlafen; nach einer Busfahrt aus Leon heraus in einem ĂŒbervollen Bus (die berĂŒhmte SardinenbĂŒchse), mit leichten „UnfĂ€llen“: Fuß eingeklemmt in offener TĂŒr, großes Geschrei und Hallotria
; der Nachmittag in Leon war dagegen sehr geruhsam: nach dem Mittagessen Siesta vor der Kathedrale mit Kaffee; um 16 Uhr kam Juan; nettes PlĂ€uschchen: Drei Pilgerbegebenheiten, die Juan erzĂ€hlte: Voriges Jahr waren Pilger mit Pferden da; und da das Kloster verpflichtet ist, Pilger aufzunehmen, wurden die Pferde in den Hof gestellt; dieses Jahr war ein Pilger da, der eine Herzoperation hinter sich hatte: deshalb hatte er einen Hund dabei, der die Lasten trug; und dieses Jahr war ein Pilger da, der ein GelĂŒbde abgelegt hatte, den ganzen Weg schweigend zurĂŒckzulegen; deshalb „konversierte“ er mittels Zettel; Vorschlag von Gerhard: die Strecke mal mit einem KĂ€nguruh zurĂŒckzulegen und das GepĂ€ck im Beutel zu verstauen
; nach herzlicher Verabschiedung von Juan (der zu einem Priestertreffen nach Burgos fahren mußte und der versprach, im nĂ€chsten Jahr wieder in DĂŒsseldorf aufzutauchen) bummelten wir Richtung San Marco; unterwegs ein dickes, fettes Eis mit Riesenhörnchen; dann S. Marco mit den letzten Sonnenflecken auf der Fassade, dem Matamoros, den Köpfen und den Muscheln, die wie mit Förmchen gebacken auf die Fassade der Kirche geklatscht sind; davor das schöne Pilgerkreuz mit dem kleinen, aber unverkennbaren Santiago unter der Madonna; ein Gang ĂŒber den Fluß: die alte PilgerbrĂŒcke, ĂŒber die die Pilger aus der Stadt auszogen mit der Fassade von S. Marco dahinter: malerisch
Dann zurĂŒck mit dem ĂŒberfĂŒllten Bus nach Virgen: Bar, Bier, Fotos von der Kirche und von der blanken Nase des hl. Frolan, an die alle kleinen (und grĂ¶ĂŸeren!) Jungen und MĂ€dchen packen, um einen Partner – Partnerin zu finden: ganz blank und abgenutzt ist die Nase: der Trend geht hier nicht zum Single!?...Prost!

 

VIRGEN DEL CAMINO

 

Die Mutter des Herrn, die hier erschien –

Der Apostel des Herrn, der hier ganz auf

     sein Abzeichen reduziert wurde –

Sie sind den Menschen auf dem Wege weit

     entrĂŒckt

Zum Greifen nahe steht ihnen der kleine

     Heilige am Seitenportal

San FroilĂĄn, der frĂŒhere Einsiedler und

     spĂ€tere Bischof

Seine glÀnzend-blanke Bronze-Nase erzÀhlt

     von vielen WĂŒnschen, Hoffnungen, TrĂ€umen

Freund oder Freundin, Partnerschaft oder

     Ehe – jedenfalls viel GlĂŒck

Ein kleines MĂ€dchen greift verstohlen zur

     Nase und verschwindet um die Ecke

Das nÀchste Brautpaar zieht unter

     brausenden OrgelklĂ€ngen in die Kirche

Irgendjemand hat in letzter Zeit versucht,

     die Nase mit einer Zange abzukneifen

 

19/9/83  HOSPITAL DE ORBIGO  14.30 Uhr

 

Sitzen hier in einer Bar bei Cola und Wasser vor der wunderschönen alten PilgerbrĂŒcke mit den 20 Bögen (ĂŒber die LĂ€nge gehen die Angaben auseinander: 104 m oder 750 m); gegenĂŒber auf der Fassadenkrönung einer neuen Kirche ein Storchennest mit einem richtigen Adebar darin: herrlich hier! Nach einem flotten Marsch (schon 25 km heute zurĂŒckgelegt!) sind wir hier pĂŒnktlich zum Mittag-Imbiß gelandet: Brot, KĂ€se, Sardinen, Joghurt; heute morgen um 6.30 Uhr aufgestanden; um 7.30 Uhr los: Kommen aus dem Haus, findet auf dem gegenĂŒberliegenden BĂŒrgersteig schon eine Prozession statt: mit Gebet und Gesang (im Dunkeln, bzw. Morgengrauen!); wir haben uns 10 Meter angeschlossen, dann links ab in die Bar; ein großer Kaffee und etwas SĂŒĂŸes; unterwegs einen straßenĂŒberquerenden WaschbĂ€ren gesehen (Premiere!); weiter bis Villadangos del Paramo; dort Pause in einer Bar: der Mann oder Sohn: SĂ€ufer: schlich sich immer von allen Seiten ans GetrĂ€nkeregal und bediente sich; sah die Mutter-Frau das, gab es ein großes Gezeter; Helge und Gerhard spielten Kicker wie die Wilden: fĂŒr ein paar Peseten; einkaufen und weiter; nochmals nach 5 km eine Pause am Wegesrand und dann durch bis Hospital de Orbigo: wohlverdiente Mittagspause
 - Gestern abend nach dem Bar-Besuch noch ein StĂŒndchen geknackt; dann Abendessen bei den Nonnen (Suppe, Sandwiches, Tomaten mit Eiern und FrĂŒchte); dann direkt ins Bett: der Erholungstag und die Ruhe haben den FĂŒĂŸen und dem ganzen „Bruder Leib“ sehr gut getan; mit frischer Kraft kann es nun ins Gebirge gehen!

 

19/9/83  SAN JUSTO DE LA VEGA  18.15 Uhr

 

(in einer Bar; 3 km vor Astorga) Irgendwann am Anfang der Tour hat Helge mal gesagt: Wenn wir hinter Leon sind, werden wir uns fĂŒhlen „wie auf der Zielgeraden“: und tatsĂ€chlich – heute lĂ€uft es wie beim Endspurt: Kilometer um Kilometer: und die FĂŒĂŸe und alles spielen erstaunlich gut mit; die Landschaft wird wieder hĂŒgliger, grĂŒner, fruchtbarer; im Hintergrund am Horizont breitet sich das Gebirge aus; zwischendurch noch eine Pause am Wegesrand, in einem BirkenwĂ€ldchen und dann weiter; immer ca. fĂŒnf Kilometer (oder eine Stunde) und dann wieder eine viertel Stunde Pause: das macht (fast) ĂŒberhaupt keine Schwierigkeiten und lĂ€ĂŸt selbst den heutigen Tag mit der lĂ€ngsten Tagesetappe (ca. 40 km) gut ĂŒberstehen; dann am Kreuz des hl. Toribio ein herrlicher Blick in die Landschaft und im Tal liegt Astorga vor uns ausgebreitet: die Kathedrale in rot-rosa und der Bischofspalast in grau sind gut zu erkennen; mittlerweile ist auch „Bruder Wind“ wieder heftiger, aber erfrischend; jetzt schmeckt der Cognac (oder auch zwei) mit der Cola (auch zwei) wieder prima (zur Verdauung der Sardinen vom Mittags-„MenĂŒâ€œ); urig hier die Bar: lauter spielende, Ă€ltere Knaster-Knacker (ca. 20) mit Karten in den HĂ€nden; in der Pinte ein Huhn im KĂ€fig: fast wie in Sto. Domingo de la Calzada –

Übrigens haben wir neulich mal ausgerechnet, daß jeder von uns auf der Pilgertour ca. 400 Flaschen leert (Cola, Limonade, Wasser, Bier, Wein; ca. 10 Flaschen pro Tag) und ca. 100 Tassen Kaffee trinkt (ca. 3 pro Tag) – aber der Wasserhaushalt muß ja stimmen!

Heute, wie auch an den letzten Wandertagen, ist mir die Bedeutung des Schattens wieder neu aufgegangen: wie er mitwandert, sich dreht, jedem Ding und jeder Person ein zweites (sich wandelndes) Dasein schenkt: morgens liegt er weit und lang vor uns; dann dreht er sich im Uhrzeigersinn; abends ist er langgestreckt im RĂŒcken: so bei uns selbst, so bei den kleinsten Steinchen und Körnchen auf dem Weg (erstaunlich, was ein kleiner KrĂŒmel abends fĂŒr einen langen Schatten werfen kann); die VerĂ€nderung des Schattens, der vor einem liegt – hin zum Schatten, der hinter einem liegt, könnte zum Gleichnis des Pilger-Daseins werden! Nicht ohne Schatten sein, aber nicht stĂ€ndig hinter dem Schatten herlaufen, sondern ihn (wissend) hinter sich lassen!

 

20/9/83  ASTORGA 8 Uhr

 

Im Krankenzimmer des Collegio Sta. Maria: Gott sei Dank nicht selbst krank, sondern hier Pilgerherberge gefunden, bei hollĂ€ndischen BrĂŒdern; sehr nett und zuvorkommend; nach 19 Uhr in Astorga gelandet; mit Gerhard das Collegio gesucht, dann eingezogen, frisch machen, Abendessen gehen: Artischocken, Schwertfisch, Kaffee, Bier, Wein; war gar nicht so einfach, ein Restaurant zu finden – dieses Astorga macht den Eindruck eines ausgesprochenen Provinznestes; die Leute starren einen wie das achte Weltwunder an und abends absolut nichts los; schön aber die Fassade der Kathedrale im untergehenden Sonnenlicht; und dann der Bischofspalast von Gaudi: wirklich schon ein FrĂŒhwerk der GenialitĂ€t! Einfallsreich und kreativ dieser eigenwillige Mann! Wie kam wohl ein Bischof Ende des 19. Jahrhunderts dazu, sich einen solchen Bau hinsetzen zu lassen? –

Heute morgen scheint es kĂŒhl und schattig zu sein, zum Laufen sicherlich gut.

 

20/9/83  STA. CATALINA DE SAMOZA  14.30 Uhr

 

Die hl. Katharina hört sich hier sehr chinesisch an; wir sitzen hier im Schatten des letzten Hauses des Dorfes, das menschenleer und ausgestorben und mit geschlossener Bar als Geister-Dorf keinen einladenden Eindruck macht; dafĂŒr aber ein Pilgerkreuz! (Foto!); vor uns das herrliche Panorama des Gebirges, das sich in langgezogenen, hintereinander gestaffelten ZĂŒgen am Horizont erstreckt, bewaldet und mit einigen gekrĂ€uselten Wölkchen verziert: sieht eigentlich sehr harmlos und freundlich aus; hoffentlich trĂŒgt der Schein nicht! –

Heute morgen haben wir nach einem Kaffee in der Bar zunĂ€chst die Kathedrale und dann den Gaudi-Palast besichtigt; an der Kathedrale sehr bemerkenswert das „Königsportal“ an der Westseite mit den beiden merkwĂŒrdigen und fĂŒr ein Portal ungewöhnlichen Darstellungen, die jeder Besucher fast in Augenhöhe wahrzunehmen hat: links die Vertreibung der HĂ€ndler aus dem Tempel und rechts Jesus mit der Ehebrecherin: Jesus dargestellt in dem Moment, da er in den Sand schreibt (steht auch darunter: „er aber schrieb in den Sand“): Beide Darstellungen haben meiner Meinung nach einen sehr kritischen Anklang: die Tempelaustreibung als Mahnung gegen jede materielle GeschĂ€ftemacherei in der Kirche und die Ehebrecherin-Szene als Mahnung gegen jeden moralischen Druck und Fanatismus in der Kirche (sicherlich habe ich damit meine eigene Interpretation an die Funktion der beiden Reliefs herangetragen; aber wer weiß, ob nicht auch KĂŒnstler und Theologen versteckt Ă€hnliche Aussagen machen wollten!?); ĂŒber der Tempelszene eine Blindenheilung, wobei der Blinde als Pilger dargestellt ist (mit Stab und Wasserflasche und Hut); ein Hund (der als einziger die Umrahmung durchbricht) zerrt an der Kordel, mit der der Blinde sein Gewand schĂŒrzt; im Inneren der Kirche, deren RaumgefĂŒge ein Coro bestimmt, ist in all der Dunkelheit nur Goldglitzerndes zu erahnen, wenig Konkretes zu entdecken. –

Dann aber der Gaudi-Palast: auch von innen ein Meisterwerk mit einer grandiosen Mischung von Stilen (Arabisches mit Jugendstil, Gotisches mit Byzantinischem, Romanisches mit Gaudischem) und Materialien (Holz, gebrannte Kacheln, Sandstein, Glas, Fresken, Marmor, Sgraffiti
) – besonders schön die Ansammlung der Jakobsfiguren: sitzend, wandernd, lehrend, kniend betend, zu Pferd (nicht als Matamoros), kĂ€mpfend
ein Heiliger mit vielen Gesichtern, abwechslungsreich und vielseitig – wie der Weg hin zu seinem legendĂ€ren Grab!

 

20/9/83  RABANAL DEL CAMINO  20 Uhr

 

Sitzen in der einzigen Bar („El camino de Santiago“) und versuchen jetzt, etwas zu essen zu bekommen; Einweisung ins „Pilgerquartier“ ist schon erfolgt: ein Schuppen mit Holzboden: richtig urig; aber mit Bier, Cognac, Skat-Spielen kann man das Pilgerleben ertragen: ein interessantes Dorf; der Weg hierher war heute ruhig und gemĂŒtlich: nur 20 Kilometer; durch eine Landschaft, die immer schöner wird: wie eine Heidelandschaft mit kleinen BĂ€umen, Heidekraut, Eichen, kleinen FlĂŒssen, Ginster – langsam ansteigend, sehr ansprechend.

 

21/9/83  2 km hinter FONCEBADON  10.45 Uhr

 

Sitzen hier in 1500 m Höhe auf einem HĂŒgel mit einer herrlichen Landschaft rings um uns herum: sanfte Berge bis hin zum Horizont, Heidekraut, kleine BĂŒsche, blauer Himmel, Sonne, Vogelgezwitscher – eine wunderschöne Welt; der Weg hierher von Rabanal ging immer bergan; durch das verlassene, fast völlig ausgestorbene Dorf Foncebadon: eingestĂŒrzte-strohgedeckte HĂ€user, die Kirche eine Ruine, einige Hunde, ein Schaf in der TĂŒr; ein besonderes Morgenerlebnis: das Überholen einer Schafsherde; merkwĂŒrdiges GefĂŒhl, durch die Tiere hindurchzulaufen und sie links und rechts abhauen zu sehen; gestern abend gab es noch etwas zu essen (Brot, Thunfisch, Oliven
), dann schon um 21.30 Uhr auf die Matte; bis 8 Uhr geknackt, kurze Morgentoilette am Dorfbrunnen, weiter – gestern abend und Nacht gab es auch einen Pilger, den wir schon öfters gesehen haben: einen 62-jĂ€hrigen Franzosen, der in Paris aufgebrochen ist – mit 17 kg GepĂ€ck, beide HĂ€nde voll (einschließlich Stativ).

 

21/9/83  RIEGO DE AMBROS  15 Uhr

 

Sitzen in einer Bar (mit einer „Glocken-Spiel-Anlage“, die der Wirt mit hĂ€mischer Freude mehrmals in Gang setzte) bei Cola und Schinken und erholen uns vom Vormittag und Mittag; nachdem wir bisher im Gebirge drei Pausen mit Brot und Wasser gemacht haben, gibt es jetzt etwas zwischen die ZĂ€hne – Hm, lecker, der Schinken! Aber fĂŒr das Brot und Wasser entschĂ€digte immer wieder die Landschaft – nach den PyrenĂ€en ist dies wohl landschaftlich der schönste Tag: weite Ausblicke, grĂŒne HĂŒgel, Brombeeren, Heidekraut, Disteln – „merveilleux“ sagte der Franzose, der uns ein StĂŒck begleitete, immer wieder. – Hinter Foncebadon dann das Eisenkreuz auf dem Steinhaufen, auf den seit Generationen die Pilger ihre Steine werfen; auch ich habe einen Stein dazugeschmissen: ein Zeugnis der Geschichte, das sich selbst ergĂ€nzt. Dann auf einmal auf der Höhe der Blick ins Tal von Ponferrada – herrlich, und dahinter wieder ein Gebirgszug, der uns morgen erwartet. –

Unterwegs ĂŒberholten uns drei französische Radfahrer unterwegs nach Santiago – kurzer Plausch; zwischendurch GesprĂ€ch mit dem Franzosen: so wird die Tour auch zum Zeichen der VölkerverstĂ€ndigung: der Apostel vereinigt alle! –

Noch eine Pilger-„Versuchung“ (eigentlich schon seit den PyrenĂ€en): Brombeeren am Weg: immer wieder laden sie schwarz und glĂ€nzend und prall und sĂŒĂŸ ein, stehenzubleiben und zu pflĂŒcken – aber so werden natĂŒrlich keine Kilometer geschafft! Apropos Kilometer: Wir haben jetzt keine 200 Kilometer mehr bis hin nach Santiago! –

Gerade ist mir ein halber Zahn weggebrochen – hoffentlich komme ich nicht ohne ZĂ€hne nach Hause!

 

CRUZ DE FERRO

 

Das rostige Zeichen des Heils scheint in

     den blauen Himmel einzutauchen

Jeder Pilger hat versucht, mit seinem Stein

     diesem Zeichen auf der Erde Halt zu geben

Ein steinernes Glaubens-Zeugnis der

     Vergangenheit

Ein steinernes Gemeinschafts-Zeugnis in der

     Gegenwart

Ein steinernes Hoffnungs-Zeugnis fĂŒr die

     Zukunft

Die Steine werden den Himmel nicht erreichen

 

21/9/83  MOLINASECA 17 Uhr

 

Sitzen in einer Bar mit Blick durch die offene TĂŒr auf die alte PilgerbrĂŒcke; im Fluß waschen Frauen ihre ganze WĂ€sche (Foto); ich selbst sorge mich um meinen FlĂŒssigkeitshaushalt: Cola, Bier, Cola, Bier
; der Weg ĂŒber den alten Camino runter von Riego war herrlich: steinig, aber eine tolle Landschaft, tolle Vegetation: streckenweise duftete es wie in einer orthodoxen Kirche: nach mildem, wohlriechendem Weihrauch; Anlaß ĂŒber alte Meßdiener-, Schulmessen-, Kaplans- und andere Kirchendönnekens zu klönen: Weißt du noch, damals
? Schellen, Weihrauch, Meßwein
 - der Glaube war konkreter, greifbarer, sinnlicher; vielleicht wĂ€re alles anders gelaufen, wenn das „Konzil der Buchhalter“ und die ganzen BilderstĂŒrmer danach mal den Camino vorher gelaufen wĂ€ren: Wenn sie den Glauben mal bis in die FĂŒĂŸe gespĂŒrt hĂ€tten: Vielleicht wĂ€ren sie dann weniger symbolfeindlich und zeichenunlustig gewesen; hĂ€tten dann vielleicht den Glauben konkreter, sinnlicher, handfester, bildhafter gelassen – und damit glaubens-adĂ€quater – vielleicht
!?

 

22/9/83  PONFERRADA 9 Uhr

 

Liege im Bett eines kleinen Hotels, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat; aber gut ausgeschlafen und erholt und fĂ€hig, zu neuen Kilometern; gestern der „Einzug“ in Ponferrada war wieder ein wenig so wie bei allen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten: Ponferrada gehört zum Ruhrgebiet Spaniens: mit Kohlehalden, vielen Banken und wenig Sehenswertem; vorher einige Zeit mit dem Franzosen gelaufen: 62 Jahre, pensioniert seit April, war Bauingenieur und Architekt, wohnt im 10. Arrondissement in Paris, am Montmartre, ist in der „Anbetungs“-Legion von SacrĂ© Coeur, geht jeden Tag in die Kirche, sehr meditativ, ein wenig spinnerig, aber zĂ€h und nett!; das angegebene Hotel in der Altstadt war besetzt; Gerhard und ich gingen auf Suche: haben diese Absteige hier in der Neustadt gefunden; gleichzeitig Filme gekauft; frisch gemacht; Andrea hat mir eine Blase aufgeschnitten: an der rechten Ferse: jetzt fĂ€ngt es in den hinteren Fußbereichen wohl auch noch an!?; Abendessen gegangen: Salat, Fischsuppe, großes Kotelett, Whisky-Torte, Kaffee, Bier; zum Abschluß eine gute Flasche Weißwein der Gegend, die Gerhard zu seinem bestandenen zweiten Staatsexamen springen ließ; beim Essen auch noch die dicke Plombe aus dem abgebrochenen Zahn verloren; völlig lĂ€diert werde ich in die Heimat zurĂŒckkehren; materiell Ă€rmer, aber hoffentlich spirituell bereichert – „Man kann nicht alles im Leben haben!“ (Oberbergischer Weisheitsspruch) – Auf, das Bierzo-Gebirge wartet!

 

22/9/83  CAMPONARAYA 14 Uhr

 

Sitzen in einer Bar und halten Mittagsmahl; das ĂŒbliche: Cola, Bot, Wurst, KĂ€se, Danone, Möhren; heute morgen schleppender Abmarsch: Aufstehen, Fertigmachen, Bar (Kaffee), Einkaufen (was ich gerade verspiesen habe), Packen (dabei zwei Teilchen gemuffelt), Bar (Kaffee und Cola), Brief an Pfarrer von St. Palais geschrieben (wegen unserer RĂŒckkehr), vergeblich einen Pfarrer wegen Stempel gesucht, beim TouristenbĂŒro auch einen frommen Spruch und Stempel bekommen, meinen Rucksack von Helge repariert bekommen
 - mit Glockenschlag 12 Uhr brachen wir in Ponferrada auf; bisher nur durch Vorstadtstraßen und Vorort-Siedlungen gekommen; zum Teil vorbei an riesigen Kohlehalden – wie in Bottrop, allerdings mit Aussicht auf bessere Gegenden.

 

22/9/83  CACABELOS 16 Uhr

 

Sitzen hier im Innenhof einer Weinkellerei mit dem alten Hospital San Lazaro fĂŒr die Pilger im RĂŒcken: deshalb gibt es einen Krug Wein gratis; sind jetzt mehrere Kilometer durch Weinfelder gelaufen (bei glĂŒhender Hitze und blauem Himmel): knorrige, alte, kleine StĂ€mme mit Reben und Trauben: dunkel-blau-violett und grĂŒn-gelb-gold abwechselnd glĂ€nzend: prall und einladend (manchmal aber auch dĂŒrr und vertrocknet): Ist dies eine Pilger-Versuchung oder eine Pilger-Freude?: Jedenfalls haben wir zugegriffen: Der Camino ernĂ€hrt seine Pilger – und manchmal nicht schlecht! Frei nach dem Verfasser des 104. Psalm: „Die Weintrauben erfreuen des Menschen Herz“ – eine tolle, fruchtbare Gegend! Welch ein Kontrast zwischen den schwarzen Kohlehalden und dieser grĂŒnen Landschaft im Bierzo-Vorland! –

Jetzt auch noch eine herrliche Bohnen-Kartoffel-Fleisch-Suppe! Hmm! Superbe!

 

22/9/83  VILLAFRANCA DEL BIERZO  20.30 Uhr

 

Nach der Suppe gab es dann noch Besichtigung der Weinkellerei, GesprĂ€ch und Stempel vom großen Chef im Dorf – Prada a Tope – (verewigt auf HauswĂ€nden, auf T-Shirts, auf Wein-Etiketten, auf Stempel: wie der „große Bruder“ blickt er von ĂŒberall herab, aber nett!); dann Kosten der eingelegten Kirschen und weiter; aber nicht viel: schon kam der Fluß Cua, verlockend zum Baden, und alle anderen stĂŒrzten sich in die kalten Fluten; wieder Pause in der dazugehörigen Bar; man hat heute den Eindruck, daß wir im Urlaub sind; dann langsam bergauf, das Gebirge immer vor Augen, Richtung Villafranca; außer einer kleinen Trinkpause ging es weiter bis zum Ziel, das wir gerade noch in der untergehenden Sonne erreichten; Helge und Andrea suchten ein Hotel; ich noch schnell zu der Jakobus-Kirche, die gerade noch die letzten Sonnenstrahlen mitbekam; vor allem am herrlichen, romanischen Nordportal waren die entscheidenden Szenen noch im goldenen Abendsonnenlicht: ĂŒberall die hl. drei Könige: anreitend vor der Stadt, fragend vor Herodes, anbetend vor dem Kind, unter der gemeinsamen Decke liegend vor dem Engel (eigentlich doch ein Motiv aus SĂŒdfrankreich, wie kommt es wohl hierher?) und reitend vor dem Kreuz: fast die in Stein gehauene Legende vom vierten König; einzigartig: diese Kombination von den reitenden hl. drei Königen vor dem Kreuz; ĂŒberhaupt die ganze FĂŒlle der Darstellungen ein immer neuer und anderer Hinweis auf das Unterwegs-Sein: suchen, fragen, Umwege machen, anbeten, niederknien, sich anrĂŒhren lassen durch göttliche Fingerzeige, sich unter das Kreuz stellen, falsche Wege vermeiden, vom hohen Roß herabsteigen
die Magier aus dem Osten als erste Pilger! (Übrigens ist dies das Portal, das die gleichen VergĂŒnstigungen gewĂ€hrte fĂŒr kranke Pilger wie der Einzug in Compostela!)

Aber nun wird es wieder konkreter und etwas nĂ€her dem Pilgerleben (das nicht nur aus dem Pilger-Glaubens-Leben besteht): das Hotel ist ganz akzeptabel, die Betten zu weich, das Duschwasser inzwischen wĂ€rmer und das Abendessen wird (hoffentlich) den „Bruder Leib“ mit den anhĂ€ngenden, gequĂ€lten und zerschundenen FĂŒĂŸen wieder aufrappeln!?

Heute morgen haben wir auch den jungen Franzosen (Denis) und heute abend Luze und die uns schon seit Tagen verfolgenden drei Schweizer getroffen - Je nĂ€her wir Santiago kommen, desto dichter wird der Pilgerstrom – vielleicht wird es bis dahin eine richtige Prozession, die unter Glockenklang in Compostela einzieht, empfangen vom BĂŒrgermeister und Erzbischof – in der Kathedrale sind schon alle Kerzen angezĂŒndet, das Botafumero schwingt schon und schickt seine Rauchwolken zum Himmel und in die Nasen (und Kleider!) der Pilger, der Chor singt das „Ultreia“ und der hl. Jakobus schließt uns alle in seine Arme und flĂŒstert jedem ins Ohr: Was willst Du denn hier?!?!

Noch zwei Erfahrungen vom Weg (die heute besonders deutlich wurden), von denen auch nicht genau feststeht, ob sie zu den Pilger-Freuden oder den Pilger-Versuchungen zu zĂ€hlen sind: die FlĂŒsse, die zum Baden und Schwimmen einladen, die aber Zeit kosten; und die vielen Bars (wenn es sie gibt!) am Weg, die aber viel Geld und RĂŒlpser kosten! (Dennoch geht die Neigung dahin, beide Erfahrungen mehr zu den Pilger-Freuden zu zĂ€hlen!)

 

VILLAFRANCA DEL BIERZO

 

Portal der Menschlichkeit fĂŒr alle, die

     nicht im Zenit der Sonne leben

Barmherzig schenkt es ihnen dieselben

     Gnaden wie der PĂłrtico de la Gloria

Die letzten Strahlen der Abendsonne vergolden

     die uralten Geschichten der Weisen

Ein Engel flĂŒstert von Trost und Hilfe

     und Weitergehen

Das vorlÀufige Ziel ist das Kreuz

Die Morgensonne kann es hier nicht

     erreichen

Über die Schwelle des Tores ist lange

     Gras gewachsen

 

23/9/83   CEBRERO  21.15 Uhr

 

Sitzen hier in der Pilgerherberge-Pilgerrestaurant des alt-ehrwĂŒrdigen Ortes und warten auf das Abendessen –

Gestern abend noch gut essen gegangen: Artischocken, Kotelett, Salat, „Pyjama“ des Hauses (FrĂŒchte, Eis
: sehr lecker), dazu Bier, Wein, Kaffee; heute morgen um 8 Uhr aufgestanden; Kaffee trinken; einkaufen; Innenbesichtigung der Jakobus-Kirche: an beiden FlĂŒgeln der HolztĂŒre von innen Jakobsdarstellungen: auf der einen Seite Jakobus als Pilger, auf der anderen als Matamoros; vorn rechts ein barocker (?), aber einfach gehaltener Pilger-Jakobus: sehr lebensnah mit eingesetzten Glas-Augen; der ganze Raum macht einen hoheitsvollen, erhebenden, majestĂ€tischen Eindruck (bis auf die sĂŒdlich angebaute, barocke, in gold-schwelgende Kapelle); dann versucht, einen Stempel zu bekommen: an verschiedenen Stellen war keiner; im letzten Kolleg des Ortes dann doch noch Erfolg: durch einen Dreh-Mechanismus (ohne persönliche Kommunikation) mußte unser „Dokument“ eingereicht werden: knarrend drehte sich das Ding; dann dauerte es 10 Minuten und wieder Knarren: unser „Dokument“ lag gesiegelt da – und dabei zwei zerknitterte, aber sicherlich liebevoll gemeinte 100-Peseten-Scheine fĂŒr die armen Pilger; beide Scheine haben wir direkt wieder in den Opferstock des Konventes geworfen; dann langsam und bedĂ€chtig weiter: von Pause zu Pause, immer den Rio Valcarce lĂ€ngs, mal die FĂŒĂŸe rein, dann wieder eine Cola – plötzlich kamen ein paar Tropfen vom Himmel – ein erhobener Zeigefinger, um endlich mal voran zu machen; dann ging es bergauf von 600 m auf 1300 m: in eine herrliche Landschaft: mit blau-grau-grĂŒnen Bergketten, bewachsen mit strahlend gelbem Ginster und blau-violettem Heidekraut, dazwischen weiß-silbriges Gras und grĂŒner Farn – eine Landschaft, die immer schöner wurde, je höher wir gingen; zwischendurch ein paar eiskalte Quellen, einige Regentropfen dazwischen, ein Wind – und die untergehende Sonne, die wir aber durch unseren Aufstieg immer wieder einholten; dann endlich die stroh-bedeckten HĂ€user von Cebrero, dahinter die gold-rot untergehende Sonne; am alten Pilgerkreuz vorbei Einzug in das Dorf; direkt in die Kirche: mit einem tollen Kruzifix, einer alten romanischen Madonna und dem alten Gralskelch unter Glas: eine irre, mystisch-gespenstische AtmosphĂ€re; wie um Jahrhunderte fĂŒhlte ich mich zurĂŒckversetzt. –

In der Pilgerherberge können wir schlafen im Vorraum zum Restaurant; erst mal in die Messe nebenan gegangen: in wenigen Minuten zu Ende (war wohl mehr galicisch: Wir haben nĂ€mlich kurz vor Cebrero die Grenze von der Provinz Leon oder auch von Kastilien nach Galicien ĂŒberschritten); nochmals die herrlichen Figuren in der Kirche bewundert und die sakrale AtmosphĂ€re genossen; dann Abendessen: Suppe, gekochte Kartoffel (!), Kotelett, Eistorte, Bier, Wein, Kaffee – ein herrlicher Tag heute. Unvergeßlich die Landschaft. – Noch eine bemerkenswerte Äußerung von Gerhard: Wir haben immer wieder Durst; und wir trinken und trinken; und trotzdem wird der Durst nicht gelöscht – da kann man verstehen (vor allem im Orient), wenn Menschen wie „elektrisiert“ sind, wenn ihnen jemand sagt, daß er der Quell ist, nach dem keiner mehr Durst hat. –

Jetzt liegt mir ein Kalb-Bernhardiner-Hirtenhund zu FĂŒĂŸen und ich muß mich dennoch wohlfĂŒhlen! – Hund ist wieder weg! Gott sei Dank! – Ich werde nie ein Franziskus!

 

CEBREIRO

 

Hoch oben ĂŒber den Menschen taucht aus dem

     GrĂŒn des Gebirges dieses Relikt aus

     uralten Zeiten auf

Gebrochene grau-braune Steine, blÀulicher

     Granit, dunkelbraune Eichenbalken

     leicht geschwungene StrohdĂ€cher

Die erste Ansiedlung auf galicischem Boden,

     dem Grabesboden des Apostels

Sie weist zurĂŒck in die Jahre, da der Stern

     auf dem Feld die Wallfahrt ins Leben rief

Nahe bei Gott hat sie die Jahrhunderte

     ĂŒberlebt

Aus dem bewölkten Himmel sind leise die

     Worte zu erspĂŒren:

Dies ist mein geliebter Ort

Zahlreiche rote Kerzen im dÀmmrigen

     Heiligtum flackern zaghaft von den

     Überlebens-Hoffnungen der Glaubenden

Die glutrote Abendsonne, der goldene

     Gralskelch und der weiße Lichtschein

     des Herrn verschmelzen am Horizont

Beim Abstieg verbot er ihnen, anderen

     davon zu erzĂ€hlen

Die wirklichen Tiefenerfahrungen sind mit

     menschlichen Worten nicht zu vermitteln

 

24/9/83  ALTO DEL POYO 13 Uhr

 

(Paß; ca. 9 km hinter Cebrero; 1337 m) Immer noch die herrliche Landschaft; jetzt rechts und links; und wieder eine Bar –

Nach dem guten Abendessen gestern abend auf die Liegematte; gut in den Geburtstag hinein geschlafen; heute morgen Gratulationscour: mit kleinem Jakob, der mit glĂ€nzenden Augen in die Welt schaut; FrĂŒhstĂŒck: leckerer Kaffee, KĂ€se, Schinken, Wein, Bier, Mineralwasser: richtig geburtstags-like: Mit Gerhard zusammen sind es heute 70 Jahre; mit der HĂ€lfte komme ich noch gut weg! –

Der Pilgerweg ist auch ein Gleichnis fĂŒr den Lebensweg: Anfang – Gegenwart – Ziel; Anfang: kein Anfang am Punkt Null; hineingestellt in eine Geschichte; mit Menschen, die auf den Weg schicken und begleiten, die diesen Weg vorbereiten und planen, die die richtigen Routen festlegen: Danke fĂŒr die, die diesen Anfang geschenkt haben! – Gegenwart (hoffentlich noch nicht so nahe am Ziel wie wir jetzt unserem Wege-Ziel nahe sind): Menschen begleiten; Erlebnisse, Erfahrungen, tolle EindrĂŒcke; Wege, die nicht gegangen worden sind; Entscheidungen, die gefallen sind und die die Richtung bestimmt haben; Wege, die vor einem liegen (auch manchmal mit kleinen, aber netten Umwegen!): Danke fĂŒr die, die diese Gegenwart begleiten! – Ziel: Was kommt? Was liegt vor mir? Ehrlich gesagt, die Hoffnungen und WĂŒnsche und Freuden sind nicht so groß wie auf unserem Weg; auch ein wenig Sorge, Angst, BefĂŒrchtungen begleiten den Weg; aber auch vertrauen, den Weg gut zu Ende gehen zu können: Danke fĂŒr die, die mir das Ziel vor Augen stellen und die mich zum Ziel hin begleiten! –

Vor unserem Abmarsch in Cebrero nochmals Besichtigung der Kirche: toller Raum, eine majestĂ€tische romanische Madonna, der „Grals“-Kelch sehr viel kleiner als ich dachte, aber AnklĂ€nge an Vergangenes, Mystisches, Geheimnisvolles, Sakrales, UnzugĂ€ngliches – ein konkretes Zeugnis vom Schnittpunkt des Realen mit dem Irrealen; Besichtigung des Pilgerkreuzes mit einem kleinen Jakobus am Schaft! – Meinen GeburtstagsfrĂŒhschoppen habe ich jetzt hinter mir: Cola mit Cognac; jetzt geht es weiter!

(Handschriftlicher Eintrag ins Tagebuch: „Samos 24.9.  22.30 Euch beiden wĂŒnsche ich, daß jeder von Euch mindestens genauso alt wird, wie Ihr heute zusammen werdet! Bleib‘ so! Deine Marianne“)

 

25/9/83  SAMOS 10 Uhr

 

Sitzen schon wieder in der Bar vor dem Kloster und nehmen den zweiten Kaffee zu uns; haben gerade eine Messe im Oratorium des Klosters gefeiert mit dem Thema „Jakobsweg – Lebensweg“ (s. gestern). War sehr schön hier in Samos: Gestern abend mit Einbruch der Dunkelheit (nachdem wir unterwegs viel gebummelt und die Kilometerzahl unterschĂ€tzt hatten; von Triacastela aus – mit schöner Jakobskirche, an deren Fassade drei Reliefs von Kastellen waren – waren es noch 11 Kilometer! Ganz schön anstrengend und frustrierend!) hier angekommen: Der Gastpater stand schon vor der TĂŒr, wir waren schon von den Schweizern und Luze angekĂŒndigt: 6-Bett-Zimmer, leider nur kalte Dusche, aber dann gegenĂŒber in die Bar (wo wir jetzt schon wieder sitzen): dort hervorragend zu Abend gegessen: Brot und holzfeuer-gegrilltes Fleisch, Bier und Wein, Kaffee und Cognac: Alles fĂŒr alle fĂŒr 2300 Peseten: Ein klasse Geburtstagsessen! Ein wĂŒrdevoller Abschluß; dann in die Kiste; durch Umstellen der Uhr eine Stunde geschenkt bekommen: 8 Uhr aufgestanden; in die Bar zum ersten FrĂŒhstĂŒck, dann Gottesdienst


Noch eine Pilger-Versuchung, die mir gestern in der Bar von Triacastela wieder besonders auffiel (die uns aber schon den ganzen Weg begleitet): das ĂŒberall prĂ€sente und ĂŒberall tönende und flimmernde Fernsehen in den Bars: stĂ€ndig schimpfen wir drauf, stĂ€ndig lĂ€hmt es die Kommunikation, stĂ€ndig geht es auf den Geist – aber stĂ€ndig schielt auch einer hin, verstohlen mit einem Auge, einen Fetzen „Kultur“ erhaschend. –

 

25/9/83  SARRIA 13 Uhr

 

(in einer Bar am Ortseingangsschild) In einem Durch-Gang von Samos nach Sarria (ĂŒber 12 Kilometer!) – auf einer solchen Strecke (allein, die FĂŒĂŸe Schritt vor Schritt setzend, nur ab und zu den Kilometerstein wahrnehmend) kann man zur Ruhe, zur Stille, zur Besinnung kommen: Sonst ist abends und morgens das Pilgerleben ziemlich hektisch; abends: ankommen, eine Herberge suchen, Bett richten, Socken aus, frisch machen (wenn vorhanden: duschen), FĂŒĂŸe richten (ĂŒbrigens: meine FĂŒĂŸe sind in den letzten Tagen besser, seit ich nichts mehr damit mache: keine Creme, keinen Hirsch-Talg, nur noch Puder: alles trocken behandeln; trocken, spröde, gerissen – wie eine Mondlandschaft – sehen meine FĂŒĂŸe drunter aus!), Abendgarderobe, Lokal suchen, essen (möglichst schnell ein paar Biere gegen den Durst runter), in die Herberge, ins Bett, schlafen; morgens: aufstehen (möglichst spĂ€t: siehe Pilger-Versuchungen), waschen, anziehen, Schuhe eincremen, Rucksack packen, Kaffee-trinken, Postkarte schreiben (der tĂ€gliche Zwang, der schon zur Manie wird), Briefkasten finden, Stempel suchen (falls nicht schon abends geschehen), Handtuch zum Trocknen an den Rucksack, weiter!! –

Unterwegs fiel mir heute auf, daß die BĂ€ume und WĂ€lder schon einen herbstlichen Schimmer erhalten (schon!?: schließlich hatten wir vorgestern Herbstanfang; und so bunt, wie bei uns vor der Tour, sieht es hier noch lange nicht aus!); außerdem fallen die ersten BlĂ€tter: „Die BlĂ€tter fallen, fallen wie von weit – Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen HĂ€nden hĂ€lt!“ – Herbst! Auch auf unserer Tour sind wir jetzt in die Herbst-Zeit gekommen: Bald lĂ€ĂŸt sich die reife Frucht Santiago pflĂŒcken und dem hl. Jakobus vertrauensvoll in die HĂ€nde legen – nur noch wenige Tage, nur noch „wenige“ Kilometer (von hier aus noch 106!) –

Übrigens muß mal etwas erwĂ€hnt werden, was schon fast zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden ist: das schöne Wetter! Schon wieder ist es heute schön, sonnig, nicht zu kalt, nicht zu warm, windig (und das alles, obwohl unsere Spanisch-Lehrerin Escobar immer davon gesprochen hat, daß es in Galicien im September pausenlos regnen wĂŒrde): Also: Bei allem Jakobs-Kult und bei aller Jakobus-Verehrung muß auch mal ein krĂ€ftiges „Danke!“ an den Apostel-Kollegen Petrus gesagt werden, der bisher die WasserkĂŒbel hinter Bart und SchlĂŒssel versteckt gehalten hat (mit Ausnahmen von zwei mal zwei Stunden in den PyrenĂ€en und hinter Hontanas und von einigen erfrischenden Tropfen im Bierzo-Gebirge); hoffentlich bleibt es so! Spanien braucht erst Anfang Oktober wieder Regen!

 

26/9/83  PUERTOMARIN (oder galicisch:  PORTOMARIN)  8 Uhr

 

Liege im Bett im Parador-Hotel nach einer guten Nacht und denke ĂŒber den gestrigen Tag nach: War ganz schön anstrengend gestern und vorgestern jeweils sechs Kilometer mehr als vorgesehen (der Umweg ĂŒber Samos!; so daß gestern im Endeffekt ca. 40 Kilometer zu laufen waren!); außerdem macht sich bemerkbar, daß uns der wöchentliche Ruhetag fehlt; bei einer Planung der Tour sollte man darauf unbedingt achten: Sechs Tage laufen und einen Tag Pause! Um 15 Uhr trennten sich Helge, Andrea, Ingrid und ich von Marianne und Gerhard, um noch die besonders empfohlene Kirche in Barbadelo zu besichtigen: Also runter von der Landstraße, rein ins GelĂ€nde (um 16 Uhr wollten wir uns in einer Bar in Peruscallo wiedertreffen!); die Kirche ganz nett, aber so ĂŒberwĂ€ltigend und schön, wie angegeben, nun auch wieder nicht: Interessantes West-Portal mit sehr alten Darstellungen: im Tympanon ein Auferstandener oder Weltenrichter; darunter ein teufelsĂ€hnliches Gebilde, eingefangen und verstrickt in Ranken und Schlingen; an den Kapitellen der GewĂ€nde mythologische Themen: je zwei gleiche Tiere (Hahn,
), die gegeneinander stehen und dahinter Menschen; beim Weitergehen den Weg zunĂ€chst nicht gefunden; verlaufen; Stimmung sank; dann Versuch, die verabredete Bar zu finden: ging lange und beschwerlich ĂŒber den alten Camino: um 17.45 Uhr waren wir da: die beiden anderen weg; dann zur Landstraße durchgeschlagen; ich fiel von einer Steinmauer; ein Sumpf mußte durchquert werden; ĂŒberall Brombeerranken; um 18.30 Uhr waren wir auf der Landstraße – und hatten noch 15 Kilometer vor uns; mit der Aussicht, ab 19.30 Uhr im Dunkeln laufen zu mĂŒssen (Umstellung der Sommerzeit auf Normalzeit); einen flotten Schritt vorgelegt: Sieben Kilometer ging es noch im Hellen; dann Pause in einer Bar; von da ab im Dunkeln, mit Taschenlampen, den wunderschönen Sternenhimmel ĂŒber uns, auch die Milchstraße gesehen – und damit zum ersten Mal das Erlebnis der Pilger, nachts in Richtung der Milchstraße auf Santiago zuzulaufen; um 22 Uhr waren wir in Puertomarin; das Parador angelaufen; dort waren die beiden; Gutes Abendessen (galicische Suppe, Jakobsmuscheln – die Muschelschalen durfte ich behalten -, Torte des Hauses, dazu Bier in Strömen: die Kehle ist immer wie ausgedörrt); noch etwas gewaschen (das muß man sich vorstellen: ich um Mitternacht vor dem Waschbecken und wasche Unterhosen und Unterhemden: Wenn meine Mutter wĂŒĂŸte, was ich alles kann, wĂ€re ich den ganzen Tag am arbeiten); dann ins Bett zur wohlverdienten Ruhe – Übrigens haben wir gestern die 100-Kilometer-Marke nach Santiago unterschritten; von hier sind es jetzt noch 86,5 Kilometer! –

Heute morgen ist es ganz schön neblig draußen; hoffentlich waren meine Lobes-Hymnen auf Petrus nicht verfrĂŒht!; Egal, es geht weiter!

 

26/9/83  PALAS DE REY 20.15 Uhr

 

Liege hier auf der Matte im Fonda Lola Gonzales mit einem Bier und warte auf Dusche und Essen! Welch ein Gegensatz zwischen gestern und heute! Aber jeden Tag Parador ist als Pilger auch nicht zu verkraften –

Also der Reihe nach: Der FrĂŒhnebel hat sich ganz schnell aufgelöst und dann wurde es ganz schön heiß heute (wie uns schon mehrere Leute gesagt haben, ist das Wetter dieses Jahr extrem ungewöhnlich und gut im September; na ja, wenn Engel pilgern
) –

Einige Tages-Impressionen: Kaffee im Parador – Geld umwechseln – Kaffee in einer Bar an der Kirche in Puertomarin – faszinierende Musik-Band am West-Portal der Kirche von Meister Mateo – erschrocken, scheue Madonna bei der VerkĂŒndigung am Nordportal – grandiose Hallenkirche mit Gurtbögen – mystisch, ergreifendes Kreuz in der Apsis – Einkaufen – Landstraße – Rast in einem kleinen WĂ€ldchen mit Quelle – alter Camino – knatsch-grĂŒne, große Frösche in einem TĂŒmpel – Rast an einer Bar (Schwierigkeiten wegen 80 Peseten: fast ein abendfĂŒllendes Programm) – alter Camino – Ginster, Brombeeren, Farn – sanfte, weitgeschwungene HĂŒgellandschaft – sehr grĂŒn – kleine Kleckersdörfer mit Heu- und Mist-Haufen – galicische HĂ€uschen (fĂŒr Mais? Tabak? Tauben? Tote?): sehr charakteristisch und originell – Ochsengespann mit galicischem Wagen mit Holz-ScheibenrĂ€dern – kleine Kirche mit der Hausnummer 1 (da weiß man noch, wo die erste Adresse am Ort ist) – Jakobskirche – alte Friedhöfe mit PilgergrĂ€bern – ein StĂŒck Landstraße – Sonnenuntergang – die ersten HĂ€user von Palas de Rey – Kirche – fragen – Fonda – Erstes Bier – Einquartierung – Hoffen auf eine Tortilla espanol


Hoffnung erfĂŒllt: Erste verspiesen; hoffen auf eine neue! Sehr lecker!...(mit Tomaten, Bier, Wein
)

 

27/9/83  CAMPANILLA 11.15 Uhr

 

Auf dem herrlichen, alten Camino durch wunderschönes galicisches Land: im Schatten von verkrĂŒppelten Eichen, von schmĂ€chtigen Buchen, buschigen Kiefern und grazilen Birken gingen wir – manchmal wie auf dem Weg zu einem verwunschenen Schloß, vor allem, wenn die Sonnenstrahlen pfeilartig durchbrachen; auf Gras mit Tau, vorbei an Brombeeren, Ginstern, Farnen, versponnen mit Spinnweben im Morgentau und beperlten Spinnennetzen mit dicken Spinnen – durch kleine, dreckige, urige Dörfer – mit Mais-BehĂ€ltern, Kirchen, Ochsengespannen, BĂ€uerinnen und Bauern, die neugierig, aber freundlich am Weg stehen und bereitwillig Auskunft geben (von dem man nichts versteht) – ein tolles, fruchtbares, liebenswertes Land – dieses Galicien! –

Heute morgen um 7.30 Uhr aufgestanden, 8.15 Uhr FrĂŒhstĂŒck, Einkaufen, Stempel besorgen (auf dem BĂŒrgermeisteramt), Wasser geschöpft am Brunnen (mit abgeschlaffter Jakobs-Figur) – und weiter! (Wir sitzen hier fast genau auf der Grenze von der Provinz Lugo zur Provinz La Coruna, die letzte, die wir erreichen)

 

GALICIEN

 

Zaghaft gelber Ginster, dunkel-violettes

     Heidekraut, hoch-fĂ€chriger Farn,

     himmelblaue Hortensien

Fahl-grĂŒne Kiefern, efeuumrankte Steineichen,

     Eßkastanien als kleine StachelbĂ€llchen,

     ĂŒberragt von grau-silbrigen EukalyptusbĂ€umen

Strohhaufen mit geflochtenen Zöpfen, kunstvoll

     gestaltete Mais-Speicher, kapellenĂ€hnliche

     BackhĂ€user, Weinlauben vor den grĂŒn-

     gestrichenen TĂŒren der HĂ€user aus Bruchstein

Schrill-pfeifende Vögel, stolz-krÀhende HÀhne,

     Ă€ngstlich-quiekende Schweine, heiser-

     bellende Hunde

Dampfende Kohlsuppe, knoblauchgetrÀnkte

     Krabben, gesalzene Schweineschulter,

     milchig-weißer BrustwarzenkĂ€se

SattgrĂŒne HĂŒgel, fruchtbare TĂ€ler, bedeckter

     Himmel, sich krĂ€uselndes Meer

In diesem Land fand der Apostel als VerkĂŒnder

     der Frohen Botschaft bei den verschlossenen

     Menschen wenig Beachtung

Durch dieses Land geleiteten seine Freunde

     Athanasius und Theodorus den Leichnam

     ihres Herrn ĂŒber holprige Wege – gezogen

     wurde der Holzkarren mit ScheibenrĂ€dern

     von gezĂ€hmten Stieren

Aus diesem Land erstand der Apostel unter

     einem funkelnden Stern zu neuem Leben

Zu diesem Land fĂŒhren die Wege der LĂ€nder

     und vereinen sich am geöffneten Grab

     im Zeichen der Muschel

 

27/9/83  MELLID 13.30 Uhr

 

Sitzen in einer Kaffee-Bar zur Mittagspause; durch ein uriges, altes Dorf gekommen: Lebureiro mit einer alten romanischen Kirche; sehr schön gestaltetes Portal: ein wenig rustikal und herb, aber sehr aussagekrĂ€ftig: eine thronende Madonna mit dem Kind auf dem Schoß, rechts und links anbetende Engel; auf dem Friedhof hatte gerade eine Beerdigung stattgefunden; die Nische mit dem Sarg wurde gerade vermauert; viele Leute waren dabei, machten einen ernsten, aber gar nicht so traurigen Eindruck – mehr so, als ob der Tod zum Leben dazu gehört. – Auf unserem Weg werden wir ĂŒbrigens oft mit dem Tod konfrontiert: Es fing in Frankreich in Pons an: die alten SteinsĂ€rge fĂŒr die verstorbenen Pilger; dann die vielen Friedhöfe als Mahnmale des VergĂ€nglichen (oft fĂŒr uns als Wegzeichen und Orientierungspunkte; schön auch der Spruch am Eingangsportal des Friedhofs von Los Arcos: „Ich war, was du jetzt bist; du wirst sein, was ich jetzt bin“); dann die Friedhöfe hier mit den typisch galicischen Friedhofskirchen: eine Giebel-Fassade, ein oder zwei Mal durchbrochen fĂŒr die Glocke, einige Spitzen oder TĂŒrmchen zur Verzierung; dann die alten Pilger-GrĂ€ber, ĂŒber die heute achtlos und pietĂ€tlos jeder rumlĂ€uft – Leben und Tod gehören hier viel selbstverstĂ€ndlicher zusammen; werden nicht so kĂŒnstlich getrennt wie in unserer Über-Zivilisation
- Hinter Lebureiro wieder eine schöne alte BrĂŒcke, ebenso wie in Furelos – BrĂŒcken gehören inzwischen zum Pilger-Standartprogramm: sicherlich wird insgesamt schon ein ganzer BrĂŒcken-Film belichtet sein – Jetzt kommt das Kotelett und der gemischte Salat – Guten Appetit!

 

27/9/83  Kilometerstein 573 (ca. 3 Kilometer vor ARZUA) 18.45 Uhr

 

Von den vielen BĂ€umen in Galicien mĂŒssen noch zwei besonders erwĂ€hnt werden: die tief-dunkel-grĂŒnen Eßkastanien-BĂ€ume mit ihren gezackten lanzett-förmigen BlĂ€ttern und ihren hell-grĂŒn schimmernden FrĂŒchten – und die grau-braun-silbern schimmernden Eukalyptus-BĂ€ume mit ihren sichelförmigen BlĂ€ttern (die unzĂ€hlig vertrocknet am Boden liegen) und ihren lang gezogenen glatten StĂ€mmen; dazu der unverwechselbare Duft, den diese WĂ€lder verbreiten; besonders toll die kleinen, jungen StrĂ€ucher-BĂ€umchen, die besonders grĂŒn-blau-silbern die Landschaft verschönern – ein tolles Land, besonders (wie jetzt) im Schein der untergehenden Sonne – eine Orgie in GrĂŒn-Grau-Silbern, ein wenig neblig verschleiert!

 

27/9/83  ARZUA 20.30 Uhr

 

Mit Einbruch der Dunkelheit sind wir hier angekommen; in einem netten, kleinen Hotel untergekommen; zusammen mit Denis, der uns fast den ganzen Tag begleitet hat und der sich trotz seiner kaputten FĂŒĂŸe bis Santiago schleppt –

Es ist jetzt schon ein ganz merkwĂŒrdiges GefĂŒhl: Da sind wir ĂŒber vier Wochen gelaufen, von Zwischenetappe zu Zwischenetappe und nun ist es der letzte Abend vor dem großen Ziel: Morgen abend sind wir in Santiago; alle MĂŒhen, alle Erwartungen, alle Vorfreuden haben dann ein Ende! Es ist fast ein wenig unfaßbar und unglaublich, nun den Vorabend des Zieles erreicht zu haben! Unfaßbar, aber schön!

 

28/9/83  SAN ANTON 13.30 Uhr

 

Der himmlische Rundfunk, Regionalprogramm Compostela meldet heute: Hohes Pilgeraufkommen zwischen Arzua und Santiago de Compostela: In einer Prozession von insgesamt 12 Personen laufen wir seit heute morgen 7 Uhr (seit Arzua) bis Santiago, das wir hoffentlich vor Einbruch der Dunkelheit erreichen; es laufen: die drei Schweizer, Denis, Luze, Monsieur George und wir sechs! Manchmal ein wenig mĂŒhsam, mit so vielen den richtigen Weg zu finden, die Pausen festzulegen, die PausenlĂ€ngen zu bestimmen – unsere Anzahl von sechs Personen scheint wohl doch das oberste Limit zu sein, um den Weg sinnvoll und zĂŒgig laufen zu können; meist sind wir heute den alten Camino gelaufen (auch wenn er manchmal ein wenig mĂŒhsam zu finden war): wieder auf schattigen Wegen, hĂ€ufig gesĂ€umt von den hohen, schlanken, rindenlosen Eukalyptus-BĂ€umen: wie in einem tropischen Urwald oder (nach Monsieur George) wie in einer Kathedrale mit ihren schlanken, himmelstrebenden Pfeilern: Augen und Nasen kommen jedenfalls voll auf ihre Kosten –

Gestern abend (nach dem Frisch-Machen) waren wir noch einfach und gut essen: Suppe, Fleisch, Pommes, KĂ€se (sehr lecker!), Bier, Cognac, Kaffee – dann wieder tot-mĂŒde ins Bett gefallen, um fit fĂŒr das Wecken um 6.15 Uhr zu sein –

Es ist schon ein komisches GefĂŒhl, den letzten Tag zu laufen: eine Mischung von Trauer und Freude; Trauer, weil nun das mehrwöchige, stĂ€ndige Unterwegssein mit den vielen Überraschungen und Erlebnissen zu Ende ist; Freude, weil es nun bald (in ca. 15 Kilometern!) geschafft ist: das Ziel erreicht, den Camino geschafft, sich „Pilger“ (im eigentlichen Sinne des Wortes – nach Dante) nennen zu dĂŒrfen! Auf! Ultreia! Der heilige Jakobus, den Gott geschickt hat („Dominus me misit“ werden wir gleich auf der Schriftrolle des Heiligen an der MittelsĂ€ule des Portico de la Gloria lesen) wartet auf uns, um uns in die Arme zu schließen (vgl. 22/9!)!

 

28/9/83  SANTIAGO DE COMPOSTELA  21 Uhr

 

Sitze im 2-Sterne-Hotel auf dem Bett und habe nur den einen Gedanken: Angekommen! Nach 4 Âœ Wochen und ca. 800 Kilometern endlich da! Kamen mit Einbruch der Dunkelheit hier an; direkt in die Kathedrale zum ersten Gebet beim Apostel (leider zu viel Getöse und Unruhe durch eine Kongreß-Teilnehmer-Gruppe); dann (bei Orgelmusik und völlig erleuchtetem Hochchor!) zur MittelsĂ€ule am Eingangsportal: die HĂ€nde in die SĂ€ule gelegt und den persönlichen Wunsch dem Heiligen ans Herz gelegt; auch eine Kopfnuß beim Meister Mateo geholt: der Glaube muß konkret, greifbar und spĂŒrbar sein! Sonst ist er nur ein hohles Gedankengebilde –

Mit allen 12 Pilger-Prozessionsteilnehmern zogen wir vorher mit vielen GesĂ€ngen (Halleluja; Herr, deine Liebe; Laudate
; Lobet und preiset
; FrĂšre Jacques
; Danket, danket dem Herrn
) auf den Monte del Gozo, den Berg der Freude: das war wirklich ein erhebender und ergreifender Augenblick: in der Ferne (hinter einem hĂ€ĂŸlichen Neubau) die TĂŒrme der Kathedrale sehen zu können (nur erhebt sich fĂŒr mich die Frage: Was haben eigentlich die Pilger im Mittelalter gesehen, als die TĂŒrme noch nicht vollendet waren? Vielleicht ist solch eine rationalistische Frage aber auch angesichts der GrĂ¶ĂŸe des Augenblicks völlig deplaziert!). Allerdings schwand das Erhebende und Ergreifende auch wieder mit den lang und endlos und unschön dahinziehenden Straßen hinein in die Stadt – mit ihrem Verkehr, ihrem Dreck, ihrem LĂ€rm: warum muß man sich zum Zentrum der StĂ€dte erst immer so durchschlagen und durchkĂ€mpfen: erst durch den Morast zur Schönheit!

 

MONTE DEL GOZO

 

Kurz vorher wurden die Schritte lÀnger,

     einige liefen

Die Schmerzen an FĂŒĂŸen und Gliedern waren

     fĂŒr Augenblicke vergessen

Jeder wollte der rei oder rey, der roi

     oder re, der king oder König seiner

     Pilgergruppe werden

Der Titel des ersten wurde zum Namen fĂŒr

     Generationen

Auch die letzten weinten vor Freude

Am Horizont weisen winzige Hörner zum

     Himmel

Vor der untergehenden Sonne sind sie die

     ersten erkennbaren Zeichen vom Haus

     des Apostels

Mit vielen Gebeten und GesÀngen danken

     alle Pilger ihrem Herrn

Was fĂŒr Mose unerfĂŒllte Hoffnung blieb,

     ist fĂŒr sie nahe Gewißheit:

Der Schritt ĂŒber die Schwelle des Heiligtums

Die letzten Meter trÀgt und zieht sie der

     Gesandte des Herrn

 

29/9/83  SANTIAGO DE COMPOSTELA  10 Uhr

 

Sitze hier in der Rua del Villar, der alt-ehrwĂŒrdigen GeschĂ€ftsstraße bei Kaffee und Pilgertorte zum FrĂŒhstĂŒck im Ausgehanzug - MerkwĂŒrdiges GefĂŒhl, sitzen zu können, ohne daß es gleich weitergeht; ohne Rucksack und Wanderschuhe; ohne Streß; aber auch ohne Ziel! Angekommen! Einfach nur da sein, da sitzen, sich ausruhen, auf sich wirken lassen, entspannen, es sich gemĂŒtlich machen, bummeln, Schaufenster gucken, Kaffee trinken – ohne Streß, ohne Hektik, ohne Weiter! –

Gestern abend waren wir erst essen (Artischocken mit Schinken, HĂŒhnchen mit Knoblauch, Bier, Cognac), danach haben wir uns mit den anderen Pilgern um 23 Uhr vor der Kathedrale getroffen: dĂŒster und mĂ€chtig, aber erhaben und hoheitsvoll lag sie da; dann noch zusammen Kaffee-Schokolade-Bier trinken gegangen, dazu eine Pilgertorte verspiesen: merkwĂŒrdig, welche Verbundenheit aufkommen kann zwischen Menschen, die sich vorher nie gekannt haben, dann aber einen gemeinsamen Weg gehen und ein gemeinsames Ziel anstreben! – Heute morgen ist es ĂŒbrigens etwas grau, trist und kĂŒhl hier!

 

SANTIAGO DE COMPOSTELA

 

Peregrino, todos los caminos del mundo

     llegan a Compostela

Angekommen!

Jeder ist erfĂŒllt von Freude und Trauer

Wißt ihr nicht, daß ich dort sein muß,

     wo mein Freund ist?

Du, empfiehl mich bei Gott!

Der Apostel lÀchelt still und nickt

 

29/9/83  SANTIAGO DE COMPOSTELA  19.30 Uhr

 

Sitzen zusammen in einer Bar und trinken Kaffee und Cognac – Heute ein richtiger Gammel- und Bummel-Tag: Einkaufen: Camino-Karte, Weihrauch, spanisches Neues Testament, Postkarten, Muscheln, Musik-Kassetten, Bier-Pott (als Pilger), Film
Viel Geld ausgegeben, wieder einiges umgewechselt – Dann essen: Galicische Suppe, Nierchen, Wein – Dann Mittagsschlaf – Dann Besichtigung der Kathedrale: Innen (dabei am Heiligen im Chor vorbeidefiliert, ihm die Hand auf die Schulter geklopft und ihm zugeflĂŒstert: „Bleib so, wie Du bist, alter Kumpel!“), Kreuzgang, Museum – Dann Herradura-Park (wieder mit herrlichem Blick auf die Kathedrale, die von hier viel grĂ¶ĂŸer und bombastischer wirkt, als wenn man davor oder drinnen steht; ĂŒbrigens, wenn man es weiß, entdeckt man doch viel mehr Romanisches in und an der Kathedrale, als auf den ersten Blick zu vermuten ist!) – Dann Bar – Dann (hoffentlich bald!) Abendessen – Dann (gegen 22 Uhr) Treffen mit den anderen Teilnehmern der Pilger-Prozession – Dann wieder Bett! Morgen soll wieder ein Gammel-Tag sein (der ursprĂŒngliche Plan, nach Finisterre zu fahren, wurde fallengelassen: erst muß die Compostelana besorgt werden und außerdem ist Ruhe wichtiger!) – Übrigens: heute hat es auch mal tropfenweise geregnet; es wird galicisch!

 

PORTICO DE LA GLORIA 1988

 

Bescheiden kĂŒndet der TĂŒrsturz vom großen

     JubilĂ€um – vor genau achthundert Jahren

     vollendete Mateo dieses Prachtwerk

Der Meister selbst hockt zu FĂŒĂŸen seines

     Herrlichkeitsportals

Er nimmt es nicht selbstgenĂŒgsam in den Blick,

     sondern schaut auf den, zu dessen Ehre

     er arbeitete

Er duldet es, ab und zu einen Funken seines

     Genies zu verschenken

Hoch ĂŒber ihm richtet in GĂŒte der Allgewaltige

     die Menschen

Engel tragen die Werkzeuge seines Erlösertodes

„Solo dios basta“ kĂŒnden ihre Gesichter

Das himmlische Orchester spielt dazu seine

     eigenartigen nĂ€selnden und schrillen Weisen

Darunter tÀnzeln links und rechts die Propheten

     des Alten und die Apostel des Neuen Bundes

Der Ernst des Geschehens weckt die Heiterkeit

     ihres Inneren

An der MittelsÀule thront der Apostel am

     Stammplatz seines Herrn und dessen Mutter

Er aber weiß: Mein Herr hat mich gesandt

Dieser Auftrag gilt auch mir persönlich

Still lege ich meine fĂŒnf Finger in die

     uralten Löcher

 

30/9/83  SANTIAGO DE COMPOSTELA  17 Uhr

 

Sitze in der Kathedrale: den Heiligen im Chor vor mir, den Heiligen am Portico de la Gloria hinter mir; durch diesen Portico fĂ€llt schönes Licht, das die Kathedrale im hinteren Teil gut erleuchtet; dadurch werden die romanischen Elemente gut ins Licht gesetzt: eine ruhige und erhabene GrĂ¶ĂŸe geht von diesem Granit aus; selbst die barocken Zutaten können da wenig eingreifen und stören kaum; schön, wie sich die Pilaster von unten nach oben durchziehen (abgesetzt durch zwei unscheinbare Konsolen), um dann mit einem Kapitell in die Gurtbögen ĂŒberzugehen; sehr geschlossen, einheitlich und verbindend wirkt dadurch das Mittelschiff: fĂŒr eine romanische Kirche sehr hoch und hell! –

Heute morgen haben wir uns nach dem Ausschlafen (das Abendprogramm verlief so, wie gestern angedeutet; die GetrĂ€nke wurden vom Namenstagskind Helge bezahlt) um 9.30 Uhr in der Kathedrale getroffen; an einem Festgottesdienst zu Ehren des hl. Hieronymus teilgenommen; dann zum SekretĂ€r ins Sekretariat im Kreuzgang; und dann die feierliche Handlung: Schlußsiegel auf unser Dokument, Siegel und Unterschrift in unsere TagebĂŒcher und dann Ausstellen der Compostelana, dem Zeugnis ĂŒber den erfolgreichen Abschluß der Fußwallfahrt nach Compostela; jetzt dĂŒrfen wir uns endlich „Pilger“ nennen!; die Compostelana erscheint fast wie ein Weihedokument: ganz in lateinischer Sprache und wieder (wie auf meiner Urkunde zur Priesterweihe) das Kurt in Conradus umgesetzt! Mit einer Fotokopie dieses Dokumentes zum Hotel Reyes Catolicos; dort fĂŒr 12 Uhr zum Mittagessen bestellt; nach Einkauf der Eisenbahnfahrkarten dann zum Mittagessen gehetzt; und schließlich saßen wir nach vielen TĂŒren, Treppen, GĂ€ngen, AufzĂŒgen, durch Garage, KĂŒche und SpĂŒlrĂ€ume im Eß-Zimmer der Hotel-Bedienung bei Kohlsuppe, Fritten, Frikadelle, Brot, Wein und Banane; als Pilger im HinterstĂŒbchen des ersten Hotels am Platz: ein Erlebnis sehr eigenwilliger Art! Nach einem Verdauungstrunk ging es dann zum wohlverdienten Mittagsschlaf – und dann Bummel durch die Stadt und Kathedrale; um 18 Uhr wollen wir uns treffen zum Aperitif und anschließendem Abendessen: wo? NatĂŒrlich gibt sich Reyes Catolicos wieder die Ehre, uns zu bewirten! –

Indem ich all dies schreibe, blickt mich der Heilige im Hochchor unentwegt an, so als wolle er sagen: Du hast es gut, Du kannst gleich wieder gehen – und ich? Ich muß hier sitzen bleiben, muß mich von dem Gold- und Silber-Barock-Getöse einengen lassen, muß mich von diesem schweren metallenen Umhang endlos bedrĂŒcken lassen, muß mich pausenlos anfassen und umarmen lassen, muß mir die zahllosen WĂŒnsche, Anliegen, Beschwerden anhören und mir merken – und muß bei all dem noch WĂŒrde und Haltung bewahren, da es aus dem gleißenden Strahl des Punktstrahlers kein Entweichen gibt! (Da hatte ich es in frĂŒheren Jahrhunderten schon einfacher, als es solche technischen Festnageler noch nicht gab: da konnte ich mich schon mal ein wenig entspannen, rĂ€keln und bequem hinsetzen) – Na ja: ein Heiliger hat es eben nicht ganz leicht – vielleicht gibt es deshalb so viele, die lieber nur kommen und betrachten und anpacken (und manchmal sogar noch beten!); und vielleicht gibt es deshalb so wenige, die versuchen, die Berufung zur Heiligkeit fĂŒr sich selbst zu realisieren?!

 

DAVID

 

Ganz alleine sitzt er da – nur die

     durchbrochene Krone kĂŒndet von seiner

     KönigswĂŒrde

Abseits von Macht und Menschenverachtung

     streicht er seine Fiedel und lauscht

     versunken seinen LebensklĂ€ngen

Mißtöne sind darunter – die Namen

     Batseba und Urija steigen in ihm auf

Auch die Geschichte mit Goliat sieht er

     jetzt in einem anderen Licht

Die WohlklÀnge seines Lebens haben ihn

     bekannt gemacht

Seine Lieder werden noch heute angestimmt

O Gott, mein Herz ist bereit, ich will

     dir singen und spielen

Unter seinen verschrÀnkten Beinen windet

     sich ein kleiner, gebundener DĂ€mon

Die Macht der Musik hÀlt alles Böse und

     Unheil vom Haus des Apostels fern

Von drinnen dringen manchmal durch die

     dicken Mauern geheimnisvolle Worte

Ein neuer König und ein neuer David

     wird verkĂŒndet

All das versteht er nicht, aber er hört

     genau hin

Vielleicht ist es auch fĂŒr ihn wichtig

 

1/10/83  SANTIAGO DE COMPOSTELA  13.30 Uhr

 

Die letzten Stunden in Santiago sind angebrochen: um 16.30 Uhr fahren wir von hier mit der Eisenbahn ab; jetzt sitzen wir noch hier (wieder in der Bar in der Rua del Villar) bei Bier und Cherry und genießen die letzten EindrĂŒcke im sonnenbeschienenen Santiago (die Regentropfen am 29/9 blieben ein isoliertes Ereignis; nun haben wir doch Compostela nicht im Regen erlebt, wie Domke es immer anrĂ€t; aber es hat uns auch so sehr gefallen) – Heute sind wir nun schon fĂŒnf Wochen unterwegs! Wie die Zeit vergeht! Und wie viele EindrĂŒcke, Erlebnisse, Begebenheiten, Begegnungen, Erfahrungen, Gedanken, GefĂŒhle
liegen hinter uns! Es wird Wochen, Monate, Jahre, vielleicht das ganze Leben dauern, um all das zu verarbeiten, zu verdauen und zu realisieren; aber schon jetzt kann ich sagen: das war nicht nur ein Urlaub, sondern eine tiefgreifende Erfahrung! –

Gestern abend wieder im Reyes Catolicos: wieder Kichererbsen-Suppe, Fritten und Frikadelle, dazu Wein und Brot; anschließend wieder in die Bar hier in der Rua del Villar zum Kaffee, Cognac, Bier, Cherry und zur Pilgertorte (ein sehr leckeres, nicht zu sĂŒĂŸes GebĂ€ck!); heute morgen um 8 Uhr aufgestanden, Kaffee getrunken, 9.30 Uhr Messe in der Kathedrale zu Ehren der kleinen Therese, dann Bummeln und Einkaufen in der Stadt, dann wieder zum Mittagessen in unser Nobel-Hotel (Nudeln mit Fleisch: einfach, gut und reichlich!); und jetzt: Abschiedsstimmung! (die letzten Karten werden geschrieben: an Pablo Payo in Villalcazar de Sirga und an Weihbischof Luthe; gestern haben wir schon den anderen gedankt: dem Pfarrer in Carrion de los Condes, Juan Antonio, Javier Navarro – wir sind doch angekommen! Die sechs „langsamen“ Deutschen – und Prada a Tope)

 

BOTAFUMEIRO

 

Der dich, o Jungfrau, in den Himmel

     aufgenommen hat

Die große Sichel des Mondes enthebt die

     apokalyptische Frau dem Irdischen

Dem nÀchtlichen Lebenszeichen verwandt,

     schwingt im weiten Halbbogen das

     silberne Faß durch das Querschiff

     und berĂŒhrt fast die uralten Gurtbögen

Nach oben gerichtete Blicke, staunendes

     Murmeln und zuckende Blitze begleiten

     das verzehrende Feuer und

     den heiligen Rauch

Alle VerwesungsgerĂŒche verwehen

Menschenfreundlicher Glaube dringt tief

     in die Nasen

Herr, wie Weihrauch steige mein Beten

     auf zu Dir!

 

1/10/83  im Zug von SANTIAGO nach ORENSE  16.45 Uhr

 

Übrigens Dankbarkeit! Auch diese Eigenschaft kann auf solch einer Tour wieder neu entdeckt und gelernt werden; dankbar sein fĂŒr die kleinen Dinge und Erfahrungen: Viel war es nicht, was wir von den Menschen bekommen haben, denen wir gestern und heute geschrieben haben; aber es bedeutete uns viel: ein GesprĂ€ch, ein Teller Suppe, ein Glas Wein, ein Lachen, ein Zimmer, eine Freundlichkeit; oder dankbar sein fĂŒr die Kleinigkeiten „am Weg“: fĂŒr die Natur, die Sonne, das Wasser, den Wind (Was haben wir fĂŒr ein GlĂŒck mit dem Wetter gehabt!); oder dankbar sein fĂŒr die Menschen „am Weg“, die uns unbekannt blieben: die vielen, die grĂŒĂŸten; die vielen, die den Weg wiesen (wenn auch manchmal mehr mit gutem Willen als mit Kenntnissen); die vielen, die uns in Bars und Restaurants bedienten; oder dankbar sein fĂŒr die Menschen, die den Weg mitgestaltet haben: angefangen von denen, die die gelben Pfeile lĂ€ngs des Weges gemalt haben zur Orientierung bis hin zu denen, die Kathedralen, Klöster, Kreuze und Herbergen geschaffen haben; oder dankbar sein fĂŒr die, die den Weg mitgehen: die Gruppe: fĂŒr manch gutes GesprĂ€ch, fĂŒr manche Hilfeleistung, fĂŒr manche RĂŒcksichtnahme, fĂŒr manche Freundlichkeit, fĂŒr manch frohmachende Worte und Zeichen, fĂŒr manch aufbauende und tröstende Worte; oder fĂŒr die, die ein StĂŒck des Weges mitgehen: neue Erfahrungen und Meinungen, neue Impulse und Anregungen, neues Unvermutetes und MerkwĂŒrdiges – zufĂ€llig, aber bereichernd; und noch ein Dank: dem Apostel Jakobus, der uns geleitet und gefĂŒhrt und sicher ans Ziel gebracht hat (zumindest als mit-motivierende und mit-treibende Kraft)! Danke!

 

FINISTERRE

 

Das Ende der Erde – der Anfang des Himmels

Der Abschluß des Pilgerweges – der Eintritt

     in eine neue Welt

Die Grenze der eigenen Leistung – das

     Geschenk der göttlichen Gnade

Vor dieser Horizontlinie standen staunend

     die JacobsbrĂŒder

Vor dieser Horizontlinie stehen lÀrmend

     die aufgeklĂ€rten Postmodernen

FĂŒr sie gibt es keine Grenzen, Schranken

     oder Endpunkte

Sie drehen sich lieber stÀndig im Kreis

 

WIEDER ZU HAUSE

 

Worte von Wohlmeinenden – Gedanken aus einem wehmĂŒtigen Pilgerherzen


Froh, wieder daheim zu sein? – Ja, aber auch ein wenig traurig


Nun beginnt wieder der graue Alltag – Ja, aber etwas heller


Das Leben geht weiter – Ja, aber leicht verĂ€ndert


Dank Euch, Mit-Pilgerinnen und Mit-Pilger!

Dank Dir, Herru Sanctiagu!

Dank sei Gott, dem Herrn!

Ja, ich komme bald!

Ultreia!

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