(aus: Die Kalebasse, Nr. 20, 1996, S. 15-29)

 

Von Le Puy nach Conques

Tagebuch einer Pilgerwanderung (6.-17. 7. 1996)

Von Heinrich Wipper

 

Im Mai dieses Jahres fassten wir, das sind Ursula, meine Tochter Lisa und der Verfasser dieser Zeilen, den Entschluss, das erste StĂŒck der „Via Podiensis“ von Le Puy bis Conques zu erwandern, also den Spuren der Jakobspilger im französischen Zentralmassiv zu folgen. Wir nahmen uns vor, die Pilgerwanderung in kleinen Tagesetappen als reine Rucksackwanderung, ohne Begleitauto, durchzufĂŒhren und in Wander- oder Pilgerherbergen zu ĂŒbernachten, wann immer das möglich ist. Zu den UnwĂ€gbarkeiten, die in der Natur einer solchen Unternehmung liegen, kam noch die Ungewissheit, wie sich dabei meine 12jĂ€hrige Tochter, die bislang noch keine Streckenwanderung von dieser LĂ€nge unternommen hatte, fĂŒhlen wĂŒrde. Könnte sie etwa schon nach ein paar Wandertagen ihren Entschluss bereuen?

Zum ersten Mal bin ich im Sommer 1979 mit einer kleinen Pilgergruppe von Le Puy nach Conques gewandert. Zu dieser Gruppe gehörte auch Frau Christa BrĂŒcker, die in diesem Jahr fĂŒr immer von uns gegangen ist. Im Anschluss an diese Pilgerwanderung wurde in DĂŒsseldorf die „Sankt-Jakobusbruderschaft“ gegrĂŒndet.

FĂŒr mich war die Frage von Bedeutung, ob die Wege noch so verlaufen, wie ich sie in meinem 1992 erschienenen Wanderbuch beschrieben habe. Um es vorweg zu sagen: Im großen und ganzen blieb der Weg bestehen. Nur zwei Änderungen sind erwĂ€hnenswert. (1.) Hinter Le Puy verlĂ€uft der Hauptweg zwischen La Roche und Ramourouscle nicht mehr ĂŒber Augeac, sondern ĂŒber Saint-Christophe-sur-Dolaison. (2.) Hinter Espeyrac fĂŒhrt der Wanderweg nicht mehr ĂŒber Taulan, sondern ĂŒber SĂ©nergues in die NĂ€he von Garbuech. Dagegen hat sich in der Liste der Hotels und Wanderherbergen mehr verĂ€ndert. Mitglieder können eine Neufassung, die hier aus PlatzgrĂŒnden nicht veröffentlicht werden kann, gegen Einsendung von DM 2,00 in Briefmarken anfordern.

Im nachfolgenden Bericht habe ich gĂ€nzlich auf die Schilderung kunstgeschichtlicher und anderer SehenswĂŒrdigkeiten verzichtet, dagegen großen Wert auf praktische Fragen des Wanderalltags (z.B. der Zustand der Wander- und Pilgerherbergen) gelegt. Unsere Begegnungen mit Bewohnern des Landes und mit den Mitpilgern schienen mir ebenfalls immer ein paar Zeilen wert. Hie und da bin ich auch auf unsere Befindlichkeit eingegangen. Auch Erinnerungen an frĂŒhere Aufenthalte flossen gelegentlich ein. Der Bericht stĂŒtzt sich auf meine Tagebuchaufzeichnungen, die meist so belassen wurden, wie ich sie wĂ€hrend der Wanderung niedergeschrieben habe. Bei einer stilisti[15]schen oder zensierenden Nachbearbeitung hĂ€tte die Gefahr bestanden, den Eindruck des frisch Erlebten zu verwischen.

Ankunft in Le Puy

Nach einer Fahrt von ca. 1000 km kommen wir am frĂŒhen Abend in Le Puy an. Die Kathedrale, die Michaelskapelle auf der steilen Felsnadel und die monumentale Marienstatue auf dem Rocher Corneille leuchten in der Abendsonne. 1975 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt, Ausgangspunkt einer der vier traditionellen Jakobswege in Frankreich. Um diese Zeit wurde die „Via podiensis“, also der Jakobsweg von Le Puy aus, als Wanderweg wiederhergestellt.

Die Kathedrale wird gerade einer grĂŒndlichen Restaurierung unterzogen. Zu diesem Zweck wurde die gesamte Ausstattung aus dem Innern entfernt. Im Gegensatz zu frĂŒheren Jahren treffe ich in der Kirche niemanden an, keinen Besucher noch einen der Geistlichen, die hier den Gottesdienst besorgen.

Dagegen ist die Pilgerherberge Maison Saint-Francois, einige Schritte hinter der Kathedrale gelegen, voller Leben. Bei diesem Haus handelt es sich um ein altes GebĂ€ude, das in mehreren Stockwerken in den Hang des Rocher Corneille gebaut wurde. Das ganze Jahr ĂŒber werden hier schwer vermittelbare junge Frauen in Hauswirtschaft unterrichtet. In den Sommermonaten bewohnen ein paar ehrenamtliche Helfer das Haus, um bei der Betreuung der Pilger mit anzupacken. Die GĂ€ste können in Einzel-, Doppel- und Dreibettzimmer ĂŒbernachten. Nach rechtzeitiger Anmeldung besteht auch die Möglichkeit, am Mittag- und Abendessen (um 12.00 bzw. 19.00 Uhr) der Hausgemeinschaft teilzunehmen. Dagegen macht sich jeder Gast selbst sein FrĂŒhstĂŒck in der GĂ€stekĂŒche. Brot, Brotaufstrich, Kaffeepulver und Teebeutel stehen zur VerfĂŒgung. Bei alledem sind die Preise moderat. Anfangs haben wir Schwierigkeiten, uns in diesem verwinkelten Haus zurechtzufinden, bis wir auf die Idee kommen, uns am Treppenturm zu orientieren, von dem TĂŒren zum Eingang, Esszimmer, zur GĂ€stekĂŒche, zu den Duschen und Schlafzimmern fĂŒhren. Lisa kann vom Fenster ihres Zimmers hinauf zur großen Statue „Notre Dame de la France“ sehen. Auf den anderen Seite des GebĂ€udes blicken wir fasziniert auf die ZiegeldĂ€cher von Le Puy. Nach der Abendmahlzeit setzen wir uns in den arkadengesĂ€umten Innenhof des Hauses, wo Ursula und ich mit ein paar Mitpilgern unser letztes, noch vom Rheinland mitgebrachtes Bier trinken.

6. 7. 1996 Samstag: Le Puy - Montbonnet

Zum FrĂŒhstĂŒck bereite ich mir filtrierten Kaffee, den einzigen Luxus, den ich mir wĂ€hrend der Pilgerwanderung gönnen möchte. Obwohl es in der Nacht geregnet hat, setzen wir uns an einen Steintisch im Kreuzgarten des ehemaligen Klosters. Danach versuchen wir, in die Messe zu gehen, aber niemand kann uns sagen, wann und wo, [16] auch nicht die Verantwortlichen der Maison Saint-Francois. So ziehen wir ohne den gewĂŒnschten Pilgersegen los.

Auf der Place du Plot findet gerade ein Markt statt. WĂ€hrend Ursula und Lisa die StĂ€nde betrachten, fotografiere ich die hölzerne Jakobusstatue am Beginn der Rue Saint-Jacques. Daneben preist ein (obdachloser ?) Mann die Zeitschrift „Sans logis“ an, in der ĂŒber die Probleme der Obdachlosen berichtet wird. Auf der Rue de Compostelle steigen wir von Le Puy auf die VulkanhochflĂ€che des Velay hinauf. WĂ€hrend des Aufstiegs sehen wir eine Frau aus Brauweiler, die an diesem Tag ebenfalls ihre Wanderung auf der „Via podiensis“ beginnt, und werden von einer Wandergruppe aus Paderborn ĂŒberholt. Von La Roche, dem ersten Dorf auf unserem Weg, sind Ursula und Lisa begeistert und machen eine Reihe von Fotos. Lisa hört erst auf zu fotografieren, als ich ihr sage, dass wir auf unserer Wanderung durch mindestens 30 solche Dörfer kommen werden. In Saint-Christophe, wo wir neben der Kirche eine Rast in der Bar „Le Saint-Christophe“ einlegen, begegnet uns der erste französische Pilger. Wir werden ihn abends in der Wanderherberge von Montbonnet wiedersehen.

In Ramourouscle sehen wir uns kurz das baufĂ€llige  „Versammlungshauses“ (fr. assemblĂ©e) an. Ich frage mich, warum eine solche Gemeinschaftseinrichtung, die frĂŒher im Leben des Dorfes eine so große Rolle spielte, nicht erhalten wird. Wie gut könnte man daraus eine kleine Wanderherberge gestalten und somit den sozialen Zweck des GebĂ€udes wieder aufleben lassen. Die Rochuskapelle vor Montbonnet, im vollen Schein der Sonne gelegen, bietet sich unseren Kameras als Objekt geradezu an. Uns gelingen einige schöne Fotos.

Am Nachmittag kommen wir in Montbonnet an. Da wir kein Brot dabei haben, kehren wir in der Bar „Le Saint-Jacques“ ein. Wir verzehren Guiche Lorraine (Durchmesser 12 cm), Pizza (15 cm) und Croque Monsieur und werden davon ĂŒberhaupt nicht satt. Am Eingangstor der Wanderherberge sehen wir zwei Frauen, die wir an den folgenden Tagen noch öfters treffen werden. Obwohl noch alle PlĂ€tze in der Wanderherberge frei sind, schlagen sie im Vorplatz ihr Zelt auf. Sie stammen aus dem Norden Frankreichs und haben ihre Wallfahrt mit dem Rad in Aachen begonnen. Nur das StĂŒck von Le Puy bis Conques machen sie zu Fuß. Gottseidank können wir beim Betreuer der Wanderherberge ein großes Stangenbrot, eine sog. „flute“ und guten Wein kaufen. Er zĂŒchtet im Garten neben der Wanderherberge Weinbergschnecken (escargots bourguignons). Am Abend sehen wir den französischen Pilger wieder, den wir in Saint-Christophe getroffen haben. Er unterrichtet an der UniversitĂ€t von Saint-Etienne Pharmareferenten. Er ist sehr ĂŒberrascht, als ich ihm berichte, dass ich in dieser Stadt im französischen Zentralmassiv ein Jahr gelebt habe. Er erzĂ€hlt von seiner Tochter Anne-Sophie, die ungefĂ€hr so alt wie Lisa ist. Am Kaminfeuer singen wir zusammen französische Volkslieder. [17]

7. 7. 1996 Sonntag: Montbonnet - Monistrol d’Allier

Zum FrĂŒhstĂŒck gibt es nur Kirschen. Wir starten bei Regen, der den ganzen Tag ĂŒber anhĂ€lt. Es sollte aber der einzige Regentag wĂ€hrend unserer 12tĂ€gigen Wanderung bis Conques bleiben. Das Zelt der beiden französischen Frauen ist schon völlig durchnĂ€sst. Wegen dichten Nebels finden wir kaum den Weg durch das Hochmoor des „Lac de l’Oeuf“. Am SĂŒdhang des Vulkanzuges, vor  und hinter Le Chier, vermisse ich die Blumenpracht, die mir aus frĂŒheren Pilgerwanderungen in Erinnerung blieb. Als wir gegen Mittag Saint-Privat-d’Allier erreichen, sieht Lisa an einer Metzgerei HĂ€hnchen am Grill. Wir kaufen eines und verspeisen es im ĂŒberdachten Treppenaufgang der heute geschlossenen Post. So gestĂ€rkt verlassen wir den Ort und steigen zur Burgruine von Rochegude hinauf. Laut bellende Hunde bewachen das Haus, in dem man den SchlĂŒssel zur Jakobuskapelle bekommt. Hier beginnt der befĂŒrchtete Abstieg ins Tal des Allier. Wegen des starken Regens kommen wir auf rutschigem Boden und Fels nur langsam voran. BĂŒsche laden die Last des Wassers auf uns ab. Leider erweist sich mein Regenumhang nicht als wasserdicht. Vor Pratclaux verlassen wir den markierten Wanderweg und nehmen eine Straße, um zum heutigen Tagesziel unten im Tal des Allier zu gelangen.

Die Wanderherberge von Monistrol d’Allier befindet sich im letzten, hellen Haus an der D 589 in Richtung Le Puy. Eine Frau, die, so oft wie wir sie sehen, ein einjĂ€hriges, ziemlich apathisch wirkendes Kind auf dem Arm trĂ€gt, weist uns ein Vier-Bett-Zimmer zu. Die Herberge ist primitiv ausgestattet. In der KĂŒche gibt es nur einen Topf zum Wasser kochen. Wegen des Regens ist die Herberge fast ganz belegt. Immerhin können wir in unserem Zimmer die durchnĂ€ssten Kleider und Schuhe auf der Heizung trocknen. Im strömenden Regen gehe ich zurĂŒck in den Ort, um an diesem Sonntagnachmittag nach Lebensmitteln und GetrĂ€nken Ausschau zu halten. Zum GlĂŒck ist die BĂ€ckerei am anderen Ufer des Allier noch geöffnet und hat noch Brot sowie KĂ€se und GetrĂ€nke.

8. 7. 1996 Montag: Monistrol - Saugues

Am Morgen sieht es so aus, als wolle es weiter regnen. Mit Sorge sehen wir deshalb dem steilen Anstieg vom Alliertal auf das Plateau des Margeride-Berglandes entgegen. Aber dann klĂ€rt sich wĂ€hrend des Aufstiegs der Himmel auf, und die Sonne vertreibt sehr schnell die letzten Nebelschwaden in Berg und Tal. Gut gelaunt kommen wir zur Magdalenen-Kapelle unter einem Fels. In Escluzels erzĂ€hlt mir eine Frau, dass es hier kaum noch dauerhafte Einwohner gibt. Immerhin habe hier ein englischer Maler ein Haus gekauft. Aber auch er komme nur im Sommer hierher. Aus dem Dorfbrunnen sprudelt klares Wasser, das nach Aussage dieser Frau sehr wohlschmeckend ist. Oben in Montaure angekommen, kann ich die von Helmut Domke so herrlich beschriebene [18] Allier-Schlucht von hier aus nicht sehen. Aber ich weiß, es gibt sie, wie der begnadete Landschaftsdichter sie geschildert hat. Heute blĂ€st trotz Sonnenscheins ein kalter Wind ĂŒber die Margeride. An einem gottverlassenen Bauernhof, wo gerade Schafe und Ziegen ausgetrieben werden, schließt sich uns ein (herrenloser ?) Hund an. Schon bin ich nach mehreren Kilometern wegen der ungewĂŒnschten Begleitung in Sorge, als ihn andere Hunde von uns trennen.

In Rozier wird mir klar, daß wir die Vulkanlandschaft des Velay verlassen haben und wir uns jetzt im Granit-Massiv der Margeride befinden: Aus diesem Gestein sind hier HĂ€user, Mauern und der Dorfbrunnen erbaut. In Vernet begrĂŒĂŸt uns eine kinderreiche Familie, die hier gerade ihre Ferien im Haus der Eltern verbringt. Sie zeigen uns das Hausinnere mit Kamin und ehemaligen Backofen. Das daneben stehende „Versammlungshaus“ („assemblĂ©e“) wird heute als lĂ€ndliche Ferienwohnung (Gite de France) genutzt. Als wir vorbeikommen, ist es nicht belegt, und ich frage mich, wer wird wohl in dieser einsamen Gegend seinen Urlaub verbringen wollen. Ein weiteres Versammlungshaus ist gleich im nĂ€chsten Dorf, in Rognac, zu finden. Nach dem französischen WanderfĂŒhrer von Laborde-Balen soll es als SchutzhĂŒtte (abri) bei schlechter Witterung dienen können. Es ist jedoch voller GerĂŒmpel und kann kaum betreten werden. Um es zu erhalten, wĂ€re eine Renovierung dringend notwendig.

Als wir aus einem Wald heraustreten, sehen wir auf der Höhe eines Hanges zum ersten Mal Saugues, das heutige Tagesziel. Überrascht bin ich von einer großen Holzstatue am Abhang, von der ich bislang keine Kenntnis hatte. In einen Baumstamm ist die Gestalt des hl. Jakobus geschnitzt. In der Stadt besuchen wir die Medardus-Kirche und steigen auf den „Turm der EnglĂ€nder“ (Tour des Anglais). Als WĂ€chter des Turmes erkenne ich Lucien Gires wieder, der hier sein Maleratelier hat und ein Geschoss des Turmes mit großformatigen GemĂ€lden zur Geschichte Saugues ausgestattet hat. Im Altersheim „Maison de Retraite Saint-Jacques“ neben der BĂŒĂŸerkapelle suche ich, vorbei an altersverwirrten Menschen, die Statue des hl. Jakobus auf. Auf unsere Bitte singt uns eine Frau das volkstĂŒmliche Lied von den Holzschuhen von Saugues vor („Erount de Saougues mous escloos“). Wegen des ungewohnten okzitanischen Textes wollen aber Ursula und Lisa dieses Lied nicht in ihr Repertoire aufnehmen. Dann gehen wir zur stĂ€dtischen Wanderherberge im Campingplatz. KĂŒche und Gemeinschaftsraum sind - nicht ganz der Vorschrift entsprechend - von Kindern und Jugendlichen belegt, die wegen der KĂ€lte (tagsĂŒber 14°, nachts unter 10°) nicht in ihren Zelten schlafen können. An ein Schwimmen im großen See des Campingplatzes ist nicht zu denken. Nach dem Abendessen verlassen wir sofort den Gemeinschaftsraum, um der Jugendgruppe Platz zu machen. [19]

9. 7. 1996 Dienstag: Saugues - Domaine du Sauvage

Als wir am Morgen im Aufenthaltsraum der Wanderherberge das FrĂŒhstĂŒck einnehmen wollen, schlafen die Jugendlichen noch fest. Aus RĂŒcksicht verzichten wir auf eine KĂŒchenbenĂŒtzung und frĂŒhstĂŒcken in der Bar des Campingplatzes. Neben Brot, reichlich Butter und Marmelade erhalten wir nur eine kleine Tasse Kaffee. VerĂ€rgert verlasse ich die stĂ€dtische Wanderherberge. Wanderer erzĂ€hlen mir dann im Laufe des Tages, daß sie bestens in der privaten Wanderherberge von Madame Itier (zu einem Halbpensionspreis von FF 140,00) untergekommen sind. Auf der Straße ĂŒber die Seuge verlassen wir Saugues und biegen ca. 100 m hinter der BrĂŒcke links in einen Weg, der gerade einen neuen Unterbau, wohl fĂŒr eine Teerung, erhĂ€lt. Bedauerlicherweise werden immer mehr Wege asphaltiert. .Im vorliegenden Fall kann das akzeptiert werden, denn dieser Weg stand bei Regen immer unter Wasser. WĂ€hrend einer Rast an der nĂ€chsten BrĂŒcke ĂŒber die hier noch kleine Seuge kommen ein paar Reiter vorbei. Ich kann nicht erkennen, ob es sich um Jakobspilger handelt. Berittenen Wallfahren, die Wanderwege benutzen, begegne ich mit gemischten GefĂŒhlen, weil die Hufe der Pferde den Boden aufwĂŒhlen. Jedoch erinnert mich der Anblick der Reiter daran, daß sich vor vielen Jahren einige MĂ€nner zu Pferde vom Kölner Dom aus auf den Weg nach Santiago machten. Nie habe ich nĂ€here Einzelheiten dieser berittenen Wallfahrt in Erfahrung bringen können. An ihrer Planung hat wohl der große französische Jakobusforscher RenĂ© de la Coste-MesseliĂšre mitgewirkt, der in diesem Jahr verstorben ist. In La Clauze betrĂŒbt mich der Zustand des „Versammlungshauses“ (assemblĂ©e), dessen Dach schon eingestĂŒrzt ist. Jedoch hĂ€ngt die Glocke, die einst Kinder und Erwachsene des Dorfes zusammenrief, noch in ihrer Arkade. In Villeret-d’Apchier passiert mir ein UnglĂŒck: Der Fotoapparat fĂ€llt mir aus der Hand und prallt hart auf den Boden. Er lĂ€sst sich nicht mehr gebrauchen. Alle Aufnahmen mĂŒssen von nun an mit Lisas Apparat gemacht werden, der ebenfalls schon zu Boden gefallen ist, aber wie es scheint noch in Ordnung ist. Ursula und Lisa baden ihre FĂŒĂŸe in der Virlange, die wir kurz hinter Villeret zum ersten Mal ĂŒberschreiten. Lange gehen wir am Hang ĂŒber den feuchten Niederungen des Wiesenbaches entlang. Ich vermisse die wohl lĂ€ngst verblĂŒhten Wildnarzissen, die den Schriftsteller Helmut Domke zu den schönsten SĂ€tzen in seinem Aquitanienbuch veranlassten. Bei der nĂ€chsten BrĂŒcke ĂŒber die Virlange (nahe an der D 587) legen wir eine Rast ein. Gegen Ende der Wanderung gelangen wir auf einen schönen Weg, der uns, vorbei an Aubrac-KĂŒhen, Pferden und Schafen, zum Gut „Le Sauvage“ fĂŒhrt. Hier können wir BauernkĂ€se, Kartoffeln, Salat und Wein kaufen. Ursula bereitet ein schmackhaftes Abendessen. Danach singen wir wieder französische Volkslieder am Kamin. Uns fĂ€llt ein Belgier auf, der den ganzen Abend in seinem Tagebuch schreibt. Wir bekommen ein eigenes, erst vor kurzem hergerichtetes Zimmer. Insgesamt ĂŒbernachten 10 Personen. Draußen wird es wieder recht kĂŒhl. Als [20] wir zu Bett gehen, betrachtet Lisa lange das Abendrot ĂŒber der Margeride. Nachts bewundert Ursula den sternenklaren Himmel.

10. 7. 1996 Mittwoch: Domaine du Sauvage - Saint-Alban-sur-Limagnole

Am Morgen koche ich reichlich Kaffee und biete dem Belgier eine große Tasse (franz. „bol“) an. Er isst dazu Keks. Das ist sein ganzes FrĂŒhstĂŒck. Dann verabschieden wir uns von Frau Chausse, der Verwalterin des Gutes, und wandern los. An der Kapelle Saint-Roch auf dem Pass der Margeride machen wir die erste Rast des Tages. Lisa schreibt in das GĂ€stebuch des daneben stehenden Hauses (abri), dass ihr die Wanderung mit uns Spaß macht. Hier sehen wir inmitten einer Wandergruppe eine Frau, die sich ihre FĂŒĂŸe an nicht passenden Schuhen blutig gerieben hat. FĂŒr sie ist die Wanderung zu Ende. Mit Schrecken wird mir bewusst, dass das gleiche Schicksal auch Lisa hĂ€tte treffen können. Denn sie hat ihre neu gekauften Schuhe vor unserer Pilgerwanderung ebenfalls nicht erprobt. Ursula und ich haben noch nie passende Wanderschuhe gefunden und gehen deshalb seit Jahren, auch bei Regen, in Birkenstock-Sandalen, deren tiefes Fußbett aus Kork unseren FĂŒĂŸen etwas Halt gibt. Wegen der Sandalen werden wir oft mit einfachen SpaziergĂ€ngern verwechselt.

Am Weg nach Saint-Alban hinein stehen große Texttafeln, die ĂŒber die Jakobuswallfahrt informieren. Mir kommen Zweifel, ob es notwendig ist, solche Holzgestelle in die Landschaft zu setzen. Könnten die gebotenen Informationen nicht ebenso gut aus WanderbĂŒchern oder PilgerfĂŒhrern entnommen werden. Am nĂ€chsten Tag werde ich allerdings anders darĂŒber denken. Am Ortsrand von Saint-Alban kommen wir an einem Irrenhaus vorbei. Überall sind Menschen, die mit sich selbst reden, Grimassen schneiden oder einfach ganz apathisch dasitzen. Der Anblick dieser armen Kreaturen flĂ¶ĂŸt mir Mitleid und Angst ein. In Saint-Alban belegen wir die Wanderherberge des Hotel du Centre. Danach gehen wir in die Albanus-Kirche auf der anderen Seite der Straße und erweisen dem hl. Jakobus, dargestellt in einem Glasfenster des Chores, unsere Reverenz. Zum Abendessen im Hotel bestellen wir das Menu mit Forelle, wie ich vor 15 Jahren hier bei meiner ersten Pilgerwanderung auf der „via podiensis“. Aber die Fische sind jetzt wesentlich kleiner. Ein nicht gerade freundlicher Mann bedient uns. Das Menu kostet 75 FF je Person. Auch mit der Wanderherberge sind wir nicht zufrieden. Die KĂŒche ist im Schlafsaal (18 Betten) untergebracht. Im einzigen, kleinen WC der Wanderherberge stĂ¶ĂŸt unser RĂŒcken jedes mal an den eisernen Toilettenpapierkasten, der aber kein Papier enthĂ€lt. Immerhin können wir unsere gewaschenen Sachen auf der Dachterrasse zum Trocknen aufhĂ€ngen. Die Betten sind alles andere als bequem. Lisa schlĂ€ft unruhig, wĂ€lzt sich wĂ€hrend der Nacht hin und her. KĂŒndigt sich bei ihr eine ErkĂ€ltung an ? Ursula klagt anderntags ĂŒber Druckstellen an ihrem Körper.

Wir sind die einzigen GĂ€ste. Wie wir am nĂ€chsten Tag sehen werden, wĂ€re eine Übernachtung in der Wanderherberge von Les Estrets besser gewesen. [21]

11. 7. 1996 Donnerstag: Saint-Alban - Aumont-Aubrac

Am Morgen frĂŒhstĂŒcken wir ausgiebig auf der Dachterrasse des Hotels und brechen auf. Der Weg aus Saint-Alban hinaus ist nicht gut markiert. Hocherfreut sind wir ĂŒber eine Tafel zum französischen Jakobslied „Quand nous partimes“. Denn wir haben schon ein paar Mal bedauert, das entsprechende Liedblatt zu hause vergessen zu haben. Wir schreiben Text und Noten dieses Liedes ab und werden es von nun an öfters auf unserer Wanderung singen. Unser nĂ€chstes Ziel ist ein schönes und hohes Steinkreuz auf einer Anhöhe, das uns ein StĂŒck weit als Wegweiser dient. Unsere Mittagsrast verbringen wir auf den Stufen der Kirche von Les Estrets. Lisa befreit eine Schwalbe, die sich in die Kirche verirrt hat. WĂ€hrend wir am Dorfbrunnen unseren Durst stillen, kommt mir der Gedanke, in der nĂ€chsten Auflage meines Wanderbuches zur „Via podiensis“ alle Stellen mit trinkbarem Wasser zu vermerken - ganz in der Tradition des „PilgerfĂŒhrers“ des „Codex Calixtinus“ (12. Jahrh.), in dem es ein eigenes Kapitel ĂŒber gutes und schlechtes Wasser am spanischen Jakobsweg gibt. Bevor wir Estrets verlassen, besichtigen wir die Wanderherberge von Madame Rousset. Wir sind begeistert ĂŒber deren Einrichtung (Zimmer mit wenigen Betten) und beschließen, sollten wir eines fernen Tages die Tour wiederholen, hier zu ĂŒbernachten. Frau Rousset lĂ€dt uns zu einem GetrĂ€nk ein. Lisa spielt mit einem netten KĂ€tzchen namens Tao, das zirkusreife LuftsprĂŒnge vollfĂŒhren kann. Hinter dem Dorf ĂŒberschreiten wir auf einer BrĂŒcke die TruyĂšre und befinden uns in einer neuen Landschaft, dem Vulkanbergland des Aubrac. Aber auch hier tritt der fĂŒr die Margeride typische Granit stellenweise auf.

Am frĂŒhen Nachmittag kommen wir in Aumont-Aubrac an und richten uns in einer Wanderherberge ein, die vor kurzem im Bauernhof Ferme du Barri am Ortseingang eingerichtet wurde. Auch hier ist alles vorhanden, was das Herz eines Wanderers begehrt. Wir zĂ€hlen zu den ersten GĂ€sten. Unser erster Gang in der Stadt gilt wiederum der Kirche. An ihrer Westfassade fĂ€llt uns eine große steinerne Jakobusmuschel auf, die ich bislang noch nicht gesehen habe. In der Kirche treffen wir zufĂ€llig den Ortspfarrer Lucien Robert. Er zeigt uns sein Pfarrzentrum neben der Kirche, wo Wanderer, vorzugsweise Pilger, einfach, aber billig die Nacht verbringen können (Matratzenlager in kleineren SĂ€len, KĂŒchenbenĂŒtzung).Im ehemaligen Prioratshaus, das ich vor Jahren verlassen und vermauert vorfand, ist jetzt das Fremdenverkehrsamt untergebracht. Es werden darin auch landestypische Erzeugnisse angeboten. Nach dem selbst zubereiteten Abendessen in unserer Wanderherberge besucht uns Vincent Boussuge, der Besitzer der Wanderherberge. Ihm gehört auch das Hotel Relais de Peyre an der Straße nach Marvejols (ebenfalls mit einer Wanderherberge). Wiederum singen wir französische Volkslieder. Herr Boussuge stimmt krĂ€ftig in das Trinklied „Chevaliers de la table ronde“ ein. [22]

12. 7. 1996 Freitag: Aumont-Aubrac - Nasbinals

Bevor wir von Aumont-Aubrac losziehen, besichtige ich Hotel und Wanderherberge des Relais de Peyre. In der Wanderherberge sind zu viele Betten auf engem Raum. Herr Boussuge möchte das in der nĂ€chsten Zeit Ă€ndern. Die Hotelzimmer (mit grand lit und einem einfachen Bett) sind meist mit Dusche und WC ausgestattet. In La Chaze de Peyre suche ich vergeblich nach Spuren des Jakobusaltares, der in einer alten Urkunde erwĂ€hnt wird. Die beiden Steinkreuze vor der Kirche stehen noch aufrecht, wĂ€hrend ein drittes nicht weit davon zertrĂŒmmert am Boden liegt. In der Bastide-Kapelle, wo wir die erste Rast des Tages machen, schreibt Lisa einen Gruß an die Frau aus Brauweiler in das hier ausliegende Goldene Buch. Im CafĂ© von Les Quatre Chemins, wo jeder von uns ein erfrischendes GetrĂ€nk zu sich nimmt, sehen wir zum ersten Mal an einem Nebentisch einen Mann mittleren Alters. Neben ihm sitzt eine wesentlich jĂŒngere Frau. Wie wir spĂ€ter erfahren werden, gehört zu ihnen auch noch der Bruder der jungen Frau, der von Beruf SĂ€nger ist. Sie werden uns bis Conques noch öfters ĂŒber den Weg laufen und wollen in einem Zug bis Santiago de Compostela gehen. Wir machen uns Gedanken, in welchem VerhĂ€ltnis der Ă€ltere Mann zur jungen Frau steht. Ursula denkt an ein LiebesverhĂ€ltnis, wĂ€hrend Lisa und ich den Mann fĂŒr den Vater der Geschwister halten. Es bleibt ein Pilgergeheimnis, das wir nicht lĂŒften wollen. Dann folgt ein Marsch durch eine Feuchtwiese. Stellenweise steht das Wasser knietief. Lisa fĂŒhlt sich schlapp, macht wohl eine ErkĂ€ltung durch. In Rieutort d’Aubrac legt sie sich ermĂŒdet auf den Boden. Wie jedes mal wenn ich durch diesen Ort komme, trinke ich am schönen Steinbrunnen nahe des Backhauses. Zwar ist das Wasser nicht als „eau potable“ ausgewiesen, aber bisher ist es mir immer gut bekommen. Hinter der BrĂŒcke ĂŒber den BĂšs kann sich Lisa nur mit letzter Kraft weiterschleppen. Wir nehmen ihr den Rucksack ab. In Montgros Ă€rgere ich mich ĂŒber den unnötigen Umweg des GR 65, der nur zu dem Zweck angelegt wurde, die Wanderer an der Wanderherberge des Restaurants „Maison de Rosalie“ vorbeizufĂŒhren. Ich erinnere mich an die vielen negativen Urteile ĂŒber diese GaststĂ€tte: Die Wanderherberge sei schmutzig, die Preise der Gerichte seien ĂŒberhöht.

Wir sind mehr als glĂŒcklich, endlich die kommunale Wanderherberge von Nasbinals an der Straße oberhalb der Kirche zu erreichen. Es ist die komfortabelste unser ganzen Wanderung. Lisa legt sich sofort ins Bett und schlĂ€ft ein. Am Abend treffe ich zufĂ€llig Paul Finet wieder, der gerade im Gemeindesaal seinen Film ĂŒber das Aubrac-Bergland vorfĂŒhrt. Diese Veranstaltung ist Teil des Programms der Gemeinde zum Nationalfeiertag der Franzosen, der ĂŒbermorgen am 14. Juli gefeiert wird. In der „Kalebasse“ Nr. 12 (April 1993) wurde eine deutsche Übersetzung dieses Films abgedruckt. Lange unterhalte ich mich mit dem  Filmautor ĂŒber die Schönheiten des Aubrac. [23]

13. 7. 1996 Samstag: Nasbinals - Saint-ChĂ©ly-d’Aubrac

Wir schlafen lange. Lisa erwacht ausgeruht, aber noch nicht ganz gesund auf. Wir beschließen, mit dem Taxi bis Aubrac zu fahren und von dort die 8 km bis Saint-ChĂ©ly zu wandern. Doch zuvor besichtigen wir den Ort Aubrac. Gespannt bin ich auf den baulichen Zustand der Kirche „Notre Dame des Pauvres d’Aubrac“. Als ich sie 1979 wĂ€hrend meiner ersten Pilgerwanderung von Le Puy nach Conques zum ersten Mal sah, war sie in einem beklagenswerten Zustand. Risse durchzogen die mit Schimmel bedeckten Mauern. An ihrer Restaurierung im Jahre 1985 durften einige Mitglieder der St.-Jakobus-Bruderschaft DĂŒsseldorf (Christa BrĂŒcker, Ehepaar Pennig und die Familien Pigulla und Wipper) mitwirken. Damals wurde ein Drainagegraben um die Kirche gelegt und das Dach neu eingedeckt. Die Mauern des Bauwerks sind aber immer noch nicht ganz trocken. Das Pfarrhaus hinter der Kirche ist nach wie vor in einem erbĂ€rmlichen Zustand. Dann suche ich die Stellen auf, an denen ich Lisa bei diesem Aufenthalt fotografiert habe. Sie war damals zwei Jahre alt. Leider ist aus der Kirche der Beichtstuhl verschwunden, in dem sie sich vor mir immer versteckt hat. Im botanischen Garten von Aubrac zwischen der Kirche und dem Turm der EnglĂ€nder ( „Tour des Anglais“, jetzt Wanderherberge) sehe ich einen Ă€lteren Mann arbeiten und vermute in ihm Francis Nouyrigat. Ich tĂ€usche mich nicht. Bis dahin waren wir nur schriftlich miteinander bekannt. Herr Nouyrigat, der sich selbst als Hobby-Botaniker bezeichnet, hat ein wissenschaftlich fundiertes und reich bebildertes Werk ĂŒber die Flora des Aubrac geschrieben. Neben der Kirche hat er auch die im Aubrac vorkommenden Gesteine ausgestellt und bezeichnet. Des weiteren höre ich, dass das Ehepaar ValĂ©ry ihr Hotel „Etape de l’Aubrac“, in dem ich öfters genĂ€chtigt habe, an das daneben stehende Restaurant „Chez Germaine“ (Madame Gros) verkauft hat. Jahrzehntelang waren sie im Winter die einzigen Bewohner des Ortes. Alle LĂ€den des Hotels sind jetzt geschlossen.

An einem Stand auf dem großen Platz von Aubrac kaufen wir noch einen Kuchen („fouace de l’Aubrac“) und treten fröhlich den Abstieg vom Plateau des Aubrac an, vorbei an vielen Blumen und bereits verblĂŒhtem gelben Enzian. Hinter Belvezet, an der SteinbrĂŒcke ĂŒber den Bergbach, rasten wir kurz. Mit Schmunzeln stelle ich fest, daß wir als RastplĂ€tze BrĂŒcken ĂŒber kleine BĂ€che und Kapellen bevorzugen. Lisa geht es gottseidank wieder gut. WĂ€hrend der Wanderung lernt sie von Ursula den Kanon „Dona nobis pacem“. Um etwa zwei Uhr treffen wir in Saint-ChĂ©ly ein und belegen das Hotel Azam. Beide Wanderherbergen des Ortes sind leider durch Gruppen belegt. Am Abend essen wir das MenĂŒ mit Aligot (98 F), eine landestypische Speise aus KĂ€se und Kartoffel, die lange FĂ€den zieht. Als Fleisch mĂŒssen wir Rindfleisch (boeuf) nehmen, obwohl auf der Speisekarte am Eingang des Hotels auch Lammkoteletts zu diesem MenĂŒ angeboten werden. Die Tochter der Wirtin, eine selbstbewusste kleine Dame von [24] etwa 10 Jahren, hilft beim Bedienen. Das Essen ist seinen Preis wert. Danach sehen wir uns im Gemeindesaal volkstĂŒmliche TĂ€nze an, mit denen hier der morgige Nationalfeiertag „eingefeiert“ wird.

14. 7. 1996 Sonntag: Saint-ChĂ©ly - Saint-Come-d’Olt

Gleich nach dem FrĂŒhstĂŒck im Hotel verlassen wir den Ort und schreiten ĂŒber die schöne SteinbrĂŒcke ĂŒber den Sturzbach „Boralde de Saint-ChĂ©ly“. Es wird der erste heiße Tag unserer Wanderung werden. Am SĂŒdhang des Aubrac-Berglandes treffen wir auf die ersten MaronenbĂ€ume. In ihrem Schatten steigen wir zum Tal des Lot hinunter. Am frĂŒhen Nachmittag belegen wir die Wanderherberge von Saint-CĂŽme, die im französischen WanderfĂŒhrer von Louis Laborde-Balen als „superbe“ bezeichnet wird. Die Lage in einem alten GebĂ€ude des Ortes verdient zwar heute noch dieses positive Urteil, aber die Einrichtung verkommt zusehends. Der KĂŒhlschrank lĂ€uft zwar noch, aber kĂŒhlt nicht mehr. Die BezĂŒge einiger Matratzen starren vor Dreck. Es ist Sonntagnachmittag, und kein LebensmittelgeschĂ€ft hat im Ort geöffnet. Ursula und Lisa gehen an der alten BrĂŒcke von Saint-CĂŽme im Lot baden. An dieser Stelle fließt der Lot mit starker Strömung vorbei, und die in der Flussmitte Badenden können dem Wasserdruck kaum widerstehen. Das erinnert mich an einen frĂŒheren Ferienaufenthalt in Cajarc am Lot, wo der Fluß recht trĂ€ge vorbeifließt. Scherzhart nannte meine damals dreijĂ€hre Tochter Eva-Maria den Fluß „flotte Lotte“. Hier in Saint-CĂŽme ist der Lot aber wirklich flott. Am Abend machen wir Bekanntschaft mit der Schwester des Pfarrers und spazieren zur Kapelle Bouysse, wo gerade provenzalische Mönche Erzeugnisse ihres Landes anbieten.

15. 7. 1996 Montag: Saint-CĂŽme - Estaing

Fast jeden Tag wache ich frĂŒh auf, auch in Saint-CĂŽme. Um fĂŒnf Uhr höre ich zum ersten Mal die Glocken schlagen, zweimal hintereinander fĂŒnf SchlĂ€ge. Um sieben Uhr werden die GlockenschlĂ€ge durch ein melodiöses Glockenspiel eingeleitet. Wir haben in der Wanderherberge eine schlechte Nacht verbracht. Am Morgen sind wir noch ermattet und beschließen, auf dem historischen Weg, also auf relativ ebenen, aber geteerten Straßen nach Estaing zu gehen. Es ist heiß im Lot-Tal, und die Straßen D 556 und D 100 besitzen kaum schattenspendende BĂ€ume. Wir finden diesen Tag schlimmer als den Tag, als wir bei Regen von Rochegude hinunter ins Allier-Tal stiegen. Wir besichtigen die romanische Kirche von Perse kurz vor Espalion. In der Stadt wollen wir Geld vom Geldautomaten abheben, aber dieser ist „indisponible“, wie uns ein Leuchtfeld anzeigt. An der romanischen Kirche von Saint-Pierre de BessuĂ©jouls machen wir Rast. Der Hauptaltar ist dem hl. Petrus, die Kapelle im Obergeschoss des Turmes dem hl. Michael geweiht. Ursula schĂ€tzt diese Kirche besonders, weil ihre beiden Söhne die Namen dieser Heiligen tragen. In einem GebĂ€ude neben der Kirche [25] ist ein Pfadfinderlager untergebracht. Hier machen wir die Bekanntschaft mit zwei Ă€lteren sympathischen Frauen, die spĂ€ter von Lisa „Raschelfrauen“ genannt werden, weil sie im heutigen Nachtlager um 23.00 Uhr lange Zeit an ihren RucksĂ€cken hantieren. In Estaing werden wir von der KommunitĂ€t Saint-Jacques freundlich empfangen. Ein paar Laien pflegen im ehemaligen „CollĂšge“ (hinter der „mairie“) ein klosterĂ€hnliches Leben mit Stundengebet und sorgen sich um die hier einkehrenden Pilger. FĂŒhrender Kopf ist ein Mediziner, der, wie mir gesagt wurde, sechs Kinder hat. Zwei SchlafsĂ€le mit eng gestellten Betten stehen zur VerfĂŒgung. Man hat kaum Platz fĂŒr die RucksĂ€cke. Es gibt keinen Aufenthaltsraum mit Tischen und BĂ€nken, auch keine KĂŒche fĂŒr die GĂ€ste. Jedoch können die Pilger hier das Essen gemeinsam mit den Mitgliedern der KommunitĂ€t einnehmen. FĂŒr Kost und Logis wird eine Spende erwartet. Heute sind etwa 10 Pilger zu Gast. Am Nachmittag erfrischen wir uns im Bad („piscine“) von Estaing, einem Schwimmbecken ohne GrĂŒnflĂ€che. Um 19.00 Uhr nehmen wir am Abendessen teil, das - ganz asketischer Mönchstradition entsprechend - aus salzarmer Suppe und einem gehaltvollen, aber ebenfalls salzarmen Reissalat besteht. Dazu trinkt man Wasser. Leider können wir an den Gottesdiensten nicht teilnehmen: Am Abend sind wir zu mĂŒde, am nĂ€chsten Morgen brechen wir schon vor den Laudes auf.

16. 7. 1996 Dienstag: Estaing - Golinhac

Kurz nach sechs Uhr wecke ich Ursula und Lisa. Denn wir wollen frĂŒh starten, um der zu erwartenden Mittagshitze zu entgehen. Punkt sieben Uhr sind wir aus dem Haus. Über Estaing schwirren Hunderte von Schwalben. Auf der alten BrĂŒcke ĂŒberqueren wir den Lot und steigen dann - meistens im Schatten von BĂ€umen - auf eine HochflĂ€che hinauf. Gegen Mittag kommen wir in Golinhac an. Das örtliche, gut sortierte LebensmittelgeschĂ€ft hat noch offen. Die Wanderherberge im Campingplatz hat ein 2-Bett, ein 3-Bett-Zimmer und zwei SchlafsĂ€le mit je sechs Betten. KĂŒche und sanitĂ€re Anlagen sind in Ordnung. Die fĂŒr die „GĂźte“ verantwortliche Marie-Odile SĂ©guy, eine Frau von betrĂ€chtlicher LeibesfĂŒlle, weist uns auf einen Badesee („plan d’eau“) hin. Sie schickt eine Jugendgruppe in die GĂźte Ă©questre von La Fouillade ca. 500 m vor Golinhac, ebenfalls am GR 65, damit die Nachtruhe in der Wanderherberge nicht gestört wird. Am frĂŒhen Abend trifft eine Gruppe von acht Spaniern ein, die ihre Pilgerwanderung in Le Puy begonnen haben und bis Roncesvalles gehen wollen. Die Wanderherberge ist damit voll belegt. Den beiden „Raschelfrauen“ haben wir das Doppelzimmer reserviert. Kurz bevor ich zu Bett gehe, lerne ich Patrick Huchet kennen, der ein Buch ĂŒber die Geschichte der hl. Anna von Auray (Bretagne) geschrieben hat. Er ist gerade dabei, fĂŒr den Verlag Ouest France ein Buch ĂŒber die Jakobswallfahrt zu schreiben. [26]

17. 7. 1996 Mittwoch: Golinhac - Conques

Wie auf ein geheimes Zeichen stehen um sechs Uhr alle Pilger auf. WĂ€hrend des FrĂŒhstĂŒcks gibt es ein großes GedrĂ€nge in der kleinen KĂŒche und im Aufenthaltsraum. Alle wollen eben schon am kĂŒhlen Morgen einen großen Teil der Strecke bis Conques zurĂŒcklegen, um die Mittagshitze zu vermeiden. Schon in Campagnac sehen wir SĂ©nergues, das am Turm seines Chateau zu erkennen ist. Seit kurzem fĂŒhrt der GR 65 durch dieses StĂ€dtchen und nicht mehr durch Le Vern und Taulan. In Espeyrac muß ich feststellen, dass es das Hotel de la Poste, das so vielen Mitgliedern unserer St.-Jakobus-Bruderschaft als Unterkunft gedient hat, nicht mehr existiert. Die Witwe, der das Hotel gehörte, hat wohl aus AltersgrĂŒnden aufgeben mĂŒssen. Hier ist einer Pilgergruppe aus Coesfeld eine lustige Begebenheit zugestoßen, die Pastor Frintrop in seinem Bericht festgehalten hat.

Hinter dem Friedhof von Espeyrac kommen wir zu dem neuen Weg nach SĂ©nergues. Gleich am Anfang der Neustrecke, an einer neuen HolzbrĂŒcke (mit Muschel und Pilgerstab) machen wir Rast. In SĂ©nergues treffen wir auf den Stufen zur Kirche einen alten Mann, der eine fast ebenso alte Hose anhat. Er blickt uns freundlich an. Ich vermute in ihm den Pfarrer, was er mir im Laufe des GesprĂ€chs auch bestĂ€tigt. Kurz hinter SĂ©nergues kommen wir an einem Haus vorbei, wo ich eine Frau nach dem Weg frage. Als Dank bieten wir ihr an, ein französisches Volkslied ihrer Wahl zu singen, sofern wir es kennen. Das sie mit Vornamen Jeannette heißt, wĂŒnscht sie sich das Lied „Ne pleure pas Jeannette“. Ursula und Lisa singen es ihr mit großer Freude vor. Ob diese Frau wohl weiß, daß dieses Lied im engen Zusammenhang mit einem Lied der französischen Jakobspilger, der „Pernette“ steht. Hinter Fontromieu (= Brunnen der Pilger) kommen wir zum Dorf Saint-Marcel, von dem es nichts Großartiges zu berichten gibt, außer dass hier zum Wohle der Pilger eine öffentliche Toilette und ein öffentlicher Wasserhahn eingerichtet wurden. Da es sehr heiß ist, wissen wir das trinkbare Wasser zu schĂ€tzen. Die Versorgung mit Trinkwasser war bisher nicht immer leicht, und man wĂŒrde sich wĂŒnschen, dass es mehr öffentliche Brunnen am Wege gĂ€be. Denn den Anwohnern werden allmĂ€hlich die dauernden Bitten um Wasser lĂ€stig.

In der Mittagshitze steigen wir in einem von Mauern gesĂ€umten Hohlweg im Schutze schattenspendender BĂ€ume nach Conques hinunter. Erst kurz davor taucht das lange erwartete Conques mit seiner majestĂ€tischen Klosterkirche auf. Auf einem gepflasterten Weg gehen wir in die Mitte des Ortes und begrĂŒĂŸen in der Kirche die hl. Fides (fr. Sainte Foy). Dann treten wir in die Hotellerie „Accueil sainte Foy“, einem großen GebĂ€ude hinter dem Chor der Klosterkirche, ein. Wir werden bereits vom Prior, dem Bruder Jean-RĂ©gis erwartet und singen ihm zur BegrĂŒĂŸung das Lied „Dona nobis pacem“ vor, in das er zu unserer großen Überraschung mit einstimmt. Der Prior, im weißen Habit der PrĂ€monstratenser und mit einem „Handy“ bewaffnet, hat an die[27]sem Tag alle HĂ€nde voll zu tun, die GĂ€ste in seinem Haus unterzubringen, und wischt sich stĂ€ndig den Schweiß vom Gesicht. Trotzdem macht er einen fröhlichen Eindruck. Das PrĂ€monstratenserpriorat besteht zur Zeit aus vier Mönchen: neben dem eben genannten Prior die BrĂŒder Jean-Daniel (Organist), Amans und Donatien. Bis auf Bruder Amans, der aus der provenzalischen Abtei Frigolet stammt, gehören sie zur Abtei Mondaye. Gegen ein Heer religiös uninteressierter Touristen halten diese vier Mönche heute die mehr als 1000jĂ€hrige monastische Tradition aufrecht. Ihnen sind die Kirche, das Kirchenschatz-Museum und die oben genannte Pilgerherberge anvertraut. Am Nachmittag erklĂ€re ich meinen Begleiterinnen kurz das Tympanon der Klosterkirche. An keiner Stelle der Christenheit ist der Glaube, dass eines Tages, eben im Weltgericht des JĂŒngsten Tages, gute Taten belohnt und böse bestraft werden, so eindrucksvoll in Stein gehauen wie in Conques. Lange verweilt Ursulas Blick bei der Bestrafung der Ehebrecher: ein Mann und eine Frau, die mit einem Strick um den Hals erwĂŒrgt werden. Hat sie doch 10 Jahre lang um ihre Ehe gekĂ€mpft, die wegen der Untreue ihres Mannes nicht zu retten war. Dagegen interessiert sich Lisa mehr fĂŒr die kleine gekrĂŒmmte Gestalt am Rande des Bogenfeldes. Es ist Ariviscus, jener Mönch aus Conques, der die Reliquien der hl. Fides in Agen gestohlen und hierher gebracht hat. Dieser „fromme Diebstahl“ legte die Grundlagen fĂŒr den Aufstieg des Benediktinerklosters. Lisa findet die Tat dieses Mönches echt „geil“, wundert sich aber, dass der „oberste Chef im Himmel“ diesen Diebstahl gutgeheißen hat. Dann gehe ich zur klostereigenen Buchhandlung, wo ich zwei BĂŒcher kaufe: „Il est un beau chemin...“ von Jacques Clouteau (beschreibt die Erlebnisse auf seiner Wanderung von Le Puy nach Santiago, insbesondere die mit seinem Esel Ferdinand) und „Retours Ă  Conques“ des Romanautors und Dichters Jean-Claude BourlĂšs (beschreibt auf sehr poetische Weise seine Pilgerwanderung von Le Puy nach Conques). Um 19.00 Uhr nehmen wir das Abendessen in der Herberge ein. Es gibt etwas Wurst, Lassagne und Wasser, auf Bestellung Wein, eigentlich nicht genug fĂŒr hungrige Wanderer. Zwei Stunden spĂ€ter lĂ€utet es zur Vigil, dem Nachtgebet der Mönche, an dem auch wir teilnehmen. Ein Psalm wird gesungen, nicht in der Art des gregorianischen Chorals der Benediktinermönche, sondern etwas moderner, aber durchaus ehrwĂŒrdig. Gegen Ende der Vigil werden von Zetteln FĂŒrbitten abgelesen, in den schweres menschliches Leid zur Sprache kommt: Alkoholismus, Drogensucht, ZerrĂŒttung einer Ehe, Entfremdung der Eltern von ihren Kindern usw. Nur die letzte FĂŒrbitte macht mich weniger betroffen. FĂŒr ein Ehepaar, das seit 10 Jahren kinderlos ist, wird die hl. Fides von Conques, auch sie eine Heilige des Kindersegens, um Hilfe angefleht. Nach Abschluss der Vigil wird der Pilgersegen erteilt. Dazu singen alle Anwesenden ein wohlklingendes Pilgerlied („Chant des PĂšlerins de Compostelle“, von J. Claude Benazet). Jedem Pilger wird ein Evangelienbuch mit auf den Weg gegeben. Zum Schluss gehen alle, Mönche und Laien, unter das Marienrelief im Nordquerschiff und singen das „Salve regina“. Als ich mich [28] schlafen lege, frage ich besorgt, ob in der Klosterkirche von Conques auch durch das 3. Jahrtausend hindurch das Stundengebet von Mönchen gesungen wird. Aber was sind schon Jahrtausende fĂŒr das Christentum, das Gebete mit der Formel „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ abschließt.