Die Kalebasse, Nr. 7, Solingen 1990, S. 15f

Eine besondere Begegnung auf dem Camino

Von Heinz Vossebrecker

 

Es war ein Sommertag im Jahre 1986 in dem kleinen Ort Cacabelos. Gut zwei Drittel des „Camino Francés“ hatten wir geschafft. Große Teile war ich alleine gepilgert, in anderen Abschnitten hatte mich ein Freund begleitet, mit dem ich auch die heutige Tagesstrecke wieder gemeinsam machte. Die Zuversicht, den Camino ganz zu vollenden, war nun sehr groß. In der heißen Mittagssonne gönnten wir uns eine Limonadenpause. Da tauchte um die Straßenecke ein merkwürdiges Pärchen auf: Ein baumlanger Kerl, der von seinem monströsen Rucksack noch um einen Kopf überragte wurde, und eine zierliche junge Frau, ebenfalls mit einem gewaltigen Rucksack beladen.

An den Rucksäcken erkennt man sich. Sie kamen auf uns zu. "Peregrinos?" - "Sí!"

Wir marschierten den Nachmittag gemeinsam nach Villafranca del Bierzo. Dabei erfuhren wir mehr über sie: Das Ehepaar Karen und Terry Whitehill kam aus Portland, einer Stadt an der Westküste der USA. Sie waren etwa 30 Jahre jung. Beim Studium der Geschichte des Mittelalters waren sie auf das Phänomen der großen Pilgerbewegungen gestoßen und hatten sich zum Ziel gemacht, die drei bedeutenden Pilgerziele, Santigo de Compostela, Rom und Jerusalem nacheinander aufzusuchen. Alles konsequent zu Fuß und mit Zelt. Startpunkt war Paris. Mit Erstaunen hatten sie unterwegs gelernt, dass der Camino nach Santiago heute noch lebendig ist. Karen ist Schriftstellerin und hatte die Absicht, ihre Pilgererfahrungen in einem Buch niederzuschreiben.

Am anderen Tag bestiegen wir gemeinsam den Cebreiro. Es machte Freude, mit den beiden zu wandern und zu reden. Sie erwiesen sich als fromme Baptisten, die in der Pilgerschaft weit mehr sahen als nur eine sportliche Leistung. Nach dem Cebreiro verabschiedeten wir uns täglich für immer und doch trafen wie uns anderntags wieder. Das ging so bis Santiago. Da hieß es dann endgültig Abschied nehmen. Es war ein Scheiden, das zu Herzen ging.

Wie ist es den Whitehills danach ergangen? Zu Weihnachten '86 erhielt ich von ihnen eine Karte aus Rom, und Ostern '87 kam aus Jerusalem eine Nachricht mit dem Jubelruf „We made it!“.  In Summe hatten sie 6000 km zu FuĂź zurĂĽckgelegt.

Die Einzelheiten kann man nun in dem Buch „A Walk across Holy Ground“ nachlesen.

Liebe St. Jakobusbrüder, lasst uns ehrlich sein: Auf dem Camino ist man im großen und ganzen doch gut behütet. Man trifft Weggefährten, es gibt gute Wegbeschreibungen und Unterkünfte. Und vor allem wissen die Menschen in den Städten und Dörfern, wer man ist, wenn man eine Muschel auf dem Rucksack hat.

Das alles ist schon nicht mehr so auf dem alten Camino entlang der Kantabrischen Küste, den die Whitehills als Rückweg wählten. Erst recht ändern sich die Verhältnisse in Italien, in der Türkei und in Israel, wo es fast nur noch motorgetriebene Pilger gibt. Erschwerend kam für sie die unwirtliche Jahreszeit hinzu.

Man stelle sich vor: Ein verregneter, kalter 30 km langer 
Pilgertag im Dezember entlang dichtbefahrener Autorouten in
 Norditalien. Gegen Abend lange vergebliche Suche nach einem
 Campingplatz in einer Industriestadt. Endlich - es ist längst 
finster - findet man einen scheinbar einsamen Rasenflecken. Das 
Zelt wird aufgeschlagen. Endlich die verdiente Ruhe! Da geht 
mitten in der Nacht die Sonne auf. Es ist aber nicht die Sonne.
 Es ist die Flutlichtanlage eines Fußballplatzes, auf den man sich 
ahnungslos verirrt hatte. Neugierige Fußballer umlagern das
 Zelt.

Von Erlebnisschilderungen solcher Art ist das Buch voll. Vor allem aber gelingt es der Autorin, die vielen Erfahrungen von Gastfreundschaft mit Herzblut wiederzugeben. Diejenigen, die sich auf dem Camino als Einzelpilger in wochenlangen Märschen Blasen an den Füßen geholt haben, werden wohl am ehesten Verständnis für die sympathisch sentimentale Darstellung solcher Erlebnisse empfinden. Kontakte, die sonst im Alltagbelanglos sind, bekommen da einen ganz einzigartigen Wert.

Insbesondere aber ist das Buch von tiefer Religiosität geprägt. Amerikaner haben eine uns meist fremde, unbefangene Art, ihre religiösen Auffassungen und Empfindungen mitzuteilen. Dies mag nicht Jedermanns Sache sein. Gleichwohl erinnert das Buch daran, dass der Camino mehr sein sollte, als sportliche Selbstbestätigung und kunsthistorischer Exkurs. Und das kann ja wohl nicht schaden.

Das Buch von Karen Whitehill trägt den Titel „A Walk across Holy Ground“ und ist erschienen bei Tyndale House Publishers, Inc. Wheaton, Illinois, USA, 271 Seiten, ISBN 0-8423-7914-2, Preis: US$ 8,95. (Wer mich unter 02204/52418 rechtzeitig anruft, hat vielleicht das Glück, von mir direkt versorgt zu werden.)